Veröffentlicht am 20.03.2023 11:54

Wie sich Arztpraxen gegen Aggressionen wehren

Verbale Attacken und Übergrifflichkeiten gegen Praxispersonal: Mit der Aktion „Respekt füreinander miteinander“ wollen Ärzte in Baden-Württemberg mehr Bewusstsein für das Problem schaffen wollen. (Foto: Bernd Weißbrod/dpa)
Verbale Attacken und Übergrifflichkeiten gegen Praxispersonal: Mit der Aktion „Respekt füreinander miteinander“ wollen Ärzte in Baden-Württemberg mehr Bewusstsein für das Problem schaffen wollen. (Foto: Bernd Weißbrod/dpa)
Verbale Attacken und Übergrifflichkeiten gegen Praxispersonal: Mit der Aktion „Respekt füreinander miteinander“ wollen Ärzte in Baden-Württemberg mehr Bewusstsein für das Problem schaffen wollen. (Foto: Bernd Weißbrod/dpa)
Verbale Attacken und Übergrifflichkeiten gegen Praxispersonal: Mit der Aktion „Respekt füreinander miteinander“ wollen Ärzte in Baden-Württemberg mehr Bewusstsein für das Problem schaffen wollen. (Foto: Bernd Weißbrod/dpa)

Mit einem Kloß im Hals zur Arbeit gehen, davon kann Praxis-Mitarbeiterin Melanie Seibold ein Lied singen. „Verbale Entgleisungen seitens der Patienten gibt es fast täglich“, erzählt die 46-Jährige, die in einer Arztpraxis bei Stuttgart arbeitet.

Früher seien die lieben, guten, netten Patienten in der Überzahl gewesen. „Das hat sich nicht ganz umgedreht, aber es kommt dem nahe.“ Die Kassenärztliche Bundesvereinigung kennt das Problem - und Gründe.

„Verbale Attacken, Übergrifflichkeiten nehmen zu, in allen Praxen“, stellt Günther Fuhrer fest. Er ist Chirurg in Reutlingen und Mitinitiator der Aktion „Respekt füreinander miteinander“, mit der Ärzte in Baden-Württemberg mehr Bewusstsein für das Problem in der Bevölkerung schaffen wollen. In Fuhrers Praxis sind deshalb nun Aufkleber, Buttons und Plakate angebracht.

Beschimpfungen und Drohungen

Was sich Praxismitarbeiter so anhören müssen? Von Sätzen wie „Du spinnst wohl“, „Sie haben ja einen Knall“, „Ihr seid wohl nicht ganz dicht“ bis hin zu wüsten, teils vulgären Schimpfworten und auch Drohungen sei alles dabei, sagt Seibold. „Diese Entwicklung ist nicht nur in Reutlingen, sondern in allen Teilen des Landes zu beobachten“, sagt Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg. „Der Ton wird rauer.“

Die Hintergründe seien vielfältig. In Zeiten von Hausärztemangel würden die Ressourcen knapper und die Wartezeiten auf Termine länger. „Es scheint allerdings ein genereller Trend zu sein, dass Menschen ihren Frust an Helfenden auslassen“, sagt Buhlinger-Göpfarth und verweist dabei auch auf die Angriffe auf Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehren, die seit langem immer wieder Schlagzeilen machen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung spricht von einer „gefühlten“ Zunahme von Aggressionen. „Knappe Ressourcen wie Impfstoffe während der ersten Phase der Corona-Pandemie führten beispielsweise zu einem regelrechten Ansturm auf die Praxen“, sagt Sprecher Roland Stahl. So mancher Patient habe keine Rücksicht genommen, dass ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankung bei der Impfung priorisiert worden seien. „Den Ärger bekamen vor allem die Praxisteams ab.“

Patienten verlieren jede Hemmung

Offene Rücksichtslosigkeit und einen rauen Umgangston habe man bereits 2019 festgestellt, sagt die Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe (vmf), Hannelore König. „Schon damals gab es Patienten, die jede Hemmung verloren und im Wartezimmer oder an der Anmeldung tobten.“

2021 habe sich auch der Ärztetag mit dem Thema beschäftigt und mit Nachdruck gefordert, Gewalt gegen medizinisches Personal zu ächten. Inzwischen berichteten medizinische Fachangestellte aus allen Teilen Deutschlands von vermehrter Aggressivität. „Es zieht sich durch alle Schichten und Regionen.“

Zahlen oder valide Statistiken zu den Vorfällen gibt es laut vmf-Präsidentin König und anderen Experten nicht. „Erfahrungsgemäß werden viel zu wenige solcher Taten zur Anzeige gebracht.“ Auf Anregung des Verbandes beschäftige sich inzwischen ein Forscherteam rund um Professor Adrian Loerbroks von der Universität Düsseldorf mit diesem Thema. Ergebnisse gebe es noch nicht.

Bundesweit Schlagzeilen machen Angriffe nur selten. Kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres schlug laut Polizei ein 22-Jähriger einem Notarzt in Wernigerode am Harz ins Gesicht. Ihm solle die Dauer der medizinischen Erstversorgung seiner Mutter missfallen haben.

Bundesärztekammer fordert Aufklärungskampagnen

Große Betroffenheit löste der Suizid einer österreichischen Ärztin, die sich in die Coronadebatte öffentlich eingebracht hatte, nach Drohungen von Impfgegnern im vergangenen Sommer aus. Als Konsequenz hatte die Bundesärztekammer Aufklärungskampagnen gefordert.

Der Gesetzgeber in Deutschland habe mittlerweile reagiert und das Strafrecht verschärft, sagte Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt damals. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung gibt es mittlerweile Fortbildungen auch zur Selbstverteidigung.

Ariane Hanfstein, die als Coach bisher rund 14.000 medizinische Fachangestellte und Ärzte im Umgang mit schwierigen Patienten und Konfliktlagen geschult hat, ermutigt ihre Klienten dazu, Beleidigungen und Beschimpfungen anzuzeigen. Mitunter rät sie besonders betroffenen Praxen, im Wartezimmer einen Bußgeldkatalog auszuhängen. Darin sind etwa Geldstrafen aufgelistet, die für bestimmte Schimpfworte in diversen Urteilen verhängt wurden. Für „Du Wichser“ beispielsweise wären demnach 1000 Euro fällig gewesen.

© dpa-infocom, dpa:230320-99-20638/2


Von dpa
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