Die „Goldene Kugel“ befand sich bis zum Start der Sanierung vor gut einem Jahr noch auf der Turmspitze der Uehlfelder Sankt Jakobuskirche. Nun wurde sie geöffnet und gab ihre Geheimnisse preis.
Einschüsse seien an der Kugel zu sehen, hieß es. Nach dem Gottesdienst am Sonntag fand die feierliche Enthüllung des Inhaltes statt, der in einer Blechbüchse in der Goldkugel steckte. Die letzte Sanierung führt ins Jahr 1969 zurück.
Im Oktober 1969 war die Kapsel auf den Turm gekommen. Es war zur Uehlfelder Kerwa. Pfarrer von Uehlfeld war zu dieser Zeit Helmut Präu; Bürgermeister der Gemeinde war Willy Lindner, wusste der frühere Bürgermeister Werner Stöcker, der bei der Zeremonie ebenfalls anwesend war.
Das Öffnen der Kugel war ein Kraftakt und brachte den Architekten der Turmsanierung, Werner Schad, sowie Oliver Wagner, der als Besucher half, fast zur Verzweiflung. Alle Maßnahmen, das „runde Ding“ irgendwie auch nur einen Millimeter zu bewegen, scheiterten kläglich. Pfarrerin Ines Weimann überlegte laut, ob ein Schnaps die Lösung wäre, um die Nerven etwas zu beruhigen.
Das „Klößwasser“ daheim müsste man jedenfalls noch einmal beiseite schieben, ergänzte sie trocken. Denn es mussten härtere Geräte her. Eine Spitzzange sollte es sein. Als erstes fielen eine ganze Menge Münzen aus dem Rohr. Natürlich waren die Kinder in der Kirche neugierig. Es waren Mark-Stücke, die sie nicht kannten.
Markstücke, Fünfzigpfennigstücke und „Einserle und Zweierle“, wie die Kleinen die Pfennigstücke bezeichneten. Eine dänische Öhre-Münze gab Rätsel auf. Ob es irgendwelche Beziehungen nach Dänemark gegeben hatte, oder es einfach nur ein Urlaubsmitbringsel gewesen war, wird wohl immer offen bleiben. Sogar eine Münze, geprägt mit dem Reichsadler, kam zum Vorschein.
Doch die Papierrollen wollten und wollten einfach nicht heraus. Die Pfarrerin überlegte sogar, einen Wettbewerb daraus zu machen. „Wer gewinnt und die Rolle öffnet, darf den Gottesdienst nächste Woche halten“, sagte sie augenzwinkernd. Nach langem Schütteln und Ziehen mit der Zange kam der große Augenblick: Es waren eine ganze Reihe Papierstücke, die jede Menge Informationen aus dem Jahr 1969 preisgaben.
Damals war die erste Mondlandung mit drei Astronauten. Eine wahre Sensation. Ein Sonntagsblatt der Evangelischen Kirche lag ebenfalls in der Hülle, die während der Uehlfelder Kirchweih Ende Oktober verschlossen auf den Turm angebracht worden war. Auch eine Tageszeitung war in der Spitze verewigt worden. Sie berichtete damals über die Tour de France. Und Bundespräsident sei Gustav Heinemann gewesen, war zu lesen.
Der Schützenkönig aus Nenzenheim hieß 1969 übrigens Fritz Wolf, las die Pfarrerin amüsiert vor. Auch Werbung gab es schon in „Hülle und Fülle“. Lebkuchen kosteten 98 Pfennig, während ein Stück Rindfleisch für drei Mark zu haben war. Die Sparkasse Neustadt spendete passend zum Sensationsereignis die Mondmünze zur ersten Raumfahrt. Aber auch Handwerker inserierten damals schon. Alle, die an der Renovierung des Kirchturmes beteiligt gewesen waren, warben für ihr Unternehmen. Auch die Molkerei war in Uehlfeld noch ansässig.
Da die Rolle zu Kirchweihzeiten auf die Turmspitze gekommen war, hieß es in einer Zeitung weiter „die Biertanks seien gefüllt“, niemand musste also Durst leiden. Auch Wahlwerbung gab es vor 55 Jahren schon. Der Evangelische Kirchentag fand bei Hitze in Stuttgart statt, las Weimann den Besuchern vor. Die Wetterfahne auf dem Kirchturm zierte ein Engel mit Posaune. Die Handwerker, die damals den Turm saniert hatten, waren alle namentlich genannt und kamen sogar aus Nürnberg oder Kitzingen.
Insgesamt 383.000 Mark hatte die Sanierung des gesamte Turmes damals gekostet, auch Zuschüsse hatte es schon gegeben. 110.000 Mark seien von der Evangelischen Kirche dazu gegeben worden, hieß es in einem der Dokumente.
Bereits 1866 war ein Blechbehälter auf den Kirchturm gekommen, also mehr als einhundert Jahre vor der Sanierung 1969. Die Papierstücke will die Pfarrerin nun erst einmal pressen, da sie alle so lange eingerollt waren. Danach kommen sie in den Vitrinenschrank der Kirche und jeder hat genügend Zeit, sich die Stücke genauer anzuschauen. Es ist eine Zeitreise, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückführte.