Am vergangenen Mittwoch feierte die älteste Markt Erlbacherin einen runden Geburtstag: Ingeborg Schock wurde 100 Jahre alt und feierte mit Tochter, Schwiegersohn und Nachbarschaft. Und: Sie hat noch mehr vor.
Als ihre Tochter Cora Fleischer nach dem Tod ihres Mannes Joachim sagte „Komm doch zu uns nach Markt Erlbach!”, wiegelte sie zuerst ab: „Das kann ich machen, wenn ich alt und gebrechlich bin.” Doch dann brauchte sie eine neue Wohnung, in Markt Erlbach war im Haus der Tochter gerade eine schöne frei – und so kam sie vor 26 Jahren doch aus der Großstadt Dresden ins beschauliche Markt Erlbach – und sie hat es nicht bereut.
Alt ist sie inzwischen, gebrechlich nicht. Weitgehend selbstständig lebt Schock noch immer im Haus, in dem auch ihre Tochter und ihr Schwiegersohn leben. „Der Menschenschlag hier ist sehr nett und sehr hilfsbereit.” Mit dem Rollator ist sie immer noch mobil – und dank des Bürgerbusses. „Der ist Gold wert”, lobt sie gleich mehrmals.
Geboren ist sie in Wismar. „Ich bin ein Fischkopf.” Dort habe sie eine schöne Kindheit verbracht, obwohl sie ihren Vater nicht bewusst kennengelernt hat. Der starb, als sie zwei Jahre alt war. Zusammen mit der Mutter und Schwester zog sie mit neun Jahren ins Erzgebirge. Später ging sie mit der Schwester nach Dresden. Dort hat sie die schlimmen Bombardierungen zwar nicht mehr selbst miterlebt, doch sie erinnert sich noch lebhaft, wie sie 1947 durch die Trümmer mit ihrer Geige zum Unterricht ging.
Ingeborg Schock lernte Kosmetikerin. „Das war bei uns noch anders”, berichtet sie. Es gab eigene Schulen für diesen Beruf, den sie lange ausübte. „Wir hatten nicht so viele Apparate, haben aber auch massiert.” Über die DDR sagt sie nur: „Es war nicht alles schlecht.”
Bei allem eher den Blick für das Positive zu bewahren, scheint generell die Lebenseinstellung der Jubilarin zu prägen. So steckte sie auch den frühen Tod ihres Mannes weg. Als ihre Schwester nach England ging, musste sie Zimmer in der Wohnung an Studenten vermieten, die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ließ sie die Schwester aussuchen. Einen dieser Studenten, den sieben Jahre jüngeren Joachim, ließ sie dann nicht mehr gehen. Sie hätte nicht gedacht, dass er einmal vor ihr geht, doch er starb früh, schon mit 65 Jahren.
Bis heute halten sie und ihre Tochter den Kontakt zu den Studenten ihres Mannes – er war Dozent für Verkehrstechnik. Einer von ihnen ist extra nach Wismar gefahren und hat ihr die Tageszeitung vom 4. Februar 1926 besorgt. Eine Gruppe von 35 Personen trifft sich jedes Jahr in einer anderen Ecke Deutschlands. „Sie waren auch schon einmal hier und haben das Wildbad bei Burgbernheim besucht.” Im nächsten Jahr geht es nach Thüringen.
„100 Jahre alt zu werden ist ja kein Verdienst, vielleicht eher eine Veranlagung”, sagt Ingeborg Schock mehrmals im Gespräch. Der erste Satz bei der Beschreibung ihres Lebensstils ist dann auch eher überraschend: „Um Sport habe ich immer einen großen Bogen gemacht.” Allerdings, setzt sie nach: Sie bewege sich viel und das meint sie nicht nur körperlich. Sie lese viel, informiere sich. „Man darf nicht aufhören, muss immer am Ball bleiben.” Hilfreich ist vielleicht auch, dass sie sich nicht viel aus Essen macht. Sie esse einfache Sachen, es müsse nichts Überkandideltes sein.
Ansonsten: „Ich bilde mir nicht viel drauf ein. Aber es kann nicht jeder 100 werden.” Den Geburtstag feierte sie mit Tochter, Schwiegersohn und den netten Nachbarn ganz leger „ohne Frack und langes Abendkleid”, wie sie in der Einladung geschrieben hatte.
Zum Wochenende kam jetzt noch der Enkel aus Nordrhein-Westfalen, außerdem hat sie zwei Urenkel. Bürgermeisterin Dr. Birgit Kreß, die schon die vergangenen Geburtstage vorbeigeschaut hatte und von der Ingeborg Schock viel hält („Ich bewundere immer, was in den letzten 26 Jahren hier alles passiert ist.”), ist ihrerseits beeindruckt von der modischen Erscheinung und dem Selbstbewusstsein ihrer ältesten Einwohnerin: Der Schmuck farblich abgestimmt auf den Pullover, die Nägel sorgfältig gemacht – die Kosmetikerin lässt immer noch grüßen.
Wenn es nach Schock geht, werden weitere Geburtstagsfeiern folgen. Ihre Devise: „Jetzt mache ich erst mal noch zwei Jahre und dann sehen wir weiter.”