Wie der 13-jährige Raymond Grauf 1972 in Ansbach einem Jungen das Leben rettete | FLZ.de

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Veröffentlicht am 18.01.2026 07:00

Wie der 13-jährige Raymond Grauf 1972 in Ansbach einem Jungen das Leben rettete

„Dort an der Ecke des Schlosses ist es passiert.“ Auch mehr als 50 Jahre später erinnert sich Raymond Grauf an den Vorfall an der Rezat. (Foto: Sebastian Haberl)
„Dort an der Ecke des Schlosses ist es passiert.“ Auch mehr als 50 Jahre später erinnert sich Raymond Grauf an den Vorfall an der Rezat. (Foto: Sebastian Haberl)
„Dort an der Ecke des Schlosses ist es passiert.“ Auch mehr als 50 Jahre später erinnert sich Raymond Grauf an den Vorfall an der Rezat. (Foto: Sebastian Haberl)

Ein 13-jähriger Gymnasiast rettet am Karfreitag 1972 in Ansbach einen kleinen Buben vor dem Ertrinken in der Rezat. Inge Reinhard aus Winden bei Leutershausen bewahrt den entsprechenden FLZ-Artikel mehr als 53 Jahre auf. Ihre Frage: Was ist aus dem Schüler und aus dem Geretteten geworden?

Die Tat: An dem kirchlichen Feiertag, es ist der 31. März, gegen 13 Uhr geht die Mutter des eineinhalbjährigen Jungen mit zwei anderen Kindern in der Nähe des Eisernen Steges spazieren. Die Residenzstraße und den Rezatparkplatz gibt es noch nicht.

„Die drei Kleinen liefen ein Stück voraus, beim Spielen passierte es dann, der Junge stürzte in die Rezat und wurde schnell abgetrieben“, ist am 1. April 1972 in der FLZ zu lesen. Ein unbekannter junger Mann habe das Kind aus dem Fluss geholt. Weiter heißt es: „Als die Polizei eintraf, konnten die Beamten die Personalien des Retters nicht aufnehmen, da sie, um Zeit zu sparen, das unterkühlte Kind mit ihrem Streifenwagen sofort ins Krankenhaus brachten und nicht erst einen Sanka alarmierten.“ Die FLZ bittet den jungen Mann, sich bei der Redaktion zu melden.

In die kalte Rezat gesprungen

In der nächsten Ausgabe gibt es gute Nachrichten: Der kleine Junge, der über Ostern im Krankenhaus bleiben musste, kann entlassen werden. Und der Lebensretter hat sich gemeldet. Der Held heißt Raymond Grauf, wohnt in der Uhlandstraße und besucht die 7. Klasse am Platen-Gymnasium. Inge Reinhard, 22 Jahre alt, ist damals im Café Emmert am Martin-Luther-Platz im Haushalt beschäftigt. Eine Tochter des Hauses ist eine Klassenkameradin von Grauf.

Der Lebensretter: „Ich war nach dem Mittagessen mit Charly, dem Hund meiner Schwester, an der Rezat spazieren und beobachtete vom Theatersteg aus zwei kleine Kinder am Ufer, die ins Wasser starrten”, erzählt Grauf. „Plötzlich sah ich ein drittes Kind im Wasser treiben. Ich lief zum Ufer hinunter und sprang in das eiskalte Wasser. Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass das Wasser so kalt war. Ich habe nur das Kind vor mir gesehen.”

Als Raymond Grauf den Kleinen, laut FLZ heißt er Stefan V., an Land gebracht hatte, war das Kind bereits ganz blau im Gesicht. Deshalb hielt er den kleinen Jungen zunächst einmal mit dem Kopf nach unten, klopfte mit einer Hand auf den Rücken und Bauch des Kindes und brachte ihn dann zu anderen Passanten, die eine Decke besorgten und das Kleinkind so lange einwickelten, bis die Polizei eintraf.

Eine Ehrung der Staatsregierung

Raymond begibt sich in der Zwischenzeit in die Wohnung seiner Schwester Susi, um sich trockene Kleidung zu besorgen. Er sagt: „Mir hat dieses kühle Bad nicht geschadet.“

Im Jahresbericht des Platen-Gymnasiums für das Schuljahr 1972/73 findet sich unter der Rubrik „Am Rande vermerkt . . .“ folgende Passage: „Raymond Grauf (7 c) erhielt für die Rettung eines Kindes aus der Hochwasser führenden Rezat vom Bayerischen Ministerpräsidenten ein Belobigungsschreiben und von Kultusminister Professor Maier ein Buchgeschenk, das ihm der Schulleiter in seiner Klasse überreichte.“

Ein sehr viel größerer Kreis erfährt von der Tat durch die Aktion einer Frauenzeitschrift. Sie stellt 1972 drei Lebensretter vor und lässt die Leserinnen abstimmen. Der Gewinner heißt Raymond Grauf. Der Preis für den Sieger ist ein goldenes Herz. „Meine Mutter hat es bis zu ihrem Tod 2017 getragen“, sagt Grauf.

Die Zeit als Footballer

Dass er als 13-Jähriger ein kleines Kind vor dem Ertrinken rettete, habe sein Leben nicht geprägt, sagt der mittlerweile 67-Jährige im Gespräch mit der FLZ. „Prägend war meine Zeit als American Footballer.“ Grauf half 1979 mit, die Ansbach Grizzlies zu gründen. Dreimal wurde die Mannschaft Deutscher Meister: 1981, 1982, 1985; fünfmal Vizemeister. Raymond Grauf war von 1982 bis 1987 Nationalspieler, steht auf der Liste der Nominierten für die deutsche Football-Hall-of-Fame. Das erfolgreiche Team aus den 1980er Jahren – Spielführer war Erich Grau – trifft sich regelmäßig. Grauf organisiert die Treffen mit. „Was am Karfreitag 1972 passierte, weiß heute in Ansbach kaum noch jemand“, ist er sich sicher. Er arbeitet sehr erfolgreich als Manager in der Sportbranche.

Der Gerettete: Und Stefan V.? Alle Recherchen, den kleinen Jungen ausfindig zu machen, laufen ins Leere. Nachnamen mit V. sind in den 1970er und 1980er Jahren in Ansbach nicht allzu häufig. Nach dem Durchsuchen von alten Adress- und Telefonbüchern ergibt sich eine Spur. Weitere Erkundigungen machen Mut. Doch dann stellt sich heraus: Der vermutete Stefan V. Ist nicht der Stefan V. vom Karfreitag 1972.

Raymond Grauf kennt den Namen des Geretteten nicht. „Es gab nie einen Kontakt.“ Allein an das Aussehen der Mutter hat er eine vage Erinnerung.

Wo ist Stefan V.?

Also setzt das Suchen neu ein. Nach vielen Telefonaten und Gesprächen an Haustüren gibt es Hoffnung. Der jetzt ins Auge gefasste Stefan V. soll 2012 von Ansbach nach Wörnitz gezogen sein. Unter der angegebenen Anschrift wohnt er nicht; Nachfragen bei den Nachbarn bleiben erfolglos; niemand kann mit dem Namen etwas anfangen. Schließlich stellt sich heraus, dass Stefan V. nach zwei Jahren von Wörnitz nach Baden-Württemberg wechselte, angeblich nach Creglingen. Dort verliert sich die Spur.

Vielleicht wohnte der kleine Stefan V. aber auch nie in Ansbach; vielleicht war seine Mutter mit ihm 1972 nur zu Besuch, womöglich von weiter angereist. Und dann: Weiß Stefan V., dass ihm ein 13-Jähriger einst das Leben rettete? Eigene Erinnerungen kann er nicht haben. Fragen über Fragen. Die Redaktion hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: Was hat das Leben für Stefan V. außer seiner Rettung aus der Rezat noch bereitgehalten?


Von SEBASTIAN HABERL
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