Gegen Hass und Hetze: Menschen gehen in Ansbach auf die Straße | FLZ.de

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Veröffentlicht am 03.02.2025 06:00

Gegen Hass und Hetze: Menschen gehen in Ansbach auf die Straße

Der Martin-Luther-Platz voller Menschen: Offensichtlich war es vielen Ansbachern wichtig, mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen für Toleranz und gegen politische Verrohung zu setzen. (Foto: Zeynel Dönmez)
Der Martin-Luther-Platz voller Menschen: Offensichtlich war es vielen Ansbachern wichtig, mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen für Toleranz und gegen politische Verrohung zu setzen. (Foto: Zeynel Dönmez)
Der Martin-Luther-Platz voller Menschen: Offensichtlich war es vielen Ansbachern wichtig, mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen für Toleranz und gegen politische Verrohung zu setzen. (Foto: Zeynel Dönmez)

Der Ton im politischen Deutschland ist fraglos schärfer geworden, bei der anstehenden Bundestagswahl befürchten nicht wenige Menschen, dass sich eine in Teilen als gesichert rechtsextrem geltende Partei wie die AfD zur zweitstärksten Kraft im Land aufschwingt. Bei einer Kundgebung am Samstag auf dem Ansbacher Martin-Luther-Platz, zu der rund 2000 Menschen kamen, zogen einige der Redner Parallelen zum Aufstieg Hitlers und seiner brauen Schergen.

In der Begrüßungsrede rief Hauptorganisator Benjamin Kießling vom Deutschen Gewerkschaftsbund ins Gedächtnis, dass „zunehmend vergessen wird, dass Hitlers Machtergreifung kein Schicksal war. Er war auf die Unterstützung konservativer Kräfte angewiesen“. Tatsächlich fand die NSDAP bei keiner Wahl vor 1933 eine Mehrheit im Volk. Entsprechend sieht Kießling bei den aktuellen politischen Kräfteverhältnissen „eine besondere Verantwortung von CDU/CSU“.


Widersprechen. Nachfragen. Aufklären. Dazu braucht es nicht viel Mut.

Jens Porep

„Die AfD darf kein politisch akzeptierter Mitstreiter im politischen Prozess werden“, kritisierte Ulrich Rach, Sprecher der Bürgerbewegung für Menschenrechte, im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse im Bundestag. Das Einlassen der Union in der Migrationsfrage auf die Unterstützung der Stimmen der AfD kritisierte Rach scharf. Aus seiner Sicht war das ein Sündenfall. „Bürgerliche Kräfte dürfen keine Steigbügelhalter einer gefährlichen Partei“ sein.

„Hass und Hetze sind keine Meinung“ stand auf einem kleinen Plakat in der Menschenmenge zu lesen. Ein kurzer, ein großer Satz, womöglich hatte ihn Jens Porep, Pfarrer in der evangelischen Friedenskirche, ja gesehen. Der Geistliche ging, ob Absicht oder nicht, in einem bemerkenswerten Wortbeitrag auf die dazugehörige Botschaft ein.

„Wir müssen die widerwärtigen Aussagen ernst nehmen. Sie meinten es damals so und sie meinen es heute so.“ Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit würden wieder salonfähig, politisch wie gesellschaftlich. Der Pfarrer warnte: „Das ist nicht nur Säbelrasseln.“

Die Stimmung im Land ist gereizt

Die Stimmung im Land nimmt nicht nur Jens Porep als gereizt wahr. Der politische Rechtsruck von – nach aktuellen Umfragen – rund einem Fünftel der wahlberechtigten Deutschen polarisiert. Wohl auch deshalb beschwor er den Zusammenhalt der Gesellschaft, abseits von politischem Machtstreben und persönlichen Ressentiments. „Wir stehen vor gemeinsamen Aufgaben, die wir miteinander lösen müssen. Abschieben und ausschließen ist nicht der Weg.“

Nur wie vorgehen, wenn dumpfe Parolen gegrölt, wenn Lügen als Wahrheiten verbreitet oder anstelle von Gedanken zur Lösung eines Themas lediglich Ressentiments geschürt werden? Porep ließ seine Antwort deutlich klingen. „Widersprechen. Nachfragen. Aufklären. Dazu kann jeder beitragen“, gab der Pfarrer den Zuhörern ein Rezept an die Hand und versprach: „Dazu braucht es nicht viel Mut.“

Miteinander, nicht übereinander sprechen – das war auch das Thema von Iraz Saygili, Lehrerin in einer Ansbacher Schule und laut eigenen Worten „eine besorgte Deutsche mit Migrationshintergrund“. Es sei unbedingt nötig, für Grundrechte einzutreten, betonte sie: „Zusammenhalten, aufmerksam sein, gemeinsam Probleme lösen.“

Nur eine wehrhafte Demokratie, betonte Saygili, sei überlebensfähig. „Es ist unsere Aufgabe, miteinander zu sprechen und zu diskutieren. Demokratie und Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit.“

Ganz konkret wurde Thorsten Siebenhaar, Schauspieler und vielen Menschen als launiger „Derblecker“ bekannt, Ansbacher Ur-Suppe quasi. Er ging auf einen Vorfall hinter der Bühne ein: Ein Mann hatte die Teilnehmer des Protests angepöbelt. Man werde sie alle früher oder später erwischen und abstechen, stänkerte er und trollte sich. Siebenhaar rief ihm vom Podium lautstark zu: „Verpiss dich aus Ansbach!“


, Es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur unsere Schuld, wenn sie so bleibt.

Thorsten Siebenhaar

Er will im Kampf gegen Hass und Hetze nicht nachlassen. Und das Internet, in dem „die vernünftigen und normal denkenden Leute aufgegeben haben“, nicht den Rechtsextremen überlassen. „Selbst mir vergeht das Lachen“, musste der Komödiant nachdenklich anmerken.

Als inzwischen zweifacher Familienvater sorgt sich Siebenhaar ernsthaft um die Zukunft. Auf der Welt, in Deutschland, in Ansbach. Aber „Augen zu und jammern, das hilft nicht“, rief er den Menschen zu und setzte nach. „Es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur unsere Schuld, wenn sie so bleibt.“

Die 16-jährige Nathalie Pottiez verband damit die Ängste vieler junger Menschen bezüglich ungelöster Probleme wie dem Klimawandel oder der Meeresverschmutzung. Hätte es eines Schlusswortes bedurft, ein Satz von Benjamin Kießling hätte dazu gereicht: „Nie wieder ist nicht nur Mahnung. Es ist ein Auftrag.“

Das Bündnis, das die Demo organisiert hatte, besteht aus dem DGB, den Ansbacher Stadtratsfraktionen von Grünen, SPD, ÖDP, BAP, der OLA sowie der Bürgerbewegung für Menschenwürde. CSU und Freie Wähler hatten sich nicht beteiligt.


Florian Pöhlmann
Florian Pöhlmann
Nach der journalistischen Grundausbildung beim Fernsehen rief 1999 die große weite Welt des Sports, die ich in Nürnberg in nahezu allen Facetten kennenlernen und in verantwortlicher Position gestalten durfte. Erst der verlockende Ruf aus Ansbach und die Aussicht, im fortgeschrittenen Alter Neues zu wagen, sorgten ab 2021 für einen Neustart in der Lokalredaktion.
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