Nicht alle Tage reist ein Nobelpreisträger nach Ansbach. Als Thomas Mann am 4. Oktober 1930 in die Orangerie kam, war dies für die Fränkische Zeitung eine ganz große Sache. Der Anlass war die Jahresversammlung der Platen-Gesellschaft, der Schriftsteller sollte einen Vortrag über August von Platen halten.
Bekanntes und weniger Bekanntes über den damaligen Besuch stellte das Ehepaar Wolfgang und Gabriele Osiander vor. Während Wolfgang Osiander Fakten aufzählte und Zusammenfassungen gab, las seine Frau lebhaft aus Briefen, Zeitungsartikeln und Büchern vor. Diese behandeln unter anderem, neben dem Besuch in Ansbach, Manns Verehrung für Nürnberg und dessen wohl bedeutendsten Künstler Albrecht Dürer. Auch die Beziehung zu der Bibliothekarin und Archivarin Ida Herz wurde ausführlich dargestellt: Sie und Mann schrieben sich über 400 Briefe.
Manns einmaliger Besuch in Ansbach ist hauptsächlich durch Zeitungsartikel dokumentiert. Fotos oder andere Quellen gibt es keine. „Sichtlich bewegt durch die Ehrung besteigt Thomas Mann, umrauscht von dem Beifall der Zuhörer, von denen wohl die meisten zum ersten Mal Gelegenheit hatten, den berühmten Dichter und Träger des letztjährigen Nobelpreises Auge in Auge zu sehen, die Rednerbühne”, hieß es in der Fränkischen Zeitung. Der Jahreshauptversammlung der Platen-Gesellschaft inklusive des Vortrags von Mann widmete das Blatt zwei ganze Seiten und das, obwohl sie damals weniger Umfang als eine heutige Zeitung hat. Selbst über das Fußball-Derby zwischen Ansbach und Nürnberg wurde deutlich kürzer als über den Vortrag Manns berichtet.
Schon die Ankunft in der Stadt war einen Bericht wert: „Samstag mittag 1 Uhr. Vor dem Hotel Stern hielt ein schnittiger Hochwagen”, leitet er ein. Es wird ausführlich beschrieben, wie Mann mit seiner Ehefrau dem Wagen entsteigen und vom Präsidenten der Platen-Gesellschaft, Hans von Hülsen, begrüßt wird.
Und was sagte Mann über den in Ansbach geborenen August von Platen? „Platen, der Lyriker, gilt für den Mann der Strenge, des kalten Ebenmaßes, des klassizistischen Formalismus. Es ist wahr, er hat den Zerfall der Form bekämpft, die Zeit gegeißelt, weil sie sich romantischer Zerweichung überließ, und dem, was er als das Schlechte empfand, der Auflösung, das kunstreich Gestaltete, die heilige Form als das Wahre und Unverlierbare entgegengestellt.”
Osiander erklärt: „Man muss kein profunder Kenner der Werke Manns sein, um hier eine Seelenverwandtschaft zu erahnen: die Form, die Ästhetik der Sprache, das Stilvolle, der Kampf gegen den Sprachverfall, all das verbindet über hundert Jahre hinweg.”
Gerade die Figur des Tristan, Titel des wohl bekanntesten Gedichts Platens und auch der Name einer Novelle Manns, verbindet die zwei Schriftsteller. Beide waren homosexuell, in seinem Vortrag spricht Mann von der „homoerotischen Anlage” Platens, die ihn in die höchsten Sphären der Kunst führte.
Auch wenn Mann laut Osiander eine Verbindung zu Mittelfranken und vor allem Nürnberg verspürte, blieb es bei diesem einmaligen Besuch in Ansbach. Nach der Machtergreifung durch die Nazis ging Thomas Mann mit seiner Familie ins Exil. Erst 1952 kehrte er aus den USA nach Europa und auch sein Heimatland zurück, zeigte sich aber entsetzt über das Nachkriegsdeutschland. Bis zu seinem Tod lebte er in der Schweiz.