Frankens kleine Welten: Was Libellen einzigartig macht | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 17.08.2021 10:12

Frankens kleine Welten: Was Libellen einzigartig macht

Die Gebänderte Prachtlibelle ist eine der schönsten Arten in der Region. Ihr Anblick bleibt für Menschen ein Genuss ohne Reue, denn Libellen stechen nicht. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Gebänderte Prachtlibelle ist eine der schönsten Arten in der Region. Ihr Anblick bleibt für Menschen ein Genuss ohne Reue, denn Libellen stechen nicht. (Foto: Ulrich Meßlinger)
Die Gebänderte Prachtlibelle ist eine der schönsten Arten in der Region. Ihr Anblick bleibt für Menschen ein Genuss ohne Reue, denn Libellen stechen nicht. (Foto: Ulrich Meßlinger)

Sie tragen klingende Namen wie Prachtlibelle, Flussjungfer, Quelljungfer, Königslibelle. Sie sind bunt, begnadete Flieger und für Menschen völlig harmlos. Aber auch sie sind wie viele Insekten seltener geworden.

Wer im Sommer an einem Weiher sitzt, sieht oft als erstes Libellen. Sie schwirren über dem Wasser oder sitzen in der Vegetation am Ufer. Man kann mit einem Blick mehrere hundert oder tausend Tiere sehen.

Zwei Gruppen gilt es zu unterscheiden, erklärt der Biologe Ulrich Meßlinger, der unsere Serie „Kleine Welten” fachlich begleitet. „Großlibellen besitzen einen kräftigen, oft abgeflachten Hinterleib und breiten ihre breiten Flügel beim Sitzen aus. Vorder- und Hinterflügel unterscheiden sich. Das zum Atmen aufgenommene Wasser können sie am Hinterleib ausstoßen, fast wie bei einem Düsenantrieb.” Die Larven haben äußere, federartige Kiemen am schmalen Hinterleib.

Das Leben der Libelle beginnt als Larve

Beide Gruppen fangen winzig an, als Larven. Diese sind ans Wasser gebunden, weil sie über Kiemen atmen. Die größten werden fünf bis sechs Zentimeter lang. „Manche Arten schaffen mehrere Generationen in einem Jahr. Aber manchmal kann die Larvenphase auch bis zu fünf Jahre dauern, vor allem in den Fließgewässern, wo es kühler ist”, weist Ulrich Meßlinger auf eine der vielen Besonderheiten hin. „Die Larven krabbeln dann irgendwann aus dem Wasser, einen Stamm hoch oder ans feuchte Ufer, und schlüpfen aus ihrer Haut. Diese lassen sie zurück.”

Beim ersten Reifeflug härten die Flügel aus. Kleine Libellen gehen oft zurück ans Gewässer, um zu jagen. Große Libellen findet man auch abseits von Gewässern, aber diese bleiben der Schwerpunkt. Dort paaren sie sich und legen ihre Eier ab. Ohne Gewässer geht bei Libellen nichts.

Entscheidende Meter neben dem Wasser

Doch auch angrenzende Wiesen und Wälder sind wichtig. „Die ersten 20 Meter neben einem Gewässer sind außerordentlich bedeutend für die ersten Stunden im Leben der Libellen. Die Winterlibelle überwintert sogar am Waldrand. Alle anderen sterben spätestens im Herbst ab.”

Bei den Vogel-Azurjungfern hat das westliche Mittelfranken mit die größten Bestände in Bayern, betont Meßlinger. „Sie brauchen Gräben in Auenbereichen, die es zum Beispiel entlang der Altmühl gibt. Das Tal ist flach mit oft extensiver Grünlandnutzung. Die nächsten großen Bestände der Vogel-Azurjungfern gibt es im Donaumoos und im Donauried. Moorbewohner sind bei uns eher selten, es gibt sie zum Beispiel in der Bechhöfer Heide mit zwei Arten der Moosjungfern. Andere Arten leben nur im Bergland. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 80 Arten. Davon finden wir fast 60 auch in Westmittelfranken.”

Die Larven der Libellen haben ausklappbare Fangmasken, die sie wie ein Katapult herausschleudern. „Damit werden Kleintiere gepackt. Das geht bis zu Kaulquappen oder kleinen Fischen. Wird es ihnen zu eng in ihrer starren Haut, häuten sich die Larven, fressen und häuten sich wieder, bis sie die endgültige Größe erreicht haben. Wenn sie noch nicht groß genug sind, um sich zu einem geschlechtsreifen Insekt umzuwandeln, überwintern sie erneut”, beschreibt Ulrich Meßlinger die längste Phase im Libellenleben. „Im Frühling fressen sie sich noch etwas an, bevor sie schlüpfen. Die meisten leben nur zwischen vier und acht Wochen. Sie pflanzen sich fort, so oft wie möglich. Dann ist ihr Lebenszweck erfüllt.”

Auf dem Rücken durch die Luft

Ihr rasanter Flug ist extrem energieaufwändig. Kein Wunder bei der Technik, erklärt der Biologe aus Flachslanden. „Sie sind wahnsinnig geschickte Flugjäger mit Komplexaugen, die aus 7000 bis 30000 Einzelaugen bestehen. Damit haben sie einen perfekten Rundumblick und können auch nach hinten schauen. Das sind mit die leistungsfähigsten Augen im Insektenreich. Dazu haben sie einen hoch entwickelten Flugapparat aus Vorder- und Hinterflügeln, die sich unabhängig voneinander bewegen lassen.”

Libellen machen Blitzstarts, bleiben im Flug stehen, manche können sogar rückwärts oder auf dem Rücken fliegen. Sie fressen kleinere Insekten, Fliegen, Käfer, Bremsen, fliegende Ameisen – und sehr viel Blattläuse. Als Larven eine heiß begehrte Beute für Fische, Wasserkäfer und Amphibien, werden die fertigen Libellen gerne von Vögeln gefressen, die noch einen Tick besser fliegen, wie etwa die Baumfalken.

Ulrich Meßlinger sorgt sich um die passenden Lebensräume. „Libellen sind eine große Freude, aber auch sehr gefährdet. Das liegt vor allem an der Verbauung und Einengung unsere Fließgewässer, der Entwässerung der meisten Feuchtgebiete und ihrer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung, oft bis unmittelbar ans Gewässer. Günstig für Libellen sind die Uferstreifen. Studien an der Altmühl und ihren Zuflüssen haben gezeigt, dass Libellen zunehmen, wo diese Uferstreifen nicht mehr genutzt werden.”

north