Hebammen im Klinikum Ansbach haben das Vertrauen verloren | FLZ.de

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Veröffentlicht am 12.10.2023 17:57, aktualisiert am 13.10.2023 10:57

Hebammen im Klinikum Ansbach haben das Vertrauen verloren

Im Klinikum Ansbach gibt es einen Konflikt zwischen den Beleghebammen und der Klinikleitung.  (Foto: Jim Albright)
Im Klinikum Ansbach gibt es einen Konflikt zwischen den Beleghebammen und der Klinikleitung. (Foto: Jim Albright)
Im Klinikum Ansbach gibt es einen Konflikt zwischen den Beleghebammen und der Klinikleitung. (Foto: Jim Albright)

Wer trägt die Verantwortung für die schwierige Situation der Geburtshilfe am Klinikum Ansbach? Die Einschätzungen der Hebammengemeinschaft Bauchgefühl und von ANregiomed-Vorstand Dr. Gerhard M. Sontheimer könnten kaum unterschiedlicher sein.

Beide Seiten schilderten ihre Perspektive in offenen Briefen, die der FLZ vorliegen. Simone Rohr, Barbara Koch und Katrin Reif schreiben im Namen der Hebammengemeinschaft Bauchgefühl, man habe das Vertrauen in den Vorstand der Klinik verloren. „Wir können am Klinikum Ansbach nicht weiter arbeiten, obwohl wir uns diesem durch lange Jahre währende Tätigkeiten sehr verbunden fühlen“, meinen sie.

Gründe für Spannungen sind umstritten

Es geht aber auch um Geld. Zunehmend sei der steigende Kostendruck in den Kliniken spürbar geworden, beklagen die Hebammen. Investitionen seien schwieriger, Personal abgebaut und Umstrukturierungen in die Wege geleitet worden. Seit 2018 sei es vor diesem Hintergrund zu „erheblichen Spannungen“ mit der neuen Krankenhausleitung gekommen.

Das sieht die Klinikleitung ganz anders. Der Kreißsaal und die Wochenstation seien weder Umstrukturierungen noch Personalabbau oder Einsparungen unterlegen. Die Spannungen seien vielmehr „überwiegend wirtschaftlichen Interessen geschuldet“. In einem „anwaltlich vorgelegten Forderungskatalog“, hätten die Hebammen „jede Menge Vorzüge eines angestellten Mitarbeiters“ gefordert.

Man hätte sich einen Austausch, zumindest aber zeitnahe Informationen zu für sie relevanten Fragen gewünscht, um die erforderlichen Anpassungen gemeinsam bewältigen zu können, klagen wiederum die Hebammen. Stattdessen sei man nur im Nachhinein, und das oft nur auf Nachfrage, informiert worden. Klinik-Chef Sontheimer verweist darauf, dass Gesprächsangebote unbeachtet geblieben seien und es weitere Gesprächsbitten an den Vorstand nicht gegeben habe.

Nach der Schließung der Geburtshilfe in Rothenburg habe man die Einarbeitung der neuen Kolleginnen von dort „tatkräftig unterstützt“, bekräftigt die Hebammengemeinschaft. Davon könne laut Klinikleitung nicht die Rede sein. Vielmehr seien Studentinnen und Ausbilderinnen des Kreißsaals verwiesen worden, obwohl Beleghebammen kein Hausrecht im Klinikum ausüben könnten.

„Völlig überraschend Geschäftspolitik geändert”

„Völlig überraschend“ habe ANregiomed seine Geschäftspolitik geändert und keine Beleghebammenverträge mehr abgeschlossen, beklagt die Gemeinschaft. Daher sei es nicht möglich gewesen, mit dem Klinikum geeignete organisatorische Maßnahmen zu ergreifen.

Das stimme nicht, entgegnet die Klinikleitung. Man habe sich nicht grundsätzlich dagegen entschieden, Beleghebammenverträge abzuschließen. Nur in zwei Fällen habe man aus Gründen, die in der Person der Hebammen begründet waren, keinen Vertrag angeboten.

Durch die berufspraktische Ausbildung neuer Hebammen habe die Gemeinschaft einen Beitrag zur Zukunftssicherung leisten wollen, meinen sie weiter. Dafür habe man sich auf eigene Kosten weitergebildet. Da die Ausbildung nicht in den Belegverträgen abgebildet sei, wären ergänzende vertragliche Regelungen erforderlich gewesen: „Eine Hebamme, die eine Studentin anleitet, muss rechtlich abgesichert sein“. Mit der Geschäftsleitung habe aber kein „konsensfähiger Rahmen“ vereinbart werden können, „so dass wir unsere Tätigkeit in der Hebammenausbildung leider einstellen mussten“.

Vom Vorstand heißt es dazu, eine zusätzliche Vergütung für die Ausbildung sei unüblich, sie sei Teil des Berufsbilds. „Beleghebammen rechnen ihre Leistungen direkt mit den Krankenkassen oder den Patientinnen“ ab, teilte Sontheimer mit.

Ausbildung wurde auf ein Studium umgestellt

Seit Oktober 2020 habe es dann in Ansbach keine praktische Ausbildung von Hebammenschülerinnen mehr gegeben. Im vergangenen Jahr wurde die Hebammenausbildung von einem Ausbildungsberuf auf ein akademisches Studium umgestellt. ANregiomed beteiligte sich daran über eine Kooperation mit der Hochschule Aschaffenburg. Eine Einigung mit der Hebammengemeinschaft sei in dieser Hinsicht nicht an Haftungsfragen, sondern an „völlig überzogenen finanziellen Forderungen“ gescheitert. Deren Erfüllung hätte laut der Klinikleitung jährlich zu einem weiteren Defizit in sechsstelliger Höhe bei ANregiomed geführt.

Drei Schreiben an den Vorstand und den Verwaltungsrat im Sommer seien unbeantwortet geblieben, führen die Hebammen an, was die Klinikleitung jedoch ebenfalls bestreitet. Nun habe „jede einzelne Kollegin für sich selbst den Schritt gewählt, durch fristgerechte Kündigung ihre Belegtätigkeit zu beenden.“

Einig sind sich beide Seiten nur darin, dass das Beleghebammensystem über Jahre hinweg ein Erfolg war. Und sowohl die Hebammen als auch die Klinikleitung haben sich mit Juristen beraten, um ihre Äußerungen rechtlich abzusichern.

Ein Hintertürchen bleibt noch offen: Sontheimer bietet jeder Beleghebamme Gespräche an, um „interessengerechte und individuelle Lösungen zu vereinbaren“.


Thomas Schaller
Thomas Schaller
Redaktion Westmittelfranken/Landkreis Ansbach
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