An Tag 97, an dem gegen Thomas T. am Oberlandesgericht München unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verhandelt wird, sagt der Mann aus Buch am Wald im Landkreis Ansbach diesen einen Satz: „Vieles von dem, worum es in der Hauptverhandlung geht, verstehe ich nicht.“
Ein 61-Jähriger, dem seit eineinhalb Jahren der Prozess gemacht wird – ein Ende ist weiterhin nicht in Sicht – gesteht öffentlich ein, bei der ganzen Sache von vorne bis hinten nicht wirklich durchzusteigen. Es ist nur eine Aussage von vielen, mit denen Thomas T. am Mittwoch Klartext spricht und Intimes über sich preisgibt. Und doch ließe sich mit diesem Satz so vieles erklären.
Wieso Thomas T. sich mit über 20 anderen rund um Heinrich XIII. Prinz Reuß verschworen haben soll, den deutschen Staat zu stürzen. Warum er an absurde Theorien wie vom Staat und „Reptiloiden“ entführte und in Tunneln gefolterte Kinder glauben konnte. Weshalb er sicher war, dass eine geheime „Allianz“ aus Trump, Putin und anderen Mächten an einem Tag X die deutsche Regierung beseitigen würde, wofür es die Pläne und Milizen der „Gruppe Reuß” brauche.
Genau über diese Vorhaben verhandeln seit 2024 Gerichte in Frankfurt, Stuttgart und München in einem historischen Mammutprozess. Thomas T. wird vom Generalbundesanwalt als eine Art Sekretär und spiritueller Berater von Reuß gesehen, als „rechte Hand“ des Prinzen.
„Ich hatte so großen Respekt, dass ich ihn mit Hoheit ansprach.“
Während zahlreiche Angeklagte in den vergangenen Monaten umfangreich aussagten, schwieg Thomas T. lange. Nun verliest er eine inhaltlich wuchtige, über 100-seitige Erklärung. Im Kern skizziert sich der 61-Jährige darin selbst als Naivling, der sich leicht verunsichern und beeinflussen lässt. „Ich bin jemand, der klare kurze Sätze benötigt, um Dinge zu durchdringen”, trägt er in langen Sätzen vor.
So wie er den komplexen Sachverhalten des Prozesses nur schwer folgen könne, so sei er auch generell anfällig für vermeintlich einfache Antworten. „Und ich neige dazu, Aussagen von anderen schnell zu glauben, vor allem, wenn sie von Menschen mit höherem Bildungsstand kommen.“
Immerhin hatte Thomas T. in der Gruppe Reuß eine illustre Runde vor sich: Mehrere Menschen mit Doktortitel, eine ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete, ein Jurist, ehemalige Elitesoldaten, eine Ärztin und ein „echter Prinz“, wie T. immer wieder betont: „Ich hatte so großen Respekt, dass ich ihn mit Hoheit ansprach.“
Der Thomas T., der nun im Gerichtssaal A 101 in einem Hochsicherheitsprozess sitzt, gibt sich gänzlich geläutert. „Ich bin heute erschüttert darüber, dass ich diesen ganzen Unsinn so lange geglaubt habe”, sagt er. Und: „Ich sehe mich als überzeugten Demokraten an.” Er sei kein Reichsbürger und von der Gewaltbereitschaft anderer Mitangeklagter distanziere er sich ausdrücklich.
Die lange Untersuchungshaft nagt sichtlich an dem vierfachen Vater. Seit über 1100 Tagen sitzt er inzwischen hinter Gittern. „Daheim geht alles den Bach runter”, sagt er. Der Handwerksbetrieb ruhe, die Schulden türmen sich auf, es breche ihm das Herz, nicht für seine Kinder da sein zu können.
In die ganze Sache hineingeraten sei er unter anderem über Hildegard L., eine langjährige Freundin. Beide tauschten sich gerne über Esoterik aus, beide attestierten sich „seherische” Fähigkeiten. Hildegard L. war ebenfalls in München angeklagt, ist jedoch im Herbst 2025 verstorben. Das Verfahren gegen sie wurde in der Folge eingestellt.
Ins Spiel kam laut Thomas T. zudem bald Peter W., ein über das TV bekannt gewordener Survival-Trainer, der lange im Landkreis Ansbach gewohnt hatte. Er soll immer wieder in Buch am Wald aufgeschlagen sein und T. mit Beziehungsproblemen belästigt haben. „Der regte sich ständig über alles auf, aber nie über sich selbst”, erinnert sich T. vor Gericht.
Früh seien ihm Rachegelüste und Gewaltfantasien bei W. aufgefallen. Aber er habe ihn nicht abwimmeln können. Stattdessen habe er ihm eine Beziehungsberatung bei Hildegard L. empfohlen: ein Kontakt mit Folgen. Über wechselseitige Bekanntschaften ergab sich ein wachsendes Netzwerk aus den nun angeklagten Personen. Es folgten Stammtisch-Runden gegen die Corona-Maßnahmen. Von denen sei er damals schwer verunsichert und für entsprechende Verschwörungstheorien anfällig gewesen, erklärt der 61-Jährige.
Und plötzlich sei es dann eben auch um angeblich von den Eliten entführte Kinder gegangen. Als Familienvater habe ihn das geschilderte Leid Hunderter gemarterter Minderjähriger schockiert. Mit seinen seherischen Fähigkeiten habe er der Gruppierung beistehen wollen, um Kinder aus unterirdischen Bunkern zu befreien. Und dann habe es auch noch geheißen, in den Tunneln sei Gold versteckt. „Die Idee, Kinder zu retten und gleichzeitig auf verborgene Schätze zu stoßen”, das habe sich wie ein Abenteuer angefühlt, sagt der 61-Jährige.
Zu all dem kam das Idol des 61-Jährigen: Prinz Reuß. „Er nannte mich sein Fieberthermometer, wenn es darum ging, Menschen einzuschätzen”, beschreibt Thomas T. seine Rolle als „Seher” für den Mann mit dem Adelstitel. Als sein „Privatsekretär” habe er sich nicht verstanden, aber er habe den Informationsfluss gesteuert. Eine schmeichelhafte Position für einen einfachen Handwerker, so sagt es der 61-Jährige selbst.
Er habe dem „Prinzen” dabei helfen wollen, „sein Fürstentum wiederzubekommen”. Ob damit die Einrichtung eines souveränen Staates gemeint war oder nur Rückerlangung von Ländereien – das will Thomas T. so genau nicht besprochen haben.
Freilich ging es bald um noch viel mehr. Nach Ansicht des Generalbundesanwalts hatten Peter W. und andere vor, den Bundestag mit Waffengewalt zu stürmen, eine Regierung unter Prinz Reuß an die Macht zu putschen. Thomas T. sagt, er habe früh vor Peter W. gewarnt. Doch der „militärische Arm” der Gruppierung habe zunehmend an Einfluss gewonnen.
Als ihm die Bedrohung offenbar wurde, habe Thomas T. seinem Sohn davon berichtet. Der ist Polizist. Davon unabhängig krachte es bald an T.s eigener Tür: Sondereinheiten holten ihn und andere vermeintliche Verschwörer am 7. Dezember 2022 aus ihren Häusern.
Weitere Details über Thomas T.s Beteiligung sind am Donnerstag zu erwarten. Er hat erst zwei Drittel seiner Erklärung verlesen.