Manche Streuobstbäumen sind die einzigen Überlebenden ihrer Baumfamilien. Je zwei pro Sorte stehen im Triesdorfer Pomoretum. Umso wertvoller ist der Genschatz der dortigen 1200 Apfel-, 350 Birnen- und 120 Zwetschgen- und Pflaumensorten. Für den Streuobstpakt Bayern wird der Triesdorfer Schatz nun gehoben.
Es war kein Zufall, dass Umweltminister Thorsten Glauber im Herbst 2022 in Triesdorf (Landkreis Ansbach) den Streuobstpakt vorstellte. Denn bei der anvisierten Pflanzung von einer Millionen Bäumen im Freistaat bis 2035 kommt Baumwarten eine Schlüsselrolle zu. Deren Ausbildung hatten wiederum die Triesdorfer Landwirtschaftlichen Lehranstalten bayernweit wiederbelebt – nach jahrzehntelanger Pause.
Doch etwas ist noch wichtiger als zum Beispiel der optimale Schnitt eines jungen Streuobstbaums: der für den jeweiligen Standort beste – und vor allem auch absolut gesunde – Baum. Denn der Sortenpionier soll ja nicht gleich ansteckende Viruserkrankungen weiterverbreiten.
Solche Bäume zu ermitteln und gleichzeitig für deren Gesundheit garantieren zu können ist eine harte Nuss. Doch der Triesdorfer Gartenbauexperte Benjamin Steiger ist schon dabei, sie zu knacken.
„Genetische Sortenerhaltung im Rahmen des Bayerischen Streuobstpakts“ – kurz BaySort –, so heißt sein Projekt. Seit 1. Januar und voraussichtlich bis 31. Dezember 2025 engagiert sich der Absolvent eines Gartenbaustudiums für BaySort. Insgesamt werden 222.000 Euro für BaySort aufgewendet. Davon zahlt 80 Prozent das Landwirtschaftsministerium und 20 Prozent der Bezirk Mittelfranken.
Tatkräftig unterstützt wird Benjamin Steiger von Dr. Michael Tröster, dem Abteilungsleiter für Pflanzenbau und Versuchswesen bei den Lehranstalten, und von Gärtnermeister Simon Schnell.
Das Team kann auf Vorarbeiten aufbauen. Die Deutsche Genbank Obst (DGO), die von Dresden aus koordiniert wird, hat ihre größte Sortensammlung – das Pomoretum – vorangebracht. Von 2017 bis 2021 begutachteten drei Pomologen im Auftrag der Genbank Apfelsorten im Pomoretum – in Zusammenarbeit mit dem Julius-Kühn-Institut.
Bisher insgesamt rund 850 Sorten stuften sie als echt ein, wobei das Trio die Analysen fortsetzt. Jede dieser 850 Sorten wurde molekulargenetisch untersucht, um den genetischen Fingerabdruck digital abspeichern zu können. Dadurch lässt sich bei Bäumen etwa durch die Analyse von Blattgewebe leicht feststellen, zu welcher Sorte sie gehören.
Durch BaySort sollen nur die wertvollsten „Goldmünzen“ des Triesdorfer Genschatzes Wurzeln schlagen – in Form von vielen starken Streuobstbäumen. Es sollen nur von den Sorten Edelreiser für Baumschulen gezogen werden, über die nur Triesdorf verfügt, und die gleichzeitig für bestimmte Standorte optimal sind. Zum Verständnis: Reiser sind einjährige Triebe. Sie werden im Pomoretum im Winter abgeschnitten und auf andere Apfelbäume aufgepfropft. So entsteht, ausgehend von dem Reiser, ein genetisch absolut identischer Klon des ursprünglichen Baums. Dieser vermehrt sich per Reiser somit sortenrein.
„Wir wählen Apfelsorten aus, die geeignet sind, aber nicht schon von anderen Reiserschnittgärten angeboten werden“, erläutert Benjamin Steiger. Er schätzt, dass dies für etwa 20 bis 40 der schon molekulargenetisch untersuchten Triesdorfer Apfelsorten gelten wird.
Doch für die Weitergabe an Baumschulen sind die Hürden hoch. Es genügt nicht, dass die Reiser augenscheinlich frei von Viruskrankheiten sind. Vielmehr muss das durch umfassende Untersuchungen ausgeschlossen werden. Wird aber eine Viruserkrankung festgestellt, gibt es eine spezielle Vorgehensweise. Der Baum kommt in einen Raum mit 40 Grad Temperatur. Bei dieser Hitze wächst er weiter, während die Viren sich nicht vermehren können. Die Spitze eines Triebs ist dann virenfrei und kann als Grundlage für einen Reiser abgeschnitten werden.
Ziel des Vorhabens ist nach Angaben der drei Experten „eine standardisierte Plattform für die Reiserbestellung“. Zudem werden Schulungsmaßnahmen zur Veredelung von Jungbäumen konzipiert und umgesetzt.
„Somit soll sichergestellt werden, dass alle Akteure in das Vorhaben eingebunden sind, gesunde Bäume über die Baumschulen verkauft und regionaltypische beziehungsweise alte Obstsorten wieder in die Kulturlandschaft zurückgeführt werden können“, so das Fazit des Teams.
Die Zahl der Streuobstbäume in Bayern nimmt seit Jahren ab. Während es 1965 schätzungsweise noch rund 20 Millionen gab, so sind es jetzt nur noch etwa sechs Millionen. Nach Schätzung des Landschaftspflegeverbands Mittelfranken gehen im Freistaat weiter jährlich circa 2,65 Prozent der Streuobstbäume verloren.
„Mit dem Bayerischen Streuobstpakt soll eine Trendwende eingeleitet werden, die auf öffentliche Unterstützung setzt“, betonen die Fachleute. Mit dem Pool an alten Obstsorten des Triesdorfer Pomoretums könne „ein wichtiger Beitrag geleistet werden, um nachhaltig für den Erhalt von Streuobst in der bayerischen Kulturlandschaft zu sorgen“.