Veröffentlicht am 30.11.2022 04:32

Warum auch ETF Klumpenrisiken bergen

Die Geldanlage in Wertpapiere ist mit gewissen Risiken verbunden. Wer allerdings möglichst breit diversifiziert, kann die Risiken minimieren. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Die Geldanlage in Wertpapiere ist mit gewissen Risiken verbunden. Wer allerdings möglichst breit diversifiziert, kann die Risiken minimieren. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Die Geldanlage in Wertpapiere ist mit gewissen Risiken verbunden. Wer allerdings möglichst breit diversifiziert, kann die Risiken minimieren. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)

An der Börse gilt eine Regel wie im Leben: Wer alles auf eine Karte setzt, kann alles verlieren. „Steckt das gesamte Geld nur in einer Aktiengesellschaft, steigt das Risiko, dass am Ende die gesamte Investition weg ist“, sagt Niels Nauhauser, Geldanlage-Experte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Das ist das Extrembeispiel.

Wer in zwei Unternehmen investiert, reduziert das Risiko bereits. Je breiter das Geld gestreut wird, desto weniger wahrscheinlich wird ein Totalverlust. Deshalb empfehlen Experten und Verbraucherschützer wie Nauhauser für viele Sparer Indexfonds, sogenannte ETF.

Wer davon Anteile kauft, steckt sein Geld auf einen Schlag in viele Unternehmen gleichzeitig. Allerdings kommt es dabei auf die Auswahl des ETF an. „Bei manchen Indexfonds wird das Risiko nicht so breit gestreut, weil sie zum Beispiel in Aktiengesellschaften aus nur einer Branche oder Region investieren“, so Nauhauser. Wer etwa einen ETF auf erneuerbare Energien kauft oder mit Fokus auf die Pharmabranche, holt sich so wieder ein Klumpenrisiko ins Depot.

Standardempfehlung: weit streuen

Zwar verteilen Anleger damit ihre Investition auf mehrere Unternehmen, aber sie sind von der Entwicklung nur eines Wirtschaftszweiges abhängig. Geht es der Branche schlecht, leiden darunter meist alle Firmen. Die Standardempfehlung lautet deshalb, Anteile an einem weltweit streuenden ETF zu kaufen. Etwa auf den Index MSCI World oder sein Pendant FTSE Developed Countries.

Doch selbst dort lässt sich ein Klumpenrisiko nicht völlig umgehen, sagen Kritiker. Über 1500 Unternehmen waren zum Beispiel Ende Oktober im MSCI World Index abgebildet, allerdings stammten davon rund 70 Prozent aus den USA, wie das Produktdatenblatt des Anbieters MSCI zeigt.

Ähnlich sieht die Verteilung auch beim Anbieter FTSE aus. „Das ist ein überproportionales Investment in ein Land und eine Währung und damit riskanter, als wenn man noch breiter streut“, sagt Martin Weber, Senior-Professor an der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim.

Ganze Weltregionen ausgeblendet

Der Grund für die Zusammensetzung der Indizes ist, dass sie in der Regel nach Marktkapitalisierung auswählen. Je größer der Börsenwert eines Unternehmens ist, desto größer ist das Gewicht der Firma im Index. Was Weber unter anderem stört ist, dass ganze Weltregionen ausgeblendet werden, weil nur entwickelte Industriestaaten berücksichtigt werden.

Zum Beispiel stecken chinesische Firmen nicht in den bekannten Welt-ETF. „Unternehmen aus Schwellenländern kommen nicht vor, aber warum sollte man dort nicht investieren?“, fragt er. Dadurch würde man einen Teil des Klumpenrisikos eliminieren.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Schwerpunkt auf Technologieunternehmen. Allein die vier Unternehmen Apple, Microsoft, Amazon und die Google-Mutter Alphabet stehen für mehr als 12 Prozent des gesamten Indizes. Von diesem Klumpenrisiko haben die Anleger in den vergangenen Jahren enorm profitiert, berichtet Weber. „In den USA war in den vergangenen Jahren eine starke Entwicklung, auch die Tech-Aktien haben Gewinne gebracht. Nach oben sind solche Schwankungen natürlich immer toll.“

Gewichtung nach Marktkapitalisierung oder Bruttoinlandsprodukt

Doch seit Jahresanfang hat der MSCI World deutlich verloren - auch weil die Technologieriesen schwächeln. Facebook, Amazon und Google kündigten zuletzt Sparrunden an. Weber empfiehlt, statt nach Marktkapitalisierung lieber nach dem Bruttoinlandsprodukt von Staaten zu gewichten und auch die Emerging Markets, also Schwellenländer aufzunehmen.

So macht es beispielsweise der Arero-Fonds, den er mitkonzipiert hat: Ein Mischfonds, der neben Aktien auch in Anleihen und Rohstoffe investiert. Gegen die Gewichtung nach Bruttoinlandsprodukt, was die Größe von Wirtschaftsräumen als Maßgabe nimmt, spricht grundsätzlich auch aus Niels Nauhausers Sicht nichts. Allerdings hat der Arero-Fonds seit seiner Auflage 2008 deutlich weniger Wertzuwachs verzeichnet als ein ETF auf den MSCI World, kritisiert er.

Nauhauser empfiehlt deshalb, es lieber einfach zu halten und bricht eine Lanze für die bekannten Welt-Indizes: „Ein großes Klumpenrisiko sehe ich nicht. Es hat außerdem einen guten Grund für die Gewichtung nach Marktkapitalisierung.“ Dabei bezieht er sich auf eine Studie der Arizona State University. Die hat herausgefunden, dass über einen langen Zeitraum vor allem die größten Unternehmen für eine positive Rendite des US-Aktienmarktes verantwortlich waren.

Emerging Markets ins Depot holen

Wer mag, kann aber seine Investition noch etwas breiter streuen, findet der Verbraucherschützer. Möglich ist etwa, einen Teil des Geldes in einen ETF zu stecken, der in die Emerging Markets investiert. Manche Welt-ETF schließen diese auch gleich mit ein, wenn auch mit sehr geringer Gewichtung. Etwa der MSCI All Country World oder der FTSE All World.

Denkbar wäre auch, Small Caps beizumischen, also die Titel kleiner Unternehmen. Auch dafür gibt es spezielle Indexfonds. Von einem raten aber beide Experten ab: sogenannten Equal Weight ETF. Dort haben alle abgebildeten Aktien die gleiche Gewichtung, egal ob das Unternehmen groß oder klein ist.

Dadurch ist die Streuung zwar größer. Aber die Wirtschaftskraft der Unternehmen wird nicht sinnvoll abgebildet, kritisiert Martin Weber. Und Niels Nauhauser sagt: „Seit Jahrzehnten versuchen Fondsmanager mit aktiven Fonds den MSCI World Index zu schlagen, aber es gelingt ihnen nicht.“

© dpa-infocom, dpa:221129-99-708391/4

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