Frankens kleine Welten: Wie Ameisen unsere Natur prägen | FLZ.de

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Veröffentlicht am 28.08.2021 10:00

Frankens kleine Welten: Wie Ameisen unsere Natur prägen

Ameisen sind Überlebenskünstler, wie dieses Bild zeigt. Es entstand an der Altmühl bei einem Hochwasser, das die<br>Nester der Insekten überspülte. Sie klammerten sich aneinander und schwammen wie ein Floß. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Ameisen sind Überlebenskünstler, wie dieses Bild zeigt. Es entstand an der Altmühl bei einem Hochwasser, das die
Nester der Insekten überspülte. Sie klammerten sich aneinander und schwammen wie ein Floß. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Ameisen sind Überlebenskünstler, wie dieses Bild zeigt. Es entstand an der Altmühl bei einem Hochwasser, das die
Nester der Insekten überspülte. Sie klammerten sich aneinander und schwammen wie ein Floß. (Foto: Ulrich Meßlinger)

Ameisen, man glaubt es kaum, lieben den Abflug. Sie paaren sich oft sogar in der Luft. Danach lassen sie ihre Flügel los. Und werden nach der Landung zu einem sehr fleißigen Bodenpersonal.

Ihre sechs Beine und der dreigliedrige Körperbau weisen sie eindeutig der riesigen Familie der Insekten zu. Die Leidenschaft zum Fliegen ist ihnen dagegen nicht anzusehen. Im Gegensatz zur engen Verwandtschaft. Denn Bienen, Hummeln und Wespen gehören wie die Ameisen zu den Hautflüglern, heben aber zeit ihres Lebens ständig ab.

„Die meisten Hautflügler behalten ihre Flügel nach der Verwandlung zum fertigen Insekt zeitlebens“, erklärt Ulrich Meßlinger. „Die Ameisen bilden die Ausnahme. Weibchen und Männchen treffen sich in der Luft. Nach der Paarung brauchen sie die Flügel nicht mehr und werfen sie ab. Die Männchen sterben und die Weibchen versuchen, neue Kolonien zu gründen. Sie leben auf und im Boden, auf oder in Bäumen oder auch in Freinestern.“

Der Biologe aus Flachslanden, der unsere Serie fachlich betreut, kennt viele Eigenheiten der Tiere. „Wer eine Königin wird, entscheidet sich schon vorher. Dabei spielt auch eine spezielle Larvennahrung eine Rolle.“ Im Ameisenstaat hat jedes Tier seinen festen Stand. Arbeiterinnen bekommen keine Flügel, sie brauchen sie nicht.

Weibchen werden nur einmal befruchtet

Die früh auserwählten Herrscherinnen bringen vom Hochzeitsflug reiche Beute mit. „Weibchen werden nur einmal befruchtet und speichern das Sperma über Jahre. Das ist sehr effizient“, verweist Meßlinger auf eine seltene Kombination. Nach einer einzigen Vereinigung sind die Männchen hinüber und die Weibchen können lebenslang immer wieder viele Nachkommen haben.

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Die Exklusivität der Hoheit birgt jedoch auch Gefahren. „Wenn die Königin stirbt, ist der Staat erst einmal am Ende. Aber es gibt auch große Kolonien mit mehreren Königinnen.“ Unter dem Thron ist das Gefolge klar geregelt. „Das Sozialverhalten ist erstaunlich. Es gibt Kasten mit unterschiedlichen Aufgaben, die sich auch in Körperbau und Größe auswirken. Sogar Versklavungen kommen vor. Fremde Ameisen oder ganze Ameisenvölker werden von stärkeren Arten geraubt und müssen dann als Arbeiterinnen dienen.“

Die Arbeit dient dem großen Ganzen. „Ökologisch sind Ameisen extrem wichtig“, betont der Biologe aus Flachslanden. „Die Biomasse der Ameisen auf der Welt entspricht etwa der Biomasse aller Menschen. Es gibt wahnsinnig viele Ameisen. Als ich bei Hochwasser mal mit dem Boot über die Altmühl gefahren bin, habe ich tausende brauner Knäuel gesehen, teils mehrere pro Quadratmeter. Das waren Schwimmflöße der Ameisen, unglaublich viele. Bei Überschwemmungen verlassen sie ihre Nester und klammern sich zusammen. “

Beim Landgang sind Nester überall zu sehen. Ihre Architektur hängt vom eigenen Reich ab. „Manche graben ihre Nester in die Böden, wo es trocken ist. Wenn der Boden nass ist, wachsen die Nester in die Höhe.“

Intelligenz für alle

Das Leben am Hofe folgt uralten Ritualen, erzählt Ulrich Meßlinger. „Ameisen sind eine sehr alte Insektengruppe, mindestens 100 bis 120 Millionen Jahre alt. Das Sozialverhalten unterliegt auch der Evolution, weshalb sie über diesen langen Zeitraum eine sehr intelligente, besonders effiziente Lebensweise entwickelt haben. Bis heute haben sich über 9500 bekannte Arten herausgebildet.“

Inzwischen geht es bergab. Es sind auch bei den Ameisen Arten gefährdet, weil ihre Lebensräume verschwinden – vor allem diejenigen, die in kleinen Kolonien sowieso hart kämpfen müssen. „Ein hoher Anteil der Arten steht inzwischen auf der Roten Liste. Die Gründe sind intensive Landwirtschaft, Spritzmittel, Straßen und Überbauungen. Nährstoffe über die Luft verteilt, die auch vom Verkehr stammen, sind ebenfalls eine Gefahr für sie“, nennt der weithin als unabhängiger Gutachter geschätzte Biologe die größten Bedrohungen.

Die Unterschiede kennen nur die Experten. „Die meisten Arten nehmen die Menschen gar nicht wahr. Aber ökologisch haben sie eine hohe Bedeutung. So ist zum Beispiel der Ameisenbläuling, ein parasitischer Schmetterling, auf bestimmte Arten als Wirt angewiesen.“ Ihre wichtige Funktion für Lebensräume zeigt sich zum Beispiel an ihrer Grabtätigkeit, so Meßlinger. „Dabei werden wichtige Mineralstoffe nach oben befördert und Böden durchlüftet. Ameisen räumen fast alles weg, was an totem Material zu finden ist. Sie bringen es in ihren Bau und verfüttern und verwerten es, etwa kleine Insekten, die gestorben sind. Sie gelten deshalb als Gesundheitspolizei, die wichtig ist, auch um Bakterien und Viren zu bekämpfen.“

Hilfstruppen für die Blattläuse

Bestimmte Schmetterlinge und Vögel würden ohne Ameisen schlicht aussterben. „Der Wendehals, ein kleiner Verwandter der Spechte, ernährt sich zum Beispiel ganz überwiegend von den Puppen der Ameisen. Grünspechte fressen zu erheblichen Teilen Ameisen“, verweist Ulrich Meßlinger auf die Abhängigkeiten, die dem Laien verborgen bleiben. „Viele Kleinvögel ernähren sich ebenfalls zeitweise in hohem Maß vom Ameisen, vor allem, wenn diese zur Paarung ausfliegen. Dazu gehören Bachstelzen, Fliegenschnäpper, Hausrotschwänze oder Neuntöter.“

Ameisen tragen auch zur Bestäubung bei. Sie verschleppen Pollen, aber auch Samen von Pflanzen. „Veilchen sind dafür ein Beispiel. Bestimmte Tiere, die ihnen Pflanzensäfte liefern, hegen und pflegen sie, wie zum Beispiel Blattläuse, die einen enormen Stoffdurchsatz haben. Was diese Blattläuse ausscheiden, ist zuckerhaltig, und das holen sich die Ameisen“, erklärt Meßlinger eine über Millionen Jahre ausgetüftelte Allianz. „Dafür verteidigen sie die Blattläuse gegen Feinde. Das ist enorm komplex.“ Die Ameisen wirken im Verborgenen, schließt Ulrich Meßlinger. „Ihr Einfluss erschließt sich nicht so leicht, aber in verschiedenen Systemen sind sie ein entscheidendes Bindeglied.“

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