Hart arbeiten und „nebenbei“ Kinder gebären: So sah das Los vieler Frauen in den vergangenen Jahrhunderten und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aus. „…und nebenbei 8 Kinder“ lautete denn auch der Titel einer Themenführung, zu der Bezirksrätin Lisa Renz-Hübner ins Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim eingeladen hatte.
Die Thematik war offensichtlich so gut ausgewählt, dass Renz-Hübner nach eigener Aussage dazu „die doppelte und dreifache Anzahl“ an Interessierten hätte einladen können. So blieb es bei 25 Besucherinnen und Besuchern, die einmal im Jahr jedes Mitglied des Bezirksrates ins Museum einladen darf. Der Bezirk Mittelfranken übernimmt dabei die Kosten für die Teilnahme, sodass Interessierte kostenlos mit dabei sein können.
Als Museumsführerin hatte Sylvia Bauer verschiedene Orte ausgewählt, um die Situation der Frauen dort jeweils besonders eindrücklich zu schildern. Bauer beleuchtete die Lebensrealität von Frauen auf dem Land in früheren Jahrhunderten. Sie zeigte eindrücklich, wie vielfältig und herausfordernd die Aufgaben von ihnen damals waren: Neben der Verantwortung für Haus, Hof und Kinder mussten sie die Versorgung der ganzen Familie sicherstellen und das häufig unter äußerst schwierigen Bedingungen.
Schon die Stellung der Frau in der Gesellschaft war weit entfernt von einer Gleichberechtigung, wie sie teils auch heute noch nicht selbstverständlich ist. Junge Menschen durften ohne Vermögen nicht heiraten. Die Folge war, dass Abtreibungen mittels „Rosmarin und Thymian“ vorkamen, die für die Frauen äußerst risikoreich waren.
Laut einer Tabelle, die Sylvia Bauer zitierte, gab es Anfang des 19. Jahrhunderts genauso viele uneheliche wie eheliche Kinder. Und selbst wenn das Familienleben passte, hieß es für die werdende Mutter: Arbeiten bis zur Geburt und oft unmittelbar danach ging es wieder an die „täglichen Pflichten“, mit dem fatalen Ergebnis, dass viele Frauen Geburt und die Wochen danach nicht überlebten.
Bereits im Kleinkindalter wurde die „Wertigkeit“ des Geschlechts sichtbar. War die Muttermilch versiegt, gab es für die Mädchen Schafsmilch. Die Jungen hingegen wurden mit Ziegenmilch ernährt, die weniger Allergene enthält. Bestand Gefahr, dass ein Kind tot zur Welt kam, gab es laut Sylvia Bauer eine „Weihwasserspritze“. Damit die Kindstaufe vollzogen werden konnte, wurde Weihwasser in Spritzen gefüllt und der Mutter in den Unterleib gespritzt. Angesichts damaliger hygienischer Verhältnisse oft ein Todesurteil, auch für die Frau. Erschreckendes Zitat dazu: Es ist „schlimmer, wenn ein Zugtier stirbt als die Frau“.
Waren Kinder- und Jugendzeit glücklich überstanden, ging es ans Heiraten. Nicht aus Liebe, der Partner wurde überwiegend von den Eltern ausgesucht. Wichtig war die Mitgift der Braut, Kammerwagen sollten beim Umzug ins Haus des Bräutigams den Wohlstand seiner Zukünftigen zeigen.
Einen Beruf erlernen, dafür war die Frau im Gesellschaftsbild nicht vorgesehen. Am Beispiel Barbara Strauß machte die Museumsführerin das erschreckend deutlich. Im Schulentlassungszeugnis des Mädchens stand 1907: „Geistesgaben viele“, ihre Noten waren entsprechend herausragend. Trotzdem blieb ihr der Besuch einer höheren Schule verwehrt, Arbeit und Kinder waren die Ansprüche an Frauen. Für reichen Kindersegen wurden sogar Wallfahrten unternommen.
Krötenmotive, unter anderem aus Wachs, wurden dafür auf Altären abgelegt, wie Bauer anhand einiger Beispiele zeigte. Bei einem Abstecher ins Jagdschlösschen auf dem Museumsgelände zeigten sich die gesellschaftlichen Unterschiede. Hier die Mädchen und Frauen als Bedienstete, dort die adelige Frau, zu deren Sorgen die passende Bekleidung für gesellschaftliche Zusammenkünfte zählte. Trotzdem, auch bei höheren Ständen war die Frau „schmückendes Beiwerk für den Mann, nur dazu da, um die Gesellschaft zu vervollständigen“, so Bauer.
Exemplarisch für die Stellung der Frau im Handwerk war Ursula Reinhartin, 1601 durch den Tod ihres ersten Mannes zur Besitzerin der Unterschlauersbacher Mühle geworden, die heute im Fränkischen Freilandmuseum steht. Die Zunft schrieb vor, dass die Mühle nur von einem Mann betrieben werden durfte, ansonsten hätte sie ihren Besitz verloren. Bis 1613 heiratete sie viermal.
„Mir ist wichtig, dass solche Geschichten erzählt werden“, betonte Lisa Renz-Hübner. „Frauen haben unser gesellschaftliches Leben über Jahrhunderte getragen, tauchen aber in den gängigen Geschichtsbüchern nur am Rande auf. Mit dieser Führung möchte ich dazu beitragen, dass diese Perspektiven mehr Aufmerksamkeit erhalten“, so die Bezirksrätin.