Ab und an setzt sich Ilker Ersin gerne auf seine Terrasse, liest ein Buch und genießt die Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Denn der Arbeitsplatz des Wahl-Neustädters ist laut, sehr laut: Ilker Ersin ist Bassist. Seine Passion: Metal. Die Hälfte des Jahres tourt der Langhaarige kreuz und quer durch Europa. Und neulich, erzählt er stolz, war er sogar im Fernsehen. Ein Gespräch über Musik, Behördenwillkür und Politik.
Gäste empfängt Ilker Ersin gerne in seinem Ton-Studio in Neustadt. 15 Quadratmeter gelebte Musik. 15 Quadratmeter Passion. „Ich hab das alles selber ausgebaut“, sagt der 55-Jährige. Zwei Jahre lang. Eine alte Scheune ist es, davon jedoch sieht man nichts mehr. Unter dem Raum lagern 1,2 Tonnen reiner Quarzsand. Schallschutz – „damit ich auch nachts laut arbeiten kann“, betont Ersin. Die Schallschlucker an der Wand hat er selbst gebaut, „im Internet kostet eins der Dinger 250 Euro“. Viel zu teuer.
13 Bässe lagern in den Ständern vor der Wand, die restlichen Gitarren muss er selbst erst zählen. „Eins, zwei, drei.“ Ilker Ersin eilt in den Nebenraum und zählt weiter. „Sechs Gitarren sind es im Studio“, ruft er bei seiner Rückkehr, bevor er sich wieder in seinen Chefsessel lümmelt. Wer auch nur wenige Minuten hier in seinem Studio im Herzen Neustadts sitzt und mit ihm spricht, der merkt: Hier arbeitet ein Mann mit Passion, hier arbeitet ein Mann mit Ahnung.
Ein Sonderling sei er immer schon gewesen, sagt Ilker Ersin. Aufgewachsen ist er in einem Münchner Vorort mit vielen Ausländern. Auf den Straßen regierte der Hip-Hop. „Nur mein Kumpel und ich haben Rockmusik gehört.“
Sein Freund, ein wenig älter als er, hatte zum Geburtstag eine Akustik-Gitarre geschenkt bekommen. „Die haben wir an den billigsten Kassettenrekorder angestöpselt“, schwelgt Ilker Ersin in Erinnerungen. Eine E-Gitarre, Marke Eigenbau. Der kleine Ilker ist da gerade einmal 14 Jahre alt.
Supertramp, Queen: Es ist die Zeit der Rock-Legenden. „Mit Deep Purple in Rock war es um mich geschehen.“ Der Musikheißhunger war geweckt. „Aber ich hatte eigentlich keine Ambitionen, in einer Band zu spielen.“ Dann kam der große Auftritt von König Zufall: Ein Hip-Hop-Freund von Ilker Ersin hat einen Mann für die Turntables gesucht.
„Im selben Raum hat eine Popband geprobt. Die hatten einen Auftritt, aber keinen Bassisten.“ An der Wand hing noch ein Bass. Und Ilker Ersin beherrschte ihn, den Bass. Eine Aria II, eine viersaitige Gitarre, die allerdings schon etwas gelitten hatte, nur drei Saiten waren noch übrig. Für den erprobten Ilker Ersin kein Problem: „Ich habe den Bass einfach auf die Grundtöne umgestimmt.“ Der Auftritt gefiel, Ilker Ersin blieb. Plötzlich Band-Mitglied.
Mit seinem ersten Schlosser-Lehrlingsgehalt hat sich Ilker Ersin eigenes Equipment gekauft. Er lernte andere Musiker kennen, die ersten Auftritte in größeren Münchner Clubs folgten – Ersin hatte seinen Fuß in der Tür, die hinein führte, in die weite Musikwelt. Eine Bekanntschaft: Rock-Legende Herman Frank. „,Ilker, wenn du berühmt werden willst, komm in meine Band‘, hat er zu mir gesagt.“ Ilker Ersin folgte dem Ruf nach Hannover und schloss sich Moon’Doc an.
Sein Durchbruch gelang ihm schließlich mit seiner eigenen Band Powerworld und mit Freedom Call. 2003 spielten Freedom Call auf der Wacken-Hauptbühne, später als Vorband für einige bekannte Musiker.
Die längste Tour seines Lebens führte den Neustädter zweieinhalb Monate durch ganz Europa, als Support für Hammerfall. Von Porto und Lissabon in Portugal bis weit in den Osten, in die Slowakei. 57 Termine, nur drei freie Tage. „Die haben wir zum Klamottenwaschen genutzt“, sagt der 55-Jährige und lacht. Schöne Erinnerungen sind das, aber nicht nur.
„Ich habe die Tour mit meinem türkischen Reisepass gemacht. Das war ein bitterböser Fehler“, sagt Ilker Ersin. Obwohl er sich von der Botschaft in Berlin eigens eine Arbeitserlaubnis ausstellen ließ, musste der Bassist spüren, was es heißt, Behördenwillkür ausgesetzt zu sein. Schikane an so mancher Grenze. Einmal wollten sie ihm sogar die Einreise verweigern.
Doch statt sich über Politik zu unterhalten, will der Neustädter lieber musikalisch begabten Jugendlichen helfen. Er organisiert die Open Stage im Jugendtreff „Lazarett“, bei dem jeder Musiker einfach auftreten darf. Sein neuestes Projekt ist ein Session-Raum in Zusammenarbeit mit der Stadt.
Das alte Finanzamt soll zu einer Art Musik-Labor werden, in dem Jugendliche sich mit ihrer Band ausleben dürfen. Ein Schlagzeug wird im Raum stehen, Gitarren hat die Gutenstettener Firma Meinl gesponsert. „Ich will Grundwissen vermitteln“, sagt Ersin. Ehrenamtlich. Wie macht man professionelle Aufnahmen? Welches Mikrofon ist das richtige? Solche Fragen will er bei Workshops klären. Noch laufen aber die Umbauarbeiten auf Hochtouren.
Währenddessen macht Ilker Ersin noch ein bisschen die Bundesrepublik unsicher: Als Bassist der Band „Lacrimas Profundere“ (zu Deutsch „Tränen vergießen”) tourt er. Beim Festivalauftritt auf dem M’era Luna flimmerte er mit seinem Bass über die Bildschirme des Landes bei Arte Concert. Obwohl der Neustädter ungefähr das halbe Jahr tourt, fällt es ihm trotzdem schwer, von der Musik zu leben. Von so manchem Ausflug kommt er gebrochen, ausgelaugt und pleite zurück, gesteht er.
Das Rockstar-Leben ist schwer geworden. Immer mehr Clubs, in denen Bands Konzerte spielen, sterben weg. Die Preise für die Nightliner auf Tour sind explodiert. Eine schwierige Gemengelage. Und: „Von Spotify kommt nichts rüber.“ Auf die Streamingportale und die Gema hat Ilker Ersin seinen Brass. Die Großen der Szene werden immer reicher, die Kleinen fallen hinten runter. Keine guten Zeiten für Musikdiversität.
Für den einen oder anderen weiteren Euro macht Ilker Ersin deshalb Auftragsarbeiten fürs Radio, Kino oder für Künstler, die sich aufnehmen wollen. Sein Neustädter Studio bietet alles, die CD des im Landkreis bestens bekannten Liedermacher Dieter Vatter hat er hier gemastert. Missen möchte er die Band-Touren nicht. „Der Bass ist mein Instrument, für mich ist das wie gehen.“ Musik fließt durch die Adern seines Körpers. Ja, es ist echte Liebe.