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Veröffentlicht am 28.05.2023 11:58

Tollhaus FC Bayern: Meister-Emotionen und Bruch mit Kahn

Bei der Meisterfeier gab Thomas Müller (M.) alles. (Foto: Sven Hoppe/dpa)
Bei der Meisterfeier gab Thomas Müller (M.) alles. (Foto: Sven Hoppe/dpa)
Bei der Meisterfeier gab Thomas Müller (M.) alles. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei der doppelten Titelfeier von Fußballerinnen und Fußballern des FC Bayern in Dirndl und Lederhosen auf dem Marienplatz jubelten tausende rot-weiß gekleidete Fans ihren Meisterteams im strahlenden Sonnenschein glücklich zu.

Nach dem emotionalsten Meistertitel seit mehr als zwei Jahrzehnten konnte beim deutschen Rekordchampion von einer heilen Bayern-Welt aber keine Rede sein. Präsident Herbert Hainer und der neue Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen mussten vielmehr den offenen Bruch mit dem abgesetzten und darüber verärgerten Boss Oliver Kahn sowie das Bild der Zerrissenheit erklären, das der Rekordchampion am Ende seiner Chaos-Saison abgibt.

Neue Führungsriege und Rummenigges Rückkehr

„Neustart“, „Teamwork“, „neu angreifen“ waren die Schlagworte auf ihrer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in der Allianz Arena. Das alles wird ohne den ehemaligen Torwart-Titan Kahn und auch Sportvorstand Hasan Salihamidzic passieren, dafür mit Dreesen als neuem Chef, einem Comeback light von Karl-Heinz Rummenigge im einflussreichen Aufsichtsrat und einem noch unbekannten Mister X als Sportvorstand.

Nach Jamal Musialas Last-Minute-Meistertor zum 2:1 in Köln explodierten am Samstag zunächst im FC-Stadion die Gefühle bei den Bayern-Stars, inklusive des zu diesem Zeitpunkt wie Kahn längst über seine Abberufung unterrichteten Sportchef Salihamidzic. Aber das mit dem Saison-Abpfiff publik gewordene Vorstands-Beben überlagerte das Fußball-Wunder im Fernduell mit den nervlich versagenden Dortmunder bei Weitem.

Auch Trainer Thomas Tuchel reagierte verstört. „Wir haben auch jetzt ein politisches Thema im Club, das auch diesen Sieg und diese extreme Meisterschaft, diese extreme Willensleistung ein bisschen trübt“, beklagte der 49-Jährige. Irgendwie passe das aber ins Saisonbild, meine Tuchel „Unsere Rückrunde war chaotisch“, resümierte der Ur-Bayer Thomas Müller. Sportlich war sie nicht Bayern-like, weder auf noch neben dem Platz. Und doch genossen Müller, Neuer, Kimmich und Co. am Sonntagabend den Balkon-Auftritt vor tausenden Fans. „Gratulation! Bis nächstes Jahr“, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter.

Kahn reagierte „emotional“, oder doch nicht?

Der große, finale Wumms wurde schon vor dem dramatischen Saisonausklang im Aufsichtsrat beschlossen, mit Präsident Hainer an der Spitze - und Uli Hoeneß als immer noch starker Kraft. Der Ehrenpräsident und Vereinspatron war am Samstagabend bei der Meisterfeier in der Münchner Motorworld in vielen Gesprächen zu sehen. Der 71-Jährige sprach nicht öffentlich, aber er handelte. Hainer berichtete, dass er gemeinsam mit Hoeneß auch die Gespräche mit Kahn und Salihamidzic geführt habe. Die zwei Ex-Spieler, die Hainer „Ikonen“ nannte, reagierten dabei jedoch höchst unterschiedlich.

„Mit Hasan hat das sehr gut geklappt“, sagte Hainer. „Die Gespräche mit Oliver sind nicht so gut gelaufen, waren emotional“, verriet Hainer. Ein Ende mit Anstand, also einvernehmlich, habe nicht funktioniert. Einer Mitreise von Kahn nach Köln kam der Aufsichtsrat mit dessen sofortiger Abberufung bevor. Kahn beklagte in seinen Wochenend-Reaktionen den „Aktionismus“ des Vereins, sprach am Samstagabend bei Sky sogar „vom schlimmsten Tag seines Lebens“.

Er widersprach am Sonntag auch der Behauptung, „dass ich ausgerastet bin, als ich über die Abberufung informiert wurde“. Salihamidzic ging traurig, aber mit Stil. Der 46-Jährige feierte mit der Mannschaft zunächst in den Sonntag. Und auch auf dem Rathausbalkon durfte er sich noch einmal vor den Fans zeigen.

Ende gut, alles gut? Nein! So blauäugig ist beim Bundesliga-Krösus nach der soeben abgewendeten ersten titellosen Saison seit 2012 niemand. Hainer sprach von „Warnsignalen auf und neben dem Platz“, der FC Bayern müsse wieder „Dominanz ausstrahlen“.

Neue Sportvorstand hat Priorität

Eine Schlüsselrolle nimmt als starker Mann nun Dreesen ein. Zehn Jahre war der 55 Jahre alte Ostfriese als Finanzvorstand der Herr der Zahlen. Eigentlich wollte er den Verein im Herbst verlassen. Er hätte Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga werden können, aber „wenn der FC Bayern ruft...“ Dreesen erhält einen Zweijahresvertrag. „Ich habe mit ganzer Überzeugung Ja gesagt.“ Er will den Verein befrieden, und er setzt dabei aufs „Team“.

Das Kernteam um ihn herum, das sportlich den FC Bayern der Zukunft bauen soll, lautet Rummenigge, Tuchel und ein Ersatz für Salihamidzic. Rummenigge soll am Dienstag in den Aufsichtsrat aufgenommen werden. Hainer rühmte den „Fußball-Sachverstand“ des 67-Jährigen, der vor zwei Jahren den Vorstandsvorsitz für Kahn geräumt hatte. Tuchel soll als Coach noch stärker in die Zukunftsplanungen eingebunden werden. Er werde jetzt nicht in den Urlaub fahren, kündigte Tuchel an: „Ich muss Verantwortung übernehmen für die sportliche Weiterentwicklung“, sagte der Nachfolger von Julian Nagelsmann.

In den Fokus rückt die Verpflichtung eines Sportvorstandes. Die Transferphase steht an. „Natürlich suchen wir jemanden, der sein Geschäft versteht von A bis Z“, sagte Hainer. Max Eberl von RB Leipzig und Markus Krösche von Eintracht Frankfurt werden als Kandidaten gehandelt. „Ich denke, dass die beiden sehr gute Sportvorstände sind, wenn sie mit ihren Vereinen im DFB-Pokalendspiel sind“, bemerkte Hainer dazu. Hoeneß' Favorit soll Ex-Bayern-Profi Eberl sein. Ihn wollte Hoeneß schon zu dessen Gladbacher Zeiten holen.

© dpa-infocom, dpa:230528-99-854914/11


Von dpa
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