Noch vor wenigen Wochen entstand der Eindruck der puren Idylle. Doch aufgrund des nasskalten Wetters der vergangenen Tage spielten sich etwa in dem Storchennest auf dem Altrathausdach in Dinkelsbühl herzzerreißende Szenen ab. Einige Jungtiere haben das vergangene Wochenende nicht überlebt.
Anfang Mai schien dort das Storchenglück noch perfekt zu sein. Die Elterntiere kümmerten sich fürsorglich um ihren Nachwuchs, schafften Nahrung herbei und beschäftigten sich mit Gefiederpflege.
Über die Storchenkamera, die auf dem Altrathausdach in Dinkelsbühl angebracht ist, konnte quasi alle Welt das Wachsen und Gedeihen der Jungstörche beobachten. Immer wieder streckte ein kleiner Storch sein Köpfchen in Richtung Kamera. Erste Stehversuche wurden unternommen und ungelenke Flügelbewegungen waren zu beobachten. Storchenfans – einige sogar in der Antarktis – wurden via Internet Zeugen der Dinkelsbühler Idylle.
Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Die Temperaturen sanken, Dauerregen setzte ein und plötzlich waren die Elternstörche vor allem mit dem Schutz der Jungtiere beschäftigt. Der Überlebenskampf begann. Einige der jungen Störche haben diesen verloren.
Die Folge: Im Gästebuch zur Webcam der Ortsgruppe Dinkelsbühl des Bund Naturschutz häuften sich die Einträge besorgter Storchenfreunde. Auch in der Redaktion der FLZ in Dinkelsbühl ging ein Anruf eines erschütterten Nestbeobachters aus Norddeutschland ein. Da müsse man doch etwas tun, forderte der Mann.
Soll man nun die toten Tiere aus dem Nest holen? Inzwischen haben die Betreiber der Storchenkamera reagiert. Auf der Website findet sich der Hinweis: „Liebe Gäste, bei einer Entnahme der beiden toten Jungstörche aus dem Nest ist die Gefahr groß, dass der noch lebende Jungstorch aus Angst aus dem Nest hüpft. Aus diesem Grund wird auf eine Entnahme der Störche verzichtet.“
Im gesamten Landkreis Ansbach kümmert sich ein Team vom Landesbund für Vogelschutz, Kreisgruppe Ansbach, um die Störche. Holger Frank schreibt dazu in einer Mitteilung: „Die aktuellen Beobachtungen mögen uns grausam erscheinen... Der Weißstorch bleibt trotzdem ein Wildtier.“ Deshalb würden die Altstörche in schlechten Jahren mit wenig Futter oder widrigem Wetter – wie aktuell – bewusst ihre Nachkommenzahl reduzieren.
„Nach dem Grundsatz, ein oder zwei einigermaßen ernährte Jungstörche sind besser als vier unterernährte, werfen sie auch mal ihren eigenen Nachwuchs aus dem Nest. In der Regel sind dabei die Jungvögel krank oder bereits verstorben.“ Dies sei ein ganz natürlicher Vorgang der Arterhaltung. Da Eingriffe in die Nester einheimischer Vogelarten laut Naturschutzgesetz verboten sind, sei dies kein Grund, aktiv in das Brutgeschehen einzugreifen und zu ständigen Störungen am Horst beizutragen.
Dies bestätigt auch Storchenfreundin Sabine Edelberg aus Feuchtwangen. „Man überlässt das der Natur“, sagt sie im Gespräch mit der FLZ und betont: „Auch uns tut es weh, dabei zuzuschauen.“ Gleichwohl kann sie aus Feuchtwangen auch Positives berichten. In den Horsten, die Sabine Edelberg im Blick hat, ist die Bilanz nicht ganz so schlimm wie auf dem Altrathausdach in Dinkelsbühl. Hier haben viele Jungstörche überlebt. Sie hatten das Glück, etwas später geschlüpft zu sein, so dass sie während des Regenwetters von den Eltern komplett geschützt werden konnten.
Der Dinkelsbühler Nachwuchs sei bereits zu groß gewesen, außerdem hätten die Jungtiere noch kein vor Nässe und Kälte schützendes Federkleid gehabt. Deren Flaum habe sich mit Wasser vollgesogen, dadurch sei eine Unterkühlung oder Lungenentzündung entstanden, was zum Tod der jungen Störche geführt habe.