Thailands Höhlendrama ist das perfekte Heldenepos | FLZ.de

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Veröffentlicht am 10.08.2022 17:33

Thailands Höhlendrama ist das perfekte Heldenepos

Oscar-Preisträger Ron Howard (r) am Set von "Thirteen Lives" mit Darstellern. (Foto: Vince Valitutti/Metro Goldwyn Mayer Pictures/dpa)
Oscar-Preisträger Ron Howard (r) am Set von "Thirteen Lives" mit Darstellern. (Foto: Vince Valitutti/Metro Goldwyn Mayer Pictures/dpa)
Oscar-Preisträger Ron Howard (r) am Set von "Thirteen Lives" mit Darstellern. (Foto: Vince Valitutti/Metro Goldwyn Mayer Pictures/dpa)

Das Höhlen-Drama von Thailand ist schon in fast allen Varianten verfilmt und in Büchern erzählt worden. Jetzt setzt Hollywood noch einen besonderen Akzent: Jetzt (ab 5. August) ist das starbesetzte Werk „Thirteen Lives“ von Oscar-Preisträger Ron Howard („Apollo 13“; „A Beautiful Mind“) auf Amazon Prime Video zu sehen.

Die „Dreizehn Leben“, um die es geht, gehören einem zwölfköpfigen Jugendfußballteam und seinem Coach. Vor vier Jahren war die Gruppe in einer gefluteten Höhle verschollen. Menschen in aller Welt verfolgten tagelang gebannt die spektakuläre und hochriskante Rettungsaktion.

Howard erzählt die Heldensaga aus der Perspektive der Retter: Internationale Spezialisten, die in die Provinz Chiang Rai geflogen waren, um zu den tief in der Tham-Luang-Höhle Eingeschlossenen vorzudringen. Viggo Mortensen („Herr der Ringe“) und Colin Farrell („The Gentlemen“) spielen die legendären Höhlentaucher Rick Stanton und John Volanthen. Sie waren die ersten, die 2018 zu den Vermissten vordringen konnten und wurden später mit Tapferkeitsmedaillen geehrt. Ist das Real-Life-Epos damit nun aus allen denkbaren Blickwinkeln erzählt - oder geht die mediale Ausschlachtung weiter?

Die Frage lässt sich leicht beantworten: Bereits im September kommt eine Netflix-Serie mit dem Titel „Thai Cave Rescue“ heraus. Vollständig in Thailand gedreht, werden die Ereignisse hier aus der bislang meist vernachlässigten Sicht der eingeschlossenen Jungen erzählt, die damals zwischen 11 und 16 Jahre alt waren.

Die Serie gewähre „exklusive Einblicke in die Erfahrungen der Jugendlichen des Fußballteams der Wild Boars am Rande des menschlich Erträglichen“, schreibt Netflix dazu. „Wir wollten in der Serie nicht nur die eigentliche Rettung schildern, sondern erzählen, was die Wild Boars in der Höhle durchmachen mussten“, sagte der Autor und ausführende Produzent Michael Russell Gunn.

Dieser Aspekt fand tatsächlich bislang weniger Beachtung als die waghalsige Rettung. Ein Rückblick: Seit neun Tagen werden die jungen Fußballer und ihr 25-jähriger Coach Ek in der Höhle im Norden Thailands vermisst, als am 2. Juli 2018 die erlösende Nachricht kommt: Alle sind am Leben. Allerdings befinden sie sich vier Kilometer vom Eingang entfernt. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn um die Jungen zu befreien, müssen sie es tauchend aus der verzweigten Höhle schaffen. Dabei können einige gar nicht schwimmen.

Experten machen sie mit Vollgesichtsmasken und dem Atmen unter Wasser vertraut. Aber am 5. Juli stirbt ein Taucher der thailändischen Eliteeinheit Navy Seals, der Druckluftflaschen in die Höhle gebracht hat, auf dem Rückweg. Die Zweifel wachsen. Die Jungen werden unter anderem mit dem Anästhetikum Ketamin sediert, damit sie unter Wasser nicht in Panik geraten. Nach 17 Tagen Bangen schließlich die erlösende Nachricht: Die letzten vier Jungs und ihr Trainer sind dem Felsen-Gefängnis entkommen - wohl in letzter Minute, denn aufziehender Regen drohte, die Höhle weiter zu fluten.

„Die großartigste Rettungsaktion, die die Welt je gesehen hat“, heißt es im Trailer zu „Thirteen Lives“. Kein Wunder, dass die Geschehnisse immer wieder in Filmen, Dokus und Literatur verarbeitet wurden - die Story ist ohne Frage der Stoff, von dem nicht nur Hollywood träumt. Wer sich im Internet auf die Suche macht, findet gut 15 Bücher zum Thema, auch von Protagonisten der Rettung wie Rick Stanton („Aquanaut“) und John Volanthen („Thirteen Lessons that Saved Thirteen Lives: The Thai Cave Rescue“).

Bereits ein Jahr nach den Ereignissen kam der erste Film heraus: „The Cave“ von Tom Waller. Im Februar 2020 erschien darauf die Dokumentation „13 Lost: The Untold Story of the Thai Cave Rescue“, 2021 dann die aufwendige National-Geographic-Doku „The Rescue“ der Oscar-prämierten Dokumentarfilmerin Elizabeth Chai Vasarhelyi („Free Solo“) und ihres Ehemannes Jimmy Chin. Darin sind bis dahin unveröffentlichte Original-Aufnahmen der Thai Navy Seals zu sehen.

Die Jungen selbst wurden monatelang durch die Welt geflogen und erzählten in TV-Sendungen, wie etwa bei der US-Talk-Ikone Ellen DeGeneres, lächelnd von ihrer wundersamen Rettung. Ob und wie viel sie selbst an dem ganzen medialen Rummel verdient haben, ist unklar - viel wird es aber nicht sein. Die Regierung in Bangkok hatte bereits 2018 eine Firma gegründet, die die Rechte der Jungen vertreten soll: „13 Thumluang Company Limited“.

Netflix erwarb für seine Serie von dem Unternehmen die Exklusivrechte, um die Geschichte aus der Perspektive der jungen Fußballer zu erzählen. Berichten zufolge sollte jeder der „Wild Boars“ drei Millionen Thai Baht (81 000 Euro) dafür bekommen.

„Es scheint, als würden jetzt jede Woche neue Versionen sowie Filme und Bücher aus verschiedenen Winkeln der thailändischen Höhlenrettung veröffentlicht“, brachte es der finnische Höhlentaucher Mikko Paasi vor wenigen Tagen in einem Facebook-Post auf den Punkt.

Paasi war selbst maßgeblich an der Rettung beteiligt und wurde später in Thailand mit dem höchsten Orden des Landes ausgezeichnet. Er ist überzeugt: „Selbst wenn noch ein Dutzend weiterer Filme über diese Nervenprobe gemacht würde, wird die ganze Geschichte doch niemals in nur einem Buch beschrieben oder in einem Film oder einer Serie festgehalten werden können.“

© dpa-infocom, dpa:220810-99-341686/3

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