Frankens kleine Welten: Schnecken mit Eigenheim | FLZ.de

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Veröffentlicht am 18.05.2023 12:56

Frankens kleine Welten: Schnecken mit Eigenheim

Die Schnirkelschnecke ist in der Region weit verbreitet. Sie ernährt sich wie die meisten andere Arten von abgestorbenen Pflanzen. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Schnirkelschnecke ist in der Region weit verbreitet. Sie ernährt sich wie die meisten andere Arten von abgestorbenen Pflanzen. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Schnirkelschnecke ist in der Region weit verbreitet. Sie ernährt sich wie die meisten andere Arten von abgestorbenen Pflanzen. (Foto: Ulrich Meßlinger)

„Schneckengehäuse sind aus Kalk. Damit werden die Schnecken schon geboren“, erklärt der Biologe Ulrich Meßlinger aus Flachslanden, der unsere Serie fachlich begleitet. „Der Kalk wird in Drüsen in einem Mantel um die Eingeweide produziert. Zusätzlich wird Kalk über die Nahrung aufgenommen.“

Vom Steinpicker bis zum Moospüppchen

Daraus entstehen oft sehr kunstvolle Gebilde. Manche gleichen Türmchen oder Spindeln, andere erinnern an ein Mini-Ufo. Es gibt abgeplattete, gekielte und behaarte Gehäuse. „Der Vielfalt an Formen und Farben ist keine Grenze gesetzt“, weiß Meßlinger aus seiner langjährigen Erfahrung in Westmittelfranken. „Bei den Arbeiten für die FFH-Schutzgebiete in der Region haben wir sehr viel über die Verbreitung von Schnecken erfahren, vor allem über die allerkleinsten und unauffälligsten mit Namen wie Zylinder-Windelschnecke, Steinpicker oder Moospüppchen.“

Ihre Form hat auch dem Posthörnchen, der Haferkornschnecke, dem Hammerschnegel oder der Kristallschnecke ihre Namen gegeben. „Wenn man die verschiedenen Formen und Farben von Schneckenhäusern nebeneinander legt, erschließt sich erst die Vielfalt und auch grafische Attraktivität dieser oft einseitig negativ betrachteten Tiergruppe.“

Alter bis zu 20 Jahren möglich

Die Gehäuse verraten über Größe, Form, Farbe und andere Kennzeichen nicht nur die Art, sondern mit den Jahresringen auch das Alter. „Schnecken werden mehrere Jahre alt, in menschlicher Obhut teils über 20 Jahre.“

Das Gehäuse dient im Sommer als Rettungskapsel, wenn Schnecken oben auf Pflanzenstängeln oder Pfosten sitzen, um sich gegen die Bodenhitze zu schützen. „ Vor allem Heideschnecken heften sich mit Schleim luftdicht an die Unterlage und werden von ihrem Gehäuse geschützt“, so Meßlinger. „Die Nacktschnecken müssen sich dagegen bei zu großer Hitze im Boden verkriechen.“

Im Winter machen die Weinbergschnecke den Deckel drauf

Es ist längst nicht der einzige Nachteil für die Arten ohne Gehäuse. Denn das ist nicht nur gegen die Sonne ein fester Zufluchtsort. „Viele Arten besitzen feste Deckel, die dicht gegen Luft und Feuchtigkeit abschließen. Damit können sie Trockenphasen ohne Feuchtigkeitsverlust überstehen. Und sie können damit schlecht aus dem Gehäuse gepickt werden, zum Beispiel von Drosseln“, sagt der Biologe. „Andere wie die Weinbergschnecke bilden immer wieder von neuem Kalkdeckel. Damit verschließen sie ihren Eingang über den Winter. Im Frühling werfen sie den Deckel ab.“

Schnecken sind vor rund 500 Millionen Jahren im Wasser entstanden. Als sich bei einigen Arten die Kiemen umbildeten, ging es an Land. Heute leben sie von der Tiefsee bis auf über 6000 Meter Höhe in Hochgebirgen.

Mit der Zunge wird die Nahrung fein geraspelt

„Weltweit gibt es mehrere hunderttausend Arten, in Deutschland über 300 Landschneckenarten“, erläutert Ulrich Meßlinger. „Besonders artenreiche Lebensräume sind Kalk-Trockenhänge mit Felsen, wo die wärmeliebenden Tiere oft auf kleinstem Raum alles finden, was sie zum Leben brauchen.“

Bei der Nahrung sind sie sehr flexibel. „Die meisten Landschnecken haben eine Raspelzunge, mit der sie ihre Nahrung vom Untergrund abraspeln, meistens von verschiedenen Pflanzen“.

Selbst Algenbeläge von feuchten Felsen können ihnen reichen. Manche fressen auch lebende Pflanzen – zum Leidwesen der Gartenfreunde. Und es gibt räuberische Schnecken, die Zähne haben und kleine Tiere – selbst andere Schnecken – erbeuten. Für Menschen sind sie harmlos, sie beißen und stechen nicht.

Augen sitzen auf den Fühlern

Viele Arten sind Zwitter, die sich gegenseitig begatten. Dann legen sie weiche, zarte Eier, in Komposthaufen, unter Laub oder moderndes Holz. Ihr Mini-Gehäuse haben Gehäuseschnecken schon dabei, wenn sie aus dem Ei schlüpfen.

Der Kopf besitzt Fühler, an deren Ende Augen sitzen. „Diese Fühler können eingezogen werden, um die Augen zu schützen. Wenn sie berührt werden, sind die Augen sofort weg“, verweist der Biologe aus Flachslanden auf eine Besonderheit. Eine zweite: „Der Fuß der Schnecken ist äußerst beweglich. Sie können damit Löcher graben, in die sie ihre Eier legen. Sie können den Fuß fast wie eine menschliche Hand verwenden, wenn sie zum Beispiel Ei-Pakete in eine bestimmte Form bringen wollen.“

Ein Leben auf großem Fuß

Zum Laufen taugt der Fuß nicht. Schnecken bewegen sich auf einem Kriechschleim, so Meßlinger. „Der Kriechschleim ist sehr elastisch. Er wird von einer Drüse in Kopfnähe gebildet und ermöglicht die Fortbewegung mit raupenartigen Wellenbewegungen. Weil der Schleim so gut haftet, können sie überall hoch oder auch an senkrechten Flächen wieder herunter kriechen. Manche Wasserschnecken nutzen sogar die Oberflächenspannung aus und kriechen an der Unterseite der Wasseroberfläche.“

Das Kriechen ist für Schnecken sehr energie- und stoffaufwändig. Der Schleim bleibt zurück, sie müssen ihn immer wieder neu bilden. Deshalb gehen sie ungern große Strecken, etwa über trockene Flächen. Über feine Sägespäne oder einen ganz feinen Sand kann eine Schnecke nicht kriechen, was die Gartenbesitzer nutzen können.

Kannibalen im Garten

Für viele ist der Kampf gegen Schnecken ein leidiges Thema. Die meisten sehen nur die Schäden in den Beeten. Der Nutzen ist oft nicht zu erkennen. „Einige räuberische Schneckenarten sind wirksame Bekämpfer von Pflanzenschädlingen im Garten“, erklärt Ulrich Meßlinger. „Die sogenannten Schnegel, erkennbar an ihrem graubraunen Körper mit Flecken und Streifen, fallen sogar gern über andere, für uns lästige Schneckenarten her.“

In der Region machen nur ganz wenige Arten Ärger, weil sie Nutzpflanzen erheblich schädigen oder junge Salat- und Gemüsepflanzen komplett auffressen, so der Flachsländer Biologe. „Darunter sind auch nach Deutschland verschleppte Arten, etwa die Spanische Wegschnecke, eine große Nacktschnecke, die mit Transporten nach Deutschland gebracht wurde. Durch internationale Transporte kommen viele Arten zu uns, die meisten können sich aber nicht etablieren.“

Gift tötet zehn Mal häufiger die nützlichen Arten

„Es hilft nichts, da mit Gift ranzugehen, weil man damit auch immer die Gegenspieler der Schnecken kaputtmacht wie Käfer oder andere Schnecken“, warnt Meßlinger vor falschen Hoffnungen. „Man trifft mit dem Gift zehn Mal so viele Schneckenarten wie die, die einen ärgern. Die kleinen und seltenen Arten tötet man auch mit ab.“

Sein Rat: „Am besten ist es, den Gemüsegarten unzugänglich für Schnecken zu gestalten, mit Schneckenzäunen oder mit Hochbeeten. Umso wichtiger ist dies, je näher die nächsten Büsche oder ein Komposthaufen stehen, in denen sich Nacktschnecken sehr gut verstecken können. Am besten man sammelt sie regelmäßig ab, auch wenn das Mühe macht.“

Die Vorteile für den Garten sind schwer zu sehen

Dann rückt für ihn die andere Seite in den Vordergrund: „Schnecken bringen auch Vorteile für den Garten. Wenn sie Material zerkleinern, geben sie es wieder in den Stoffkreislauf zurück. Schnecken fressen vor allem an totem Material. Dies fällt uns nur weniger auf als wenn sie einen formschön gewachsenen Salatkopf malträtieren. Sie zerkleinern Laub, welke Pflanzenteile und bereiten sie damit für Kleinlebewesen und Bakterien vor, die das Material wieder in den Stoffkreislauf zurückbringen.“

Für den Bodenaufbau und die Entwicklung von Humus sind Schnecken also sehr wichtig. Zumal es sie in Massen gibt. Auf feuchten Böden gibt es pro Quadratmeter zum Teil mehrere Tausend Schnecken.

Drei Viertel der Arten sind gefährdet

Noch, denn auch die Kleinen mit ganz wenig Feinden sind nicht sicher, sagt der Biologe. „Drei Viertel der Arten sind gefährdet. Viele sind stark spezialisiert. Damit haben sie oft nur ein sehr kleines Verbreitungsgebiet. Dort leben sie isoliert, und Isolation bedingt immer eine gewisse Gefährdung.“

Die Intensivierung der Landnutzung, fehlende Brachflächen oder Pufferstreifen um Gehölze und an Gewässern treiben die Verluste voran. Straßen und neue Gewerbe- und Wohngebiete lassen die Inseln schrumpfen. „Viele Arten sind bei uns bereits großflächig verschwunden oder leben nur noch in kleinsten Restbeständen. Wie zum Beispiel die Dreizahn-Vielfraßschnecke. Sie haben wir bei Neustadt an der Aisch entdeckt. Das ist der letzte bekannte Fundort in ganz Bayern.“

Große Laufkäfer, Kurzflügelkäfer, viele Vögel und Igel fressen Schnecken. Singdrosseln knacken das Gehäuse und zupfen dann die Eingeweide heraus. Und Laufenten haben einen fast sprichwörtlichen Hunger auf Schnecken, die nicht nur weltweit in Restaurants angeboten werden, sondern auch in der Natur bei vielen Arten auf der Speisekarte stehen. Sie sind ein kräftiger Happen – und können nicht davonrennen.

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