Die Lebensalter-Thematik der aktuellen Diskurs-Reihe am Campus wurde mit einem Spezialbeitrag aus der Kunstgeschichte vertieft. Angelina Mühl sprach über „Jugend, Tod und Tugend im Kontext nordalpiner Aktdarstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts”. Es gab aber auch nachdenkliche Töne zum Frauenbild der Gegenwart.
So verwies Campus-Geschäftsführer Dr. Florian Diener darauf, dass die Werbung fast nur junge, dynamische Menschen zeige. Und während Männer auch noch im reifen Alter interessant seien, müssten Frauen ab 35 um ihre Präsenz kämpfen. Über 50-Jährige seien „quasi nicht mehr existent”, so seine kritische Eingangsbemerkung zur unterschiedlichen Geschlechterwahrnehmung.
Die Kunsthistorikerin und Germanistin Angelina Mühl blätterte für ihren Vortrag einige Jahrhunderte zurück. Im Spätmittelalter seien Abbildungen junger, meist spärlich bekleideter Frauen häufig polarisierend. In vielen Darstellungen würden Erotik und Gewalt miteinander kombiniert. Es handele sich um Narrative über die Rolle von Frauen aus der patriarchalen Sicht von Männern, die ihre Kunst für eine privilegierte Oberschicht geschaffen hätten.
Bereits im Mittelalter finde sich die Darstellung nackter Figuren. „Ein Körpertabu gab es nicht”, so Mühl. Sie verwies auf Darstellungen aus dem religiösen Bereich wie Kreuzigungsszenen oder Adam und Eva im Paradies. Der Mann galt als das ideal proportionierte Geschlecht. Albrecht Dürer hatte Kupferstiche, beispielsweise vom Sündenfall, 1507 auf große Tafeln übertragen, farbige Darstellungen geschaffen.
Er hatte laut der Referentin eher ein wissenschaftliches Interesse an den Körperproportionen von Mann und Frau. Doch mit seinen Darstellungen hatte er die Aktmalerei eröffnet. Lucas Cranach der Ältere schuf bereits 1508 den Akt „Amor als Honigdieb“, der eine nackte, attraktive junge Frau zeigt, zu ihren Füßen Amor mit Engelsflügeln. Mit diesem Bild habe Lucas Cranach „den Akt salonfähig” gemacht. Für ihn war die Aktmalerei äußerst lukrativ, entwickelte sich doch ein reger Sammlermarkt um die Akte.
Bildtraditionen entwickelten sich laut Angelina Mühl zum einen um die Personifikation weltlicher Sinnenfreude – Stichwort „Frau Welt“ - und zum anderen um den Totentanz. „Frau Welt“ lasse sich bereits im 13. Jahrhundert zunächst in Predigttexten nachweisen, habe später Eingang gefunden in die volkssprachige Dichtung und dann in die Bildende Kunst.
Am Südportal des Wormser Domes zeige sich die allegorische Geschichte um „Frau Welt“ sehr eindringlich: Einem jungen, rechtschaffenen Ritter – sehr klein dargestellt – stehe eine wunderschöne, große junge Frau gegenüber, die sich als „Frau Welt“ vorstelle. Die Schöne verspreche dem Ritter nun all den Lohn für seine ehrbaren Leistungen, und er folge seiner großzügigen Heilsbringerin.
Als ihm „Frau Welt” jedoch den Rücken zuwende, erkenne er dort ihre wahre Natur: Kröten und Schlangen würden sich aus ihrem Leib winden. Ihr Körper sei „nur eine trügerische Hülle”, ihre Figur eine Allegorie der Versuchung und des Lasters. Der Ritter erkenne dies, wende sich ab vom lasterhaften Leben, tue Buße und werde zum Kreuzritter. Das Bild der jungen, schönen Frau trete als Verkörperung der Verlockung und des schlechten und sündigen Lebenswandels auf, dem es zu widerstehen gelte.
Parallel dazu entwickelte sich ab dem 15. Jahrhundert die Darstellung des Totentanzes, die dem Menschen die Allmacht und Allgegenwärtigkeit des Todes vor Augen führen soll. Jedes Individuum müsse sich gegenüber dem Tod für sein Leben verantworten, deshalb versuche es, dem Tod zu entrinnen, habe panische Angst, so die Referentin.
Lediglich Jungfrauen kokettierten mit dem Tod, würden als unverdorben und rein, frei von jeder Sünde gelten. Hans Baldung habe 1517 eine Darstellung vom „Tod und Mädchen“ geschaffen, er setze einen perfekten, weiblichen Körper intim in Szene. Mittelfristig sei jedoch auch das Mädchen zum Tod verdammt. Das Bild wolle mit dem Betrachtenden in Kontakt treten, dazu auffordern zu überlegen, wann das Mädchen wohl sterben müsse. Und er werfe die Frage auf, ob wirklich die jugendliche Schönheit die Sündige sei oder das Begehren nach ihr die eigentliche Schuld darstelle.
Grundsätzlich habe die junge, schöne Frau einen schweren Stand gehabt in der Kunst des nordalpinen Raums, sei mit der immerwährenden Schuld am Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies behaftet. Die Frau gelte als „verwässerter Mann“, sei daher geistig und moralisch minderwertig und müsse sich dem Manne unterordnen, so die Kunsthistorikerin. Wer aufbegehre, sei besonders anfällig für den Teufel, ja eine echte Hexe, gelte als unergründlich, schamlos, wild, triebhaft und unersättlich. Den Gegenpart bilde die Jungfrau Maria, keusch, leise, rein und damit das Ideal einer Frau.
Als Inbegriff der tugendhaften Frau gelte Lucretia. Lucas Cranach habe von ihr viele Bilder gemalt. Sie sei ihrem Ehemann stets treu und liebe ihn von Herzen, werde allerdings von einem Mann niederen Standes vergewaltigt. Sie erzähle ihrem Gatten und ihrer Familie davon, um sich anschließend zu erdolchen. „Ein wahrer Lucretia-Hype bricht aus, gilt sie doch als Frau von höchster Moral”, so die Referentin.
Cranach habe Lucretia zunächst edel bekleidet, mit einem großen gen Brust gerichteten Dolch dargestellt, um ihr in späteren Darstellungen allenfalls einen dünnen Schleier überzuwerfen und ihr statt dem Dolch ein zartes Stilett in die Hand zu geben. Über 30 Jahre lang habe Cranach das Lucretia-Motiv immer weiterentwickelt. Der Hype sei so weit gegangen, dass Frauen zu ihrer Hochzeit Lucretia-Motive geschenkt bekamen, quasi als „moralische“ Ermahnung.
Bilder seien „nie neutrale Darstellungen”, so Angelina Mühl. Sie würden stets zum zeitgenössischen Diskurs beitragen, gerade wenn es über Macht und Moral gehe. Die Kunsthistorikerin appellierte an die Zuhörerinnen und Zuhörer, nie das Bewusstsein dafür zu verlieren, dass es sich bei Bildern um leicht zu verbreitende Narrative mit einer großen Wirkung handele. Man müsse sich stets die Frage stellen, wem diese dienten – bis heute.