Auf den Laufstegen der Natur zeigen sie sich selten. Zerbrechliche Wesen, die lieber in ihrer eigenen Welt bleiben. Ihr Name sagt alles: die Netzflügler sind Meister der Leichtigkeit.
„Der Name kommt von den Flügeln, die fast glasklar durchsichtig sind und durch ihre feine schwarze Aderungen wie ein Netz aussehen“, erklärt Ulrich Meßlinger. Der Biologe aus Flachslanden lenkt in diesem Teil unserer Serie den Blick auf Insekten, die meist im Verborgenen bleiben. Wie der Europäische Bachhaft. „Wer Bachhafte sehen will, muss sich ganz nach Biologenart durch die üppige Pflanzenwildnis entlang von naturnahen Bächen schlagen“, warnt Meßlinger vor der Hoffnung auf allzu leichte Begegnungen.
Wer glaubt, er könne dann mit einem Insektenkescher mal schnell ein paar zarte Tiere zur Besichtigung vorübergehend einfangen, braucht viel Ausdauer. „Vor dem herannahenden Kescher flüchten dann zuweilen Scharen der Bachhafte mit ihren überdimensioniert wirkenden, in allen Regenbogenfarben schillernden Flügeln“, berichtet Meßlinger von seinen Erfahrungen. „Der Flug ist gaukelnd und führt meistens schnell zurück in feuchte, düstere Deckung in Ufernähe. Die Bachhafte ernähren sich räuberisch, vor allem von anderen Uferinsekten wie Eintagsfliegen. Die Larven leben am Bachufer unter Steinen oder Pflanzen.“
Kräftige Beißerchen hat auch die Ameisenjungfer. Sie tritt fast nur abends ins Rampenlicht, wenn sie bei milden Temperaturen Terrassenlampen anfliegt. Trotz ihrer langen Flügel und großen Augen, die sie wie Libellen wirken lassen, können sie bei ihren Opfern kräftig zubeißen. Was den Menschen egal sein kann, beruhigt der Biologe. „Sie können unsere Haut nicht durchdringen und wären selbst dann für uns völlig ungefährlich.“
Schnell eng wird es dagegen für Ameisen. Diese verspeisen oft schon die kleinen Jungfern. Als Larven bauen sie Fang-Trichter auf, am liebsten gleich eine ganze Armada, in losem Sand an Uferabbrüchen, unter Wurzeltellern, unter Vordächern, im Schutz von Holzstößen oder unter dem Trauf von Gebäuden, Felsen oder Waldrändern.
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„Oft werden Dutzende oder gar Hunderte der bis zu zwei Zentimeter tiefen und bis zu fünf Zentimeter breiten Trichter nebeneinander gebaut“, erklärt Ulrich Meßlinger ein ausgetüfteltes Jagdsystem. „Diese Trichter bilden für kleine Fußgänger unter den Insekten ein fast unüberwindbares Labyrinth. Vor allem Ameisen landen in großer Zahl in den Fang-Trichtern und dann in den Mägen der Larven.“ Was der Art den Ehrennamen „Ameisen-Löwe“ einbrachte.
Übertroffen werden sie nur noch von den „Blattlaus-Löwen“. Auch dieser Titel ist eine Form der Anerkennung für einen unermüdlich kämpfenden Nachwuchs, diesmal der Florfliegen. „Die meisten Arten sind grünlich-bläulich gefärbt mit durchscheinenden, deutlich geaderten, irisierend schillernden Flügeln“, so der Biologe. „Wegen ihrer auffallend metallisch-bronzefarben glänzenden Augen werden Florfliegen auch Goldaugen genannt.
Die Weibchen legen mehrere 100 Eier auf langen Stielen an Pflanzen ab. Die Larven krabbeln nach dem Schlüpfen an Pflanzen entlang, den Kopf hin und her schwenkend. Die Beute finden sie dabei allein durch den Berührungsreiz. Spüren sie Beute, beißen sie zu.
Ihre Lieblingsspeise sind Blattläuse, verweist Meßlinger auf eine ungewöhnliche Verbindung. „Eine ganze Blattlauskolonie ist ein Schlaraffenland für Florfliegen. Ist eine Blattlaus erst einmal erbeutet, wird sie mit einem starken Verdauungssekret in Minutenschnelle innerlich aufgelöst und ausgesaugt. Wegen dieses Heißhungers auf Blattläuse werden manche Arten gezüchtet und ihre Larven in großem Umfang für den biologischen Pflanzenschutz eingesetzt.
Die Blattlaus-Löwen haben als größten Feind Menschen, die ihren Garten gern frei von kleinen Tieren halten wollen und Insektizide einsetzen. „Diese töten nicht nur die vermeintlichen Schädlinge, sondern deren Gegenspieler gleich mit“, gibt Meßlinger zu bedenken. „Da sich die Florfliegen langsamer vermehren als Blattläuse, profitieren letztendlich genau jene, die man eigentlich loshaben wollte.“
Die bis sechs Zentimeter großen Netzflügler können für Nutzpflanzen viel Gutes tun. Aber nur, wenn gleich mehrere Voraussetzungen zusammenkommen, wie die Libellen-Schmetterlingshafte zeigen. „Diese kräftigen, gelb-schwarz gemusterten, bis fünf Zentimeter großen Hafte finden wir in der Region nur im Taubertal“, sagt Ulrich Meßlinger. „An sommerlich warmen Tagen patrouillieren die flotten Flieger dort elegant über den blütenreichen, nur sehr extensiv genutzten, vollsonnigen Trocken- und Halbtrockenrasen. Mit ihrem Rundumblick kontrollieren sie den Luftraum. Nur bei Sonne werden sie munter. Verdeckt auch nur eine Wolke die Sonne, setzen sie sich nieder und warten schmetterlingsartig mit weit ausgestreckten Flügeln auf den nächsten Sonnenschein, der ihnen die nötige Energie für den schnellen Flug liefert.“
Neben einem sonnenexponierter Hang brauchen sie extensiv als Wiese oder Weide genutzten lückiger Wuchs mit offenen Bodenstellen und über diesen trockene Pflanzenhalme zur Eiablage, nennt Ulrich Meßlinger die wichtigsten Faktoren. „Wenn einer fehlt, klappt es nicht mit der Fortpflanzung. Zum Beispiel wegen Düngung, Insektizideinsatz, zu früher Mahd – oder wenn die Mahd dauerhaft ausbleibt und die Flächen verbuschen.“