Ein FLZ-Leser wunderte sich: Nach einem Gewitterregen rauschte schmutzig-braunes Wasser vom Auslass des Pumpwerkes an der Orangerie in die Rezat. Und nach einem weiteren Regen-Ereignis hing jede Menge Klopapier am Gitter des Auslasses. Da kann doch was nicht stimmen, oder? Auf Anfrage der FLZ lud Stadtwerke-Chefin Dr. Branka Rugolic zum Ortstermin.
Mit Einmal-Overall, Handschuhen und Sicherheitshelm ausgerüstet geht es, mit einem Seilzug gesichert, eine neuneinhalb Meter lange Aluleiter in den Stauraumkanal hinunter. Mit der Chefin klettern auch der technische Leiter der Abwasserentsorgung Ansbach (Awean), Angel Corona Guzman, und Abwassermeister Alexander Schwab in die Ansbacher Unterwelt. Schwab hat ein Gas-Warngerät dabei: „Wenn das piept, bitte nicht in Panik verfallen, ruhig durchatmen. Sie müssen ja die Leiter wieder hinauf.“
Der gewaltige Stauraumkanal, der bei Regen rund 3,5 Millionen Liter aufnehmen kann, ist komplett leer. Und erstaunlich sauber. Das liegt daran, dass sich am Boden übelriechender Schlamm absetzt, den Mitarbeiter des Betriebsamtes nach einem Regen-Ereignis mit dem Saugwagen, aber auch von Hand mit der Spüldüse beseitigen müssen. Und kürzlich wurde sauber gemacht.
Der Stauraumkanal ist ein Entlastungsbauwerk. Es soll bei starkem Regen einen Puffer bilden, damit sich Regen- und Schmutzwasser nicht in der Kanalisation staut, die Gullydeckel hebt und die Altstadt unter Wasser setzt.
Ist der Stauraumkanal voll und steigt das Wasser im ersten Speicher des Pumpwerkes, steigt eine schwimmende Tauchwand mit hoch. Die soll verhindern, dass Schwimmstoffe wie Klopapier, Binden oder Feuchttücher in den großen Speicher mit den Hochleistungspumpen gelangen. Dass das nicht zu 100 Prozent gelingt, gibt Angel Corona Guzman zu. Und so kommen eben die Bilder mit dem Toilettenpapier am Auslassgitter zustande. Diese Schwimmstoffe seien problematisch, zumal außer Klopapier nichts im WC etwas zu suchen habe. Kürzlich hat man am Auslass ein zweites Gitter eingebaut, um noch mehr Schwimmstoffe zurückzuhalten.
Leider entsorgten manche Bürger auch Essensreste über das WC – was zur Folge hat, dass man es auch im großen Kanal mit Ratten zu tun hat. „Überall, wo Sie Essensreste haben, haben Sie auch Ratten“, so Corona Guzman. Man bekämpfe die Nager mit speziellen Köderboxen. Die haben einen Schwimmverschluss, der bei Regen die Box schließt, damit das Rattengift nicht ins Wasser geschwemmt wird. Manche Köderboxen seien zudem mit Wärmesensoren ausgestattet: „Wir können dann sehen, wie viele Besuche die Box hatte.“
Wenn auch der letzte Speicher voll ist und der Super-GAU mit übelriechender Brühe auf den Straßen der Altstadt droht, springen die sechs Hochleistungspumpen an, um das Wasser in die Rezat zu pumpen. Zwei bis drei Mal sei das in den vergangenen vier Monaten der Fall gewesen, sagt Abwassermeister Schwab. Bis zu 17.000 Liter pro Sekunde drücken die Pumpen dann nach draußen. Das ist so, als wenn man mit einem Wimpernschlag 150 Standard-Badewannen füllte. Der Strombedarf der Pumpen ist gewaltig: Er entspreche dem Verbrauch eines Neubaugebietes mit 2000 Einwohnern, so Corona Guzmann.
Das Ganze muss auch funktionieren, wenn die Rezat Hochwasser führt. Wie zum Beispiel am 9. Juli 2021, als die Altstadt beinahe geflutet wurde – nicht durch die Kanalisation, sondern weil die Rezatfluten auf Rekordhöhe standen. Die Pumpen brachten das Wasser trotzdem nach draußen. Optimal ist das natürlich nicht, wenn im Pumpwerk allenfalls grob vorgereinigtes Wasser in den Fluss gepumpt wird. Ist der Speicher zu klein ausgefallen? So groß, dass er für alle Fälle reicht, „können sie gar nicht bauen“, sagt Angel Corona Guzmann.