Ein Nachbarschaftsstreit mit schwerwiegenden Folgen ist im Oktober 2023 in Leutershausen eskaliert und wird nun vor dem Landgericht Ansbach verhandelt. Ein 29-Jähriger ist des versuchten Totschlags angeklagt, weil er mit seinem VW-Bus eine Frau absichtlich überfahren haben soll.
Es war ein herrlicher Sonntag im Herbst, die Familie war laut übereinstimmenden Zeugenaussagen im Garten versammelt, auf dem Grill brutzelten Würste, zuvor war man noch mit den beiden Enkelkindern beim Pilzesuchen im Wald. Als aber gegen 14 Uhr die Freundin des jetzt auf der Anklagebank sitzenden Thomas D. (Name geändert) wieder einmal den PS-starken Ford Mustang startete und dabei den Motor zweimal lautstark aufheulen ließ, war das Maß für die Familie voll.
Der Sohn der Geschädigten, der mit seiner Frau und den beiden Kindern ebenfalls in der Straße wohnt, stellte Thomas D. zur Rede. Nach gegenseitigen Beleidigungen schnippte der Sohn dem Angeklagten noch eine Zigarette aus dem Mund, ehe Thomas D. in seinen VW-Bus stieg. Inzwischen war auch die Nachbarin dazugekommen, hatte die Freundin von Thomas D. aufgefordert, entweder wegzufahren oder den noch immer laufenden Motor abzustellen. „Die Situation war eigentlich aufgelöst. Mein Mann war schon wieder zurück zu unserem Haus gelaufen“, berichtete die 55-Jährige.
Im Zeugenstand vor dem Schwurgericht mit drei Berufsrichtern und Vorsitzendem Matthias Held an der Spitze schilderte die Frau detailliert, was in der Folge geschah. Nach einem wohl wenig schmeichelhaften Satz von Thomas D., an dessen Wortlaut sich der Nachbarssohn eineinviertel Jahre später nicht mehr erinnern konnte, wollte er die Polizei rufen. Der Moment der Eskalation.
Hinter dem Steuer gab Thomas D. nun Vollgas – allerdings hatte die Nachbarin die verbalen Scharmützel zwischen ihrem Sohn und dem Angeklagten aus nächster Nähe verfolgt. Die heute 55-Jährige stand unmittelbar vor dem VW-Bus, ihr Sohn befand sich rechts von ihr, etwa auf Höhe des Blinkers. Als Thomas D. den Bus beschleunigte, konnte ihr Sohn noch zur Seite springen, sie selbst nicht mehr. „Ich hatte keine Chance“, schilderte die Frau nun die Sekunden, die ihr Leben bis heute gründlich verändert haben.
Sie hielt sich noch kurz am Scheibenwischer fest, ehe sie auf dem Schotterweg mitgeschleift wurde, wenig später jedoch abrutschte und unter das Fahrzeug geriet. Der 2,4 Tonnen schwere VW-Bus überrollte beide Beine und fügte ihr neben einem Oberschenkelbruch lebensbedrohliche Verletzungen zu. Trotz Krankenhaus und anschließender Reha kämpft die zuvor nach eigenem Bekunden „sportliche und sehr aktive“ Frau bis heute mit den Folgen der Tat. „Es wird nie mehr sein, wie es einmal war. Ich bekomme mein Leben nicht mehr zurück.“
Bei ihrer Befragung blickte sie Thomas D. immer wieder ins Gesicht und suchte den Augenkontakt. „Es gab keine Entschuldigung, keinerlei Reue, nichts“, sagte sie und wirkte noch immer fassungslos. Doch der Angeklagte zeigte auch da keinerlei Regung. Fast stoisch verfolgte er den Prozess. Gleich zu Beginn hatte mit Martin Gelbricht einer seiner beiden Anwälte eine Erklärung in seinem Namen verlesen. Er wollte „raus aus der eskalierenden Situation“ und fühlte sich bedroht, schilderte der Anwalt eine ganz andere Sicht der Dinge.
Einen Verletzungs- oder gar Tötungsabsicht, wie sie von Staatsanwalt Florian Rudolph in der Anklageschrift unterstellt wird, sieht der Verteidiger nicht bei seinem Mandanten. Im Gegenteil. „Er war getrieben von seiner Angst.“
Bei der Befragung des Sohnes und des Vaters der Familie stellte sich heraus, dass wohl schon länger Unstimmigkeiten bestanden. Die Verteidigung zieht nun in Erwägung, wegen einer im Raum stehenden Erkrankung ein psychiatrisches Gutachten über den Angeklagten anfertigen zu lassen. Am 22. Januar wird der Prozess fortgesetzt.