Lesung? Konzert? I wo. Das Programm „Karneval des Glücks” ist viel mehr, ein Genre eigenen Rechts: ein instrumentales Erzählmusiktheater-Pasticcio – und eine Hommage an Roger Willemsen sowieso. Katja Riemann, Franziska Hölscher und Marianna Shirinyan sind mit ihm am Montag, eingeladen vom Theater Ansbach, im Onoldiasaal aufgetreten.
Die drei Künstlerinnen kommen mit ihrem Glückskarneval gut herum. 40, 50 Mal haben sie ihn aufgeführt und immer noch haben sie spürbar Spaß daran. „Immer kommt etwas Frisches dazu”, erzählt Marianna Shirinyan im dritten Teil des Abends, einer ungezwungenen Gesprächsrunde.
Von Materialermüdung also keine Spur. Katja Riemanns Programmkonzept ist superstabil, und Willemsens Texte sind so zeitlos aktuell, dass Franziska Hölscher die Hellsicht und analytische Schärfe, mit der Roger Willemsen auf die Gesellschaft geblickt hat, noch immer bewundert. Der vielseitig begabte Intellektuelle ist vor zehn Jahren gestorben.
Worum geht es? Im offiziellen Programm, den beiden Teilen vor der Mini-Talk-Show, ziemlich viel um Tiere, um wilde Tiere, Nutztiere, Haustiere, Zirkustiere. Erst um den „Karneval der Tiere” von Camille Saint-Saëns, den Jarkko Riihimäki von Orchestergröße auf Duobesetzung gebracht hat, dann um das „Müde Glück” eines Zirkusdirektors, zu dem sich das Trio passgenau selbst Musik ausgesucht hat, vor allem Kompositionen des 20. Jahrhunderts.
Dem „Karneval der Tiere” hat Roger Willemsen fabelhafte Verse angedeihen lassen. Halb spitzbübisch, halb altväterlich sind sie und stecken voller überraschender Reime, Ironie und subtilen Spottes, wohl wissend, dass Tiere natürlich auch nur Menschen sind, vermutlich sogar die besseren.
Gut gekürzt und damit ein wenig entschärft, treten Willemsens hochreflektierte Verse gleichberechtigt neben die 14 Stücke von Saint-Saëns, was ihnen einen Kick gibt. Katja Riemann reizt das Satirepotenzial prächtig aus, anfangs ungefähr so energisch, als spräche Shakespeares koboldhafter Puck zum Publikum.
Den Impuls nehmen ihre Kolleginnen auf. Marianna Shirinyan entwickelt am Flügel famosen Witz. Sie hat die nötige Löwenpranke und eine perlende Geläufigkeit, die Luftbläschen in einem Aquarium glitzernd lässt. Ach, und wie sie stümpernde Pianisten (oder Pianistinnen) beim Etüdenüben karikiert, das ist musikalische Hochkomik reinster Güte.
Franziska Hölscher steht ihr mit Bravour und ihrer Violine zur Seite – und in nichts nach. Wo geboten, legt sie schimmernden Geigenglanz über die Szenerie. Was auch die noble Melancholie des Schwans, den ansonsten das Cello darstellt, ein wenig aufhellt.
Zwischendurch unterstützt sogar Katja Riemann ihre Kolleginnen als Instrumentalistin. Die Schauspielerin greift dann zum kleinen Glockenspiel oder tupft konzentriert am Xylophon hölzerne Farben dazu. Den Kuckuck stellt sie mit der Tenorblockflöte dar. Der ruft so penetrant ins geheimnisvolle Waldweben von Klavier und Geige hinein, dass er wie ein Wichtigtuer dasteht.
So launig das Programm beginnt, so lebensweise wird es im zweiten Teil. Roger Willemsen erzählt in seiner Geschichte „Das müde Glück” nicht ohne possierlichen Humor für Kinder und Erwachsene von Hiob. Den Herrn Zirkusdirektor Hopp verfolgt das Unglück, als Herr Gottlieb, ein missgünstiger Zeitgenosse, ihn als Hiob enttarnt. Tiere sterben, Frau und Kinder verlassen Herrn Hopp-Hiob. Aber er wächst in der Krise wie ein Baum.
Die Stücke von Igor Strawinsky, Fazil Say, Sergej Prokofjew, Wolfgang Amadeus Mozart, Edward Elgar und Alfred Schnittke schmiegen sich wie dafür erfunden an die Geschichte. Tango und Jazz klingen an, Marschparodie und Groteskes, Neobarockes und Spätromantisches. Franziska Hölscher und Marianna Shirinyan spüren dem mit Feinsinn nach. Die Komik, die bitter sein kann, weicht nach und nach Ernst und tiefem Mitgefühl. Sanft und heiter geht es am Ende ins Offene.