Schon als Kleinkind liebte er es, zu singen, zu tanzen und dabei in andere Rollen zu schlüpfen. Etliche Jahre später entschied sich Jürgen Brehm für einen Beruf, der all diese Leidenschaften miteinander vereint. Der 35-Jährige aus Oberdachstetten ist Musicaldarsteller.
Ein Musicalbesuch im Stadttheater Ingolstadt im Jahr 2003. Auf dem Programm steht „West Side Story”. Jürgen Brehm, damals 13 Jahre alt, sitzt mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern vom Ansbacher Theresien-Gymnasium im Publikum. Er hat noch nie zuvor ein Musical besucht. Das Scheinwerferlicht geht an, die Musik setzt ein – und es öffnet sich eine neue Welt für ihn. Als die Vorstellung nach über zweieinhalb Stunden mit dem Schlussapplaus zu Ende geht, weiß er, dass er selbst Teil dieser Welt werden möchte. „Diese Mischung aus Tanz, Gesang und Schauspiel hat mich unglaublich fasziniert”, erzählt er.
Während seiner Kindheit und Schulzeit sammelte er schon einige musikalische Erfahrungen. Beim Musikverein Obernzenn lernt er Klarinette und Saxophon, am Theresien-Gymnasium spielt er in der Big Band und singt in Chören. Doch um die Aufnahmeprüfung für ein Musical-Studium schaffen zu können, muss er sich noch einiges mehr aneignen. Die Anforderungen in den Bereichen Tanz, Gesang und Schauspiel sind hoch. An den staatlichen Ausbildungsinstitutionen bewerben sich mehrere hundert Interessenten auf etwa zehn Plätze.
Jürgen Brehm nutzt das Jahr nach seinem Abitur, um sich intensiv vorzubereiten. Er macht damals Zivildienst bei der Stiftung Pfennigparade in München, einer Einrichtung für Menschen mit und ohne Behinderung. „Ich war der einzige Zivi, der gern freiwillig Frühdienst gemacht hat”, erinnert er sich. So bleibt nachmittags Zeit für Tanz- und Gesangsunterricht. Für den Keller im Wohnheim lässt er sich einen Schlüssel geben, um dort sein E-Piano unterstellen und üben zu können.
Das Training zahlt sich aus. Jürgen Brehm schafft es in den staatlichen Musical-Studiengang der Hochschule Osnabrück. In den folgenden vier Jahren stehen unter anderem Ballett, Stepptanz, Gesang, Schauspiel, Klavier und Musiktheorie auf seinem Stundenplan. Im Musical „Spring Awakening” von Duncan Sheik („Frühlings Erwachen”, nach dem gleichnamigen Drama von Frank Wedekind) übernimmt er eine Hauptrolle. Die Rolle des Melchior auf einer Theaterbühne spielen zu dürfen, begleitet von einer Live-Band, war ein Erlebnis, das ihm bis heute präsent ist. Magisch: Der Moment, als in einer Szene Regen auf die Bühne fällt.
Nach dem Studium wird Jürgen Brehm Mitglied in Deutschlands einziger Musical-Company am Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim. „Das war der Jackpot unter den Festanstellungen”, sagt er. Dort kann er sich in zahlreichen Produktionen ausprobieren und hat nicht den Druck, sich ständig für neue Shows bewerben zu müssen. Insgesamt sechs Jahre gehört er der TfN-Musical-Company an.
Mittlerweile hat Jürgen Brehm an 54 Produktionen mitgewirkt, im Lauf des Jahres werden es wohl 60 werden. Engagements hatte er unter anderem am Mecklenburgischen Staatstheater, am Hamburger Schmidt Theater, an der Comödie Dresden und an der Freilichtbühne Tecklenburg, die mit über 2300 Sitzplätzen Deutschlands größtes Freilichtmusiktheater ist. 2018 wurde er von der Deutschen Musical Akademie für seine Rolle als Oliver Konnopke in „Letterland” als „Bester Darsteller in einer Nebenrolle” nominiert.
Die Vielseitigkeit schätzt er an seiner Arbeit besonders. Und natürlich das Live-Erlebnis, „wenn man merkt, dass man das Publikum mitnehmen kann”. Hartes Training, Konkurrenzdruck und Absagen gehören allerdings auch zum Berufsalltag. Umso dankbarer sei er, wenn Freunde und Familie auch lange Wege nicht scheuen, um ihn auf der Bühne zu sehen.
Ob er schon mal mit seiner Entscheidung für die Künstlerlaufbahn gehadert hat? „Ja, auf jeden Fall”, sagt er. „Manchmal wünsche ich mir einen 9-to-5-Job. Allerdings weiß ich auch, dass ich dabei auf Dauer durchdrehen würde.”
Jürgen Brehm lebt in Hildesheim. Nach Oberdachstetten kehrt er von Zeit zu Zeit zurück, um seine Familie zu besuchen. Den fränkischen Dialekt konnte er schon einige Male auch abseits der alten Heimat gut gebrauchen. So verpasste er zum Beispiel dem Dr. Scott in der „Rocky Horror Show” einen fränkischen Zungenschlag.
Aktuell bereitet er sich auf seine Rolle in „Rocky – Das Musical” vor, das im Sommer auf der Freilichtbühne Tecklenburg aufgeführt wird. Deshalb hat er mit Boxtraining angefangen. Wieder eine neue Herausforderung.