Unter lautem Dröhnen saust die Drohne abwärts und schlägt am internationalen Flughafen von Dubai ein - direkt an einem der Terminals und neben geparkten Passagierflugzeugen, mitten am Tag. Das Video des Angriffs vor einigen Tagen zeigt: Piloten im Nahen Osten stehen angesichts des Kriegs mit dem Iran vor einigen der wohl außergewöhnlichsten Tage ihrer Karriere. Denn wie steuert man ein Flugzeug samt Passagieren sicher ans Ziel, wenn am Himmel Tag und Nacht Drohnen, Raketen und Marschflugkörper fliegen?
„Piloten und Kabinenpersonal werden auf schwierige Situationen vorbereitet“, sagt die Mitarbeiterin einer großen Fluggesellschaft in einem der Golfstaaten, die ihren Namen und ihren Arbeitgeber nicht nennen will. „Wenn Piloten die Bedingungen für unsicher halten, haben sie das Recht, den Flug abzulehnen“, sagt die Angestellte, die bei der Airline auch Mitarbeiter ausbildet, der dpa. „Fluggesellschaften werden niemals zulassen, dass ein Flugzeug in einem Luftraum fliegt, der als unsicher eingestuft wird“, versichert sie.
Gefährlich nah kamen einige Passagierflugzeuge den Angriffen im Iran-Krieg in vergangenen Tagen aber trotzdem. Auf der Website Flightradar24 war zu sehen, wie eine aus Indien kommende Emirates-Maschine auf dem Weg nach Dubai während laufender Raketenangriffe plötzlich umkehrte, dann aber - offenbar nach Abwehr des Angriffs - nochmals umdrehte und schließlich doch in Dubai landete. Das als „double reverse“ bekannte Manöver, also eine „doppelte Wende“, gilt als äußerst selten.
Nicht alle Staaten gehen das Risiko ein. So haben etwa die unter Beschuss stehenden Länder Irak, Kuwait und Bahrain ihren Luftraum geschlossen. Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate öffneten diesen dagegen teils wieder, nachdem Zehntausende Flüge gestrichen worden waren und etliche Reisende gestrandet waren. In beiden Ländern gilt jetzt ein als ESCAT bekanntes Notfall-System. Dabei kann die Flugsicherung sofort Kursänderungen oder Landungen für bestimmte Zonen in der Luft vorschreiben, um dort etwa den Abschuss von Drohnen und Raketen zu ermöglichen.
Für einige Piloten ist die aktuelle Lage gewissermaßen auch Teil des Jobs. „Wir haben uns daran gewöhnt“, sagt ein Pilot einer großen arabischen Airline. „Es ist unvermeidlich, dass wir in problematischen Regionen im Einsatz sind.“ Pilot und Copilot versuchten jedoch alles, um Risiken so gering wie möglich zu halten – etwa mit zusätzlichem Treibstoff für mögliche Kursänderungen oder durch die Bitte um eine alternative Route, sagt der Pilot. Seine Airline versuche auch, Routen zu tauschen, wenn ein Captain vorab mal kein gutes Gefühl habe.
„Ich würde in der Gegend im Moment nicht fliegen wollen. Die ganze Gegend ist ein aktives Konfliktgebiet“, schreibt dagegen ein Nutzer auf der Piloten-Website PPRuNe. Die Airlines „spielen mit dem Feuer und dem Leben der Passagiere und Crews“, schreibt ein anderer. Einige sprechen in dem Piloten-Forum von „absolutem Wahnsinn“ und sagen voraus, dass die Flüge im Krieg nur noch so lange laufen würden, bis es zu einer großen Katastrophe kommt - sei es durch einen Unfall oder durch den gezielten Abschuss eines Passagierfliegers.
Solch schwere Vorfälle während Konflikten in Nahost gab es bereits. 2020 schoss Irans Luftabwehr eine ukrainische Maschine inmitten militärischer Spannungen mit den USA kurz nach dem Start in Teheran ab. Alle 176 Insassen wurden getötet. 1988 schoss ein US-Kreuzer ein iranisches Passagierflugzeug über der Straße von Hormus ab - alle 290 Menschen an Bord kamen ums Leben. Die europäische Behörde EASA für Sicherheit in der Luftfahrt hat nun bereits vor „hohen Risiken“ für Flüge über dem Iran und der Region gewarnt.
Große Kopfschmerzen dürften die Angriffe auch Fluglotsen in der Region bereiten. Durch die Luftraum-Schließungen verengen sich die Strecken, die Piloten etwa auf dem Weg von Europa nach Asien nutzen können. Das entspricht für bestimmte Routen einer Art Autobahn-Vollsperrung am Himmel.
Einen besonderen Ruf haben inzwischen die abgehärteten Piloten im Libanon, die für die staatliche Middle East Airlines (MEA) schon im jüngsten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah weiter flogen - teils während laufender Explosionen in Beirut in Sichtweite von der Startbahn. Auch im Libanon und in Israel kommt es im Zuge des Kriegs jetzt wieder zu schweren Angriffen.
In Beirut sei das inzwischen „business as usual“, sagt ein Vertreter am Flughafen von Beirut der dpa - „alles geht seinen Gang, Tag und Nacht, trotz all der Bombardierungen um uns“. Die Piloten würden weiter fliegen, damit der Libanon „nicht abgeschnitten wird vom Rest der Welt“.
Videos der MEA-Maschinen, die unter Explosionen und Rauch über der Stadt starten und landen, erfüllen einige Libanesen mit Stolz. Bei Instagram geht ein Clip um von solch einem Start, in dem eine Stimme aus dem Off sagt: „Du denkst also, dein Job sei stressig. Versuch' es mal als libanesischer Pilot.“ Die größte Sorge sei aktuell noch, dass eine nicht gelenkte Rakete die Startbahn treffen könnte bei Start oder Landung, sagt ein MEA-Pilot. Davon abgesehen stellt er klar: „Angst spüren wir einfach nicht mehr.“
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