Als Maulwurf in der „Reichsbürger“-Gruppe? Thomas T. überrascht mit seiner Aussage | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.01.2026 16:30

Als Maulwurf in der „Reichsbürger“-Gruppe? Thomas T. überrascht mit seiner Aussage

Anwalt Wolfgang Heer (links) will für seinen Mandanten Thomas T. die Entlassung aus der U-Haft erreichen. (Archivbild: Frank Hoermann/SVEN SIMON)
Anwalt Wolfgang Heer (links) will für seinen Mandanten Thomas T. die Entlassung aus der U-Haft erreichen. (Archivbild: Frank Hoermann/SVEN SIMON)
Anwalt Wolfgang Heer (links) will für seinen Mandanten Thomas T. die Entlassung aus der U-Haft erreichen. (Archivbild: Frank Hoermann/SVEN SIMON)

Mit einem Knall beendet Thomas T. seine Aussage am Oberlandesgericht München: Nach jahrelangem Schweigen hatte er nun Stellung bezogen zu den Terror- und Putsch-Vorwürfen gegen ihn. Zum Höhepunkt legt er ein Geständnis ab, bezeichnet sich als „Maulwurf“ in der Gruppe – und seine Verteidiger beantragen, ihn aus der U-Haft zu entlassen.

Der Mann aus Buch am Wald im Kreis Ansbach muss sich seit 98 Prozesstagen zusammen mit Weiteren vor dem Staatsschutzsenat verantworten. Sie sollen mit weiteren in Frankfurt und Stuttgart Angeklagten aus dem „Reichsbürger“-Milieu geplant haben, die Regierung gewaltsam zu stürzen.

Als spiritueller Berater und Sekretär für das vermeintliche Oberhaupt Heinrich XIII. Prinz Reuß soll Thomas T. tief in die Pläne verstrickt gewesen sein, glaubt der Generalbundesanwalt.

„Haltlosen Verschwörungserzählungen aufgesessen”

In seiner Aussage auf 102 Seiten erklärt der 61-Jährige dagegen, ein leichtgläubiger Einfaltspinsel gewesen zu sein. Er sei „haltlosen Verschwörungserzählungen aufgesessen.“ Vor allem jenen von staatlichen Folteranlagen für Kinder und einer geheimen Macht, die in Deutschland „aufräumen“ werde. Er wolle für seine Taten die volle Verantwortung übernehmen.

Thomas T. aus Buch am Wald sitzt seit inzwischen 97 Verhandlungstagen in München vor Gericht. (Archivbild: Frank Hoermann/SVEN SIMON)
Thomas T. aus Buch am Wald sitzt seit inzwischen 97 Verhandlungstagen in München vor Gericht. (Archivbild: Frank Hoermann/SVEN SIMON)

Prozess um Putschisten-Gruppe: Der „Seher” aus Buch am Wald bricht sein Schweigen

Thomas T. soll 2022 mit anderen den Umsturz geplant haben. Nach 96 Tagen in München vor Gericht äußert er sich erstmals – und die Aussage hat es in sich.

Gleichzeitig belastet er andere Mitglieder der „Gruppe Reuß“ schwer. Insbesondere der Ex-Soldat Peter W. sei ihm zunehmend unheimlich geworden. Dieser hatte lange im Landkreis Ansbach gewohnt und Thomas T. häufig besucht – ungebeten, wie der 61-Jährige betont. W. habe mit anderen davon gefaselt, den Bundestag zu stürmen, und sogar eine Schießübung organisiert. Einmal habe er eine Pistole bei Thomas T. verstecken wollen. Daraufhin habe er Peter W. vom Hof gejagt.

Viele Widersprüche in der Welt der „Gruppe Reuß“

Generell äußert sich der 61-Jährige ablehnend gegenüber Gewalt. Das ist ein Spagat, immerhin gibt es auch die andere Perspektive: Dass er in einem abgehörten Telefonat erklärte, es müssten vermeintliche Kollaborateure elitärer Geheimbünde „weg“ – und zwar „bis zum Tankwart, bis zum Gastwirt“. Da ist seine Begeisterung für Soft-Air- und Taktikspiele mit Militärequipment und echten Panzern. Außerdem seine Affinität für den Schießsport. Als er bei besagter Schießübung der „Gruppe Reuß“ nicht auf 300 Meter Distanz feuern durfte, sei er enttäuscht gewesen. Er erklärt all das mit Interesse für Geschichte, große Maschinen, Technik und seiner Abenteuerlust.

Die weiteren Ausführungen des 61-Jährigen springen quer durch alle gängigen Verschwörungsnarrative und widersprechen sich oft selbst. Das sei ihm inzwischen auch selbst bewusst, sagt er. Immer wieder verweist Thomas T. auf Informationen aus der Chatplattform Telegram, denen er einfach geglaubt habe. „Ich habe den Blick auf die Realität verloren“, sagt er.

Vom „militärischen Arm“ bedroht worden

Von seiner Gabe als „Seher“ scheint Thomas T. dagegen weiterhin überzeugt zu sein. Visionen hätten ihn schon in der Kindheit vor Gefahren beschützt. Er habe Vorausahnungen allerdings in der „Gruppe Reuß“ den falschen Personen erzählt und sie damit womöglich aufgestachelt.

Und trotzdem sei in ihm mit der Zeit Skepsis gewachsen. Während er in dem Glauben an elitäre Echsenmenschen, die Kinder foltern, voll und ganz aufging, seien ihm andere Behauptungen in der Gruppe wirr und „immer extremer“ vorgekommen. Etwa die einer geheimen Nazi-Basis in der Antarktis.

Als sich Thomas T. mit einem Vertrauten darüber austauschte, sei es zum Bruch mit dem „militärischen Arm“ der Gruppe gekommen. Diese hätten ihn des Verrats bezichtigt, bedroht und ausgeschlossen. Er habe sie auf Telegram blockiert.

Kommt Thomas T. jetzt auf freien Fuß?

Seinem Sohn, der Polizist ist, offenbarte Thomas T. im Herbst seine Sorge vor einem Gewaltausbruch. Der habe sich allerdings schwergetan, der Geschichte seines Vaters zu folgen. Daraufhin habe er sich entschlossen, sich wieder in der Gruppe einzuschmeicheln, um sich als „Maulwurf“ zu betätigen. Konkrete Informationen habe er dann über seinen Sohn den Behörden zukommen lassen wollen. Daraus wurde nichts: Im Dezember verhafteten ihn eben diese.

Nach Auffassung seines Anwalts Wolfgang Heer soll das umfangreiche Geständnis seinen Mandanten aus dem Gefängnis bringen. Thomas T. sei gesundheitlich geschädigt, nicht vorbestraft, benehme sich in der U-Haft tadellos und Fluchtgefahr bestehe wegen der familiären Bindung auch nicht. Als gewichtiges Argument führt Heer an, dass Thomas T. bereits drei Jahre hinter Gittern sitzt. Angesichts seiner strafmildernden Aussage sei die Frage, ob nicht die U-Haft bald schon so lange wäre wie die zu erwartende eigentliche Haftstrafe. Heer brachte etwa eine elektronische Fußfessel als Auflage ins Spiel.

Über den Antrag entschieden wurde zunächst nicht. Der Prozess wird in den folgenden Wochen fortgesetzt.


Johannes Hirschlach
Johannes Hirschlach
Redakteur für Digitales
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