Politisches Kalkül oder echte Entschuldigung? Darüber gehen die Meinungen bei Dieter Reiters Rückzug von seinen umstrittenen Ehrenämtern beim FC Bayern auseinander. Nach heftiger Kritik an seinem Umgang mit den Vereinsmandaten samt Vergütungen straften ihn die Münchnerinnen und Münchner bei der Kommunalwahl ab, so dass er nun am 22. März in der Stichwahl zittern muss. Doch ist der Rückzug vom FC Bayern der erhoffte Befreiungsschlag? Wie stark ist sein Konkurrent Dominik Krause von den Grünen? Und wie packen die beiden ihren Wahlkampf nun an?
Reiter saß seit Jahren im Verwaltungsbeirat des Fußballrekordmeisters und wurde kürzlich in den Aufsichtsrat gewählt. Seit 2021 habe er aufgrund der Mitgliedschaft im Verwaltungsbeirat 90.000 Euro erhalten und ordnungsgemäß versteuert, sagte der bekennende FC-Bayern-Fan. Geld, das er nun für soziale Zwecke spenden will. Doch die nötige Erlaubnis vom Stadtrat dafür hatte er sich nicht geholt. Dies sei ihm nicht bewusst gewesen, erklärte Reiter vor der Wahl. Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hat da seine Zweifel: „Dass er davon nichts gewusst haben will – dazu fehlt mir die Fantasie.“
Die „Nebenjobaffäre“, wie die Grünen sie nennen, ist nicht der einzige wunde Punkt bei Reiter, der seit 2014 Oberbürgermeister ist. Wenige Wochen vor der Wahl ließ er das zuvor wegen Umwelt- und Gesundheitsgründen geltende Tempo 30 am Mittleren Ring wieder auf 50 heraufsetzen. Eine Anordnung, die er nach einer Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs kassieren musste. Und im Stadtratsplenum sagte er dann noch nebenbei das N-Wort, eine früher gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze. Reiter entschuldigte sich, er habe ein Zitat des Liedermachers „Fredl“ Fesl verwendet.
„Das Vertrauen der Münchnerinnen und Münchner ist mir wichtiger als Mandate oder Vergütungen. Ich hoffe sehr, dass das durch diese Entscheidung deutlich wird“, warb der 67-Jährige nun. „In den vergangenen Tagen ist mir sehr klar geworden – und die Münchnerinnen und Münchner haben es mir auch deutlich zu verstehen gegeben – dass ich hier eine eindeutige und unzweifelhafte Entscheidung treffen muss.“
Informationen zu allen weiteren Fragen würden gesammelt und beantwortet, verspricht er. Dabei geht es nicht nur um den Stadtrat, sondern auch um die Regierung von Oberbayern, die ein mögliches Disziplinarverfahren prüft.
Für Politikwissenschaftlerin Ursula Münch ist Reiters Notbremse beim FC Bayern nicht glaubwürdig, da sie – wie seine Entschuldigung – zu spät komme. Der Schritt wirke „verschleppt“, weil es jetzt nicht mehr anders gehe. Sie bezweifle, dass die enttäuschten Anhänger Reiters dieser Schritt nun für die Stichwahl überzeugen werde. Da jedoch auch unklar sei, für wen sich die bisherigen CSU-Wähler entscheiden würden, sei die Stichwahl „absolut offen“.
Offiziell lobt die SPD natürlich: „Er hat einen Fehler gemacht, sich entschuldigt und jetzt deutliche Konsequenzen gezogen“, sagt Bayern-SPD-Chef Sebastian Roloff. Als Oberbürgermeister habe Reiter einen tollen Job gemacht. „Ich bin zuversichtlich, dass es das ist, was am Ende zählt.“
Hinter den SPD-Kulissen gehen die Meinungen über Reiters Schritt auseinander. Generell loben die Genossen zwar den „unumgänglichen Schritt“, der ihm weh getan habe. Doch Skepsis bleibt bei vielen – gerade im linken Lager der SPD. Dies habe aber auch viel mit Reiters Verhalten vor der aktuellen Krise zu tun, als ihm weder Teamplay noch Dialog wirklich wichtig gewesen seien, hieß es.
Die Linke im Stadtrat fordert, den Vorwürfen rechtlich nachzugehen, um zu zeigen, „dass auch ein Oberbürgermeister damit nicht durchkommt“. Bis kommende Woche müsse Reiter alle Details offenlegen. Auch die CSU forderte eine rechtliche Prüfung und Transparenz gegenüber dem Stadtrat.
Die Grünen sind skeptisch. „Am Rücktritt von den hoch bezahlten FC Bayern-Posten hat kein Weg mehr vorbeigeführt“, findet Münchens Grünen-Chef Florian Siekmann. Ob dahinter echte Einsicht stehe oder öffentlicher Druck vor der Stichwahl, wüssten die Münchnerinnen und Münchner selbst am besten.
Nach zwei Tagen Pause will Reiter nach Angaben von Vertrauten wieder auf Tuchfühlung mit den Wählern gehen. „Er ist sehr kämpferisch“, sagt der Münchner SPD-Chef Christian Köning. Reiter selbst wollte sich aber zunächst nicht äußern. Um die Wähler zu überzeugen, wolle er auf die Straßen gehen – auf Wochenmärkte, in den Olympiapark, vor Einkaufszentren, an Bahnhöfe, zur Parade zum St. Patrick's Day. „Wir mobilisieren jetzt alles für diese Stichwahl“, betont Köning.
Herausforderer Dominik Krause hat dagegen direkt nach dem Wahlabend mit dem Wahlkampf weitergemacht – befeuert von seinem guten Abschneiden mit 29,5 Prozent, mit dem er Reiter in die Stichwahl zwang. Der Amtsinhaber dagegen kam auf 35,6 Prozent der Stimmen, 12 Prozentpunkte weniger als 2020. Die Analyse zeigte, dass Reiter am Ende durch Stimmen der Briefwähler an Platz eins blieb, beim Urnengang am Wahlsonntag lag er gar hinter Krause.
Nun wolle man unter anderem für neuen Schwung an der Stadtspitze werben, hieß es von den Grünen. Krause wirkt omnipräsent – auf seinem Instagram-Account ist zu sehen, wie er durch München läuft, mit Menschen spricht und mit ihnen für Fotos posiert. Seit Sonntag hat der 35-Jährige auf Instagram rund 10.000 Follower hinzugewonnen. Auch im Alltag will er sichtbar sein. Ein paar Zahlen: 3.000 Stichwahl-Plakate, rund 100.000 neue Flyer, 100 Großflächen für Werbung und 5.000 Buttons mit der Aufschrift „Dominik Krause wählen“.
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