Veröffentlicht am 10.01.2023 23:32

Forschungsteams suchen Geruch der Vergangenheit

Allein die Nase zählt bei den ganz besonderen Führungen im Ulmer Museum, mit denen Kunstwerke wie das Werk „Christus in der Vorhölle“ von Martin Schaffner als Duftquellen erschlossen werden. (Foto: Oleg Kuchar/Museum Ulm)
Allein die Nase zählt bei den ganz besonderen Führungen im Ulmer Museum, mit denen Kunstwerke wie das Werk „Christus in der Vorhölle“ von Martin Schaffner als Duftquellen erschlossen werden. (Foto: Oleg Kuchar/Museum Ulm)
Allein die Nase zählt bei den ganz besonderen Führungen im Ulmer Museum, mit denen Kunstwerke wie das Werk „Christus in der Vorhölle“ von Martin Schaffner als Duftquellen erschlossen werden. (Foto: Oleg Kuchar/Museum Ulm)
Allein die Nase zählt bei den ganz besonderen Führungen im Ulmer Museum, mit denen Kunstwerke wie das Werk „Christus in der Vorhölle“ von Martin Schaffner als Duftquellen erschlossen werden. (Foto: Oleg Kuchar/Museum Ulm)

Wie roch es in der Vergangenheit? Das EU-Forschungsprojekt „Odeuropa“ will Gerüche von früher für heutige Nasen erlebbar machen - und hofft auch auf Erkenntnisse für die Gegenwart. Im Ulmer Museum können alle mitschnuppern.

Allein die Nase zählt bei dieser ganz besonderen Führung im Ulmer Museum: Gemälde werden als Duftquellen erschlossen. Wie riechen Wein und Banane auf einem Stillleben oder welchen Geruch verströmt ein Bisamapfel, gemalt im 16. Jahrhundert? Die kleine Gruppe, die sich unter Leitung von Kunsthistorikerin Florence Riecker zur Führung „Der Nase nach!“ aufgemacht hat, erschnüffelt konzentriert und mit geschlossenen Augen aus kleinen Plastik-Flakons die Duftnoten, die sich mit den Gemälden verbinden. So sollen ganz neue Einblicke in die Geschichte Europas und der Kunst geschaffen werden, sagt Riecker.

Gerüche gehören zur sinnlichen Wahrnehmung der Menschen, ein bestimmter Geruch erinnert an konkrete Situationen, führt direkt in die Kindheit oder Schulzeit zurück, sagt Riecker. Die Betrachtung der Geschichte laufe bisher jedoch nur über Texte oder Bilder. Dabei wäre es auch eine wesentliche Dimension, zu wissen, wie es auf dem Schlachtfeld von Waterloo oder in einer mittelalterlichen Gasse gerochen habe. Aus diesem Grund will das wissenschaftliche EU-Projekt „Odeuropa“ den Geruchssinn als elementaren Bestandteil des Zugangs zur Welt neu erschließen.

Forschungs-Team der Uni Erlangen-Nürnberg

Sechs Forschungs-Teams, eines davon an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), rekonstruieren mit modernen Verfahren Gerüche der Vergangenheit. An der FAU sind Forschende aus den Geisteswissenschaften, der Chemie und den Digitalwissenschaften beteiligt. Dazu werden alte Texte und Bilder von einer Software nach Geruchshinweisen durchsucht und verarbeitet. Rund 219.000 Textbausteine und etwa 5000 Bilder konnten auf diese Weise bereits gesammelt werden.

Chemieprofessorin Andrea Büttner erklärt, dass für das Entschlüsseln von alten Gerüchen vielfältige Recherchen notwendig sind. Ein Beispiel ist das im Ulmer Museum gezeigte Porträt des Ulmer Patriziers Eitel Besserer von 1516, geschaffen von Martin Schaffner. Der würdige Ratsherr trägt nicht nur einen gewaltigen Bart und teuren Pelz, sondern auch einen sogenannten Bisamapfel - eine von Löchern durchbrochene Duftkugel. „Man muss zunächst in verschiedenen Dokumenten nachvollziehen, wie dieser Bisamapfel verwendet wurde - zu welchen Anlässen, in welchem Setting und welche Stoffe darin enthalten waren“, erklärt Büttner. Dann müssen die Forschenden herausfinden, wie diese Stoffe in der damaligen Zeit hergestellt wurden. Wurden sie aus fernen Ländern hertransportiert? Wenn ja, in welchen Gefäßen? Ging die Reise durch heiße Wüstengebiete oder waren die Rohmaterialien salziger Meeresluft ausgesetzt? All das hat einen deutlichen Einfluss auf den Geruch und führt dazu, dass Stoffe nach einer Reise ganz anders riechen als dort, wo sie frisch hergestellt wurden.

Dennoch versucht das internationale Forschungs-Team, Rezepte für die verschiedenen entschlüsselten Düfte anzulegen, die in einer Datenbank gespeichert werden. „Man muss sich genau überlegen, welche Substanzen in welchen Konzentrationen und in welchem Lösungsmittel diesen Geruch ergeben“, beschreibt Büttner die kleinteilige Arbeit. Jeder einzelne Geruch umfasse leicht den Aufwand einer Doktorarbeit. Wenn es genaue Informationen über Moleküle und Rezepte gibt, können die Düfte nachgebildet werden. So wie der des Bisamapfels, dessen Duftstoffe die sogenannten Miasmen vertreiben sollten - schädliche Ausdünstungen, die damals als Ursache für alle möglichen Krankheiten gesehen wurden. Diesen desinfizierenden Abwehrduft können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Führung aus den kleinen Plastikampullen vor die Nase sprühen und die Komponenten des Geruchs erraten, der sich unter anderem aus Lavendel, Majoran, Zimt, Rose und Ambra zusammensetzt.

Erkenntnisse auch für die Gegenwart interessant

Als Geschäftsführerin des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung geht es Andrea Büttner bei dem Projekt allerdings nicht nur darum, Historisches erlebbar zu machen. Die Erkenntnisse seien auch nutzbar für aktuelle Fragen der Ernährungswirtschaft und der Bioökonomie, sagt sie: Ein Beispiel ist das Material Leder, mit dem ein charakteristischer Geruch verbunden wird, der beim Gerben entsteht. Inzwischen könnten Tierhäute auch mit anderen Verfahren gegerbt werden. Sogar veganes Leder aus Pilzgewebe gibt es. Das ist umweltverträglicher, günstiger und riecht nicht. „Doch da kommt das kulturelle Erbe ins Spiel: Die Menschen wollen unbedingt den Ledergeruch.“ Für die Produktentwicklung könnten Lederproben aus verschiedenen Jahrhunderten und Texte über die Herstellung und den Geruch von Leder miteinander verglichen werden, um herauszufinden, was die Menschen daran begeistere. Am Ende könnte ein künstlicher Ledergeruch hergestellt werden.

Ab Ende Januar werden die olfaktorischen Führungen im Ulmer Museum weitergehen. Vielleicht wird dann auch das Schmuckstück des Museums, die kleine, rund 40.000 Jahre alte Figur des „Löwenmenschen“ miteinbezogen, die als eines der ältesten von Menschen geschaffenes Kunstwerk gilt. Dann könnten die Besucher sogar die Gerüche einer Höhle in der Steinzeit einatmen.

Von Achim Schmid und Julia Riese (epd)

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