Wildbienen werden viel weniger wahrgenommen als ihre bekannteren Verwandten, weiß Ulrich Meßlinger. Der Diplom-Biologe aus Flachslanden begleitet diese FLZ-Serie als fachlicher Berater. „Man denkt immer nur an die Honigbienen, aber es gibt weltweit über 20.000 Arten von Wildbienen, allein in Deutschland über 500 Arten.”
Die Tiere sind als fleißige Helfer bei der Bestäubung von Pflanzen unverzichtbar und von keiner Maschine zu ersetzen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schätzt ihre Bestäubungsleistung weltweit auf 265 Milliarden Dollar jährlich.
Doch der Lohn der Menschen ist Undank – und ein steter Angriff auf die Lebensräume. „In Bayern geht es nur etwa einem Drittel der Arten gut. Die anderen sind entweder schon ausgestorben oder gefährdet”, verweist Ulrich Meßlinger auf die jüngsten Statistiken.
So stabil die Leistung, so verletzlich die Lebensweise. „Entweder bilden die Tiere Staaten und überwintern, wie unsere Honigbienen. Aber die meisten legen Eier ab, sterben und die Eier entwickeln sich an der Nahrung, die mit abgelegt wurde. Aus den Eiern schlüpft im nächsten Jahr die neue Generation.”
Wildbienen haben zum Teil eine sehr starke Bindung an ihre Nahrung. Und sie brauchen einen ganz bestimmten Ablageort für ihre Eier. Beides muss in der Nähe sein. „Die Eiablageorte sind sehr unterschiedlich und oft an relativ extremen Standorten, an Mauern und Steinen oder in Bohrgängen im toten Holz. Die Gänge werden mit den Mundwerkzeugen zum Teil selbst gebohrt”, erklärt Ulrich Meßlinger.
„Es gibt auch welche, die ihre Röhren in ebenen Sand- oder Lehmböden senkrecht nach unten bohren. Andere gehen lieber in waagrechte Strukturen. Aber es muss immer ein offener, höchstens sehr schütter bewachsener Boden sein.”
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Eine überdüngte Landschaft mit fetten Wiesen bietet keine Lebensräume mehr. Wildbienen brauchen Abbruchstellen, Rohböden, offene Uferstellen, schütter bewachsene Waldränder und Gärten – also Stellen, wo für die Landwirtschaft zu wenig wächst. Genau dort fühlen sich die Wildbienen wohl. Ihre Röhren im Boden benötigen genug Wärme, in sandigen Wegen, an sonnenexponierten Hängen, Böschungen und Uferanbrüchen.
Die Arbeitsteilung für den Nachwuchs ist klar geregelt. Ein Weibchen bohrt eine Röhre, sucht sich eine Ritze oder baut ein kunstvolles Gebilde aus Lehm oder Schlamm. Dann legt das Weibchen Nahrung in der Höhle ab, wie zum Beispiel Raupen oder Pflanzenpollen. Dazu werden ein oder mehrere Eier gelegt.
„Die Eier schlüpfen und sind dann mit der abgelegten Nahrung versorgt”, verweist Ulrich Meßlinger auf das erste Kapitel der Fortpflanzung. „Der Hohlraum wird von der Biene verschlossen und die Brut bleibt sich selbst überlassen. Da gibt es die ulkigsten Sachen. Manche Arten legen ihre Eier in leere Schneckenhäuser. Die Mohnsandbiene kleidet ihre Röhre mit einem Blütenblatt vom Mohn aus.”
Männchen haben in ihrem Leben eine einzige Aufgabe: die Weibchen zu befruchten – und zu sterben. „Nur die Weibchen haben einen Stachel und sind langlebiger. Der Stachel hat sich aus einem Legeapparat entwickelt und dient jetzt der Verteidigung. Die Männchen haben das nicht, weil sie außer der Befruchtung keine weitere Funktion besitzen”, so der Biologe aus Flachslanden.
Wildbienen machen keinen Honig. Den produzieren fast nur Hummeln und Honigbienen, die vom Menschen gefangen und weitergezüchtet werden. Die Angst vor Bienen ist unberechtigt, beruhigt Meßlinger. Sie können nur einmal stechen – und das nur im Notfall. „Der Stachel dringt in die Haut eines Menschen oder in den Chitinpanzer anderer Tiere ein, bildet Widerhaken und lässt sich nicht zurückziehen. Der Biene wird die Giftdrüse herausgerissen und sie stirbt. Wespen und Hornissen können dagegen mehrfach stechen.”
Bienen ernähren sich rein vegetarisch. Sie brauchen deshalb keine Angriffswaffen. Manche sammeln Pflanzensäfte, vor allem Nektar. Für die Proteinversorgung sammeln sie dazu Pollen. Auch das, erläutert Ulrich Meßlinger, ist zu einem ausgeklügelten Ablauf geworden.
„Der Nektar ist der Lockstoff für Blütenbestäuber – eine zuckerreiche Substanz, auf die sie völlig scharf sind. Sie stürzen sich auf die Blüten, dabei werden sie mit Pollen eingepudert, und bei der nächsten Blüte, die sie besuchen, laden sie die Pollen wieder ab. So haben sich Pflanze und Insekt als Partner gemeinsam weiterentwickelt.”