Ein Traumspiel, gemacht aus Licht und Luft und Stoff und Menschen. Ein kaleidoskopisches Lebenspanorama. Ein Wunderstück ist das, was jetzt am Theater Ansbach zu sehen ist. Es reicht dort hin, wo die Sprache aufhört oder wo sie gerade anfängt. Es ist zum Niederknien schön, zum Seufzen traurig und zum Lachen lustig.
In der Kunst, mehr zu sein, als zu haben, hat es das Theater Ansbach in dieser Saison weit gebracht. Auf die große „Dreigroschenoper“ folgt nun eine noch größere Herausforderung, Peter Handkes „Stunde da wir nichts voneinander wussten“, ein Stück ohne Handlung, ohne Text, aber mit einer Hundertschaft an Figuren, die über einen Platz gehen. Ein Stück aus lauter Vorgängern und Nachkommen, wörtlich verstanden.
264 Kostüme, wiederverwertete Fundusschätze und Leihgaben vor allem, sind im Einsatz. 264. So viele Figuren gehen wahrscheinlich über den Platz, der irgendwo und überall liegt, also zwischen Himmel und Hölle und auch in Ansbach. 264. Wirklich? Zum Nachzählen bleibt keine Zeit. Es gibt Wichtigeres zu tun: zuschauen, mitfühlen, nachdenken.
Jan Holtappels, der Regisseur, hält sich nicht penibel an Handkes Spielvorlage, die nichts anderes als eine riesige Regieanweisung ist, ein Gesellschaftsmosaik aus Beobachtungen und Einfällen, eine Bilderflut, in der Gegenwart und Geschichte ineinander wirbeln – was die „Stunde“ gerade für die YouTube-Insta-TikTok-Gegenwart passgenau anschlussfähig werden lässt.
Jan Holtappels nutzt diese Chance. Er holt den über dreißig Jahre alten Text in die Gegenwart, nimmt sich Anleihen vom Tanztheater, vom Zirkus und der Popkultur, erfindet neue Figuren und Geschichten dazu, ohne Handkes mythologische Tiefe, die bis zu Moses hinabreicht, zu übersehen. Und er findet großartige, witzige, anrührende, hoch expressive szenische Metaphern für die drängenden Dauerthemen der Zeit.
Wer will, entdeckt die Klima-Kleber, den Gender-Diskurs, die Probleme der Energiewende, sieht Flüchtende und Kriegstreiber und noch viel mehr.
Diese „Stunde“ weiß mehr, als ihr Ur-Text. Sie hat sich mit Gegenwart vollgesaugt. Das Allgemeinmenschliche kommt nicht zu kurz. Glaube, Hoffnung, Liebe, Krankheit, Altern, Sterben und Tod. Und, und, und. Wie Menschen einander begegnen und sich verfehlen, auch das erzählt die „Stunde“. Ein ganzer Beziehungskatalog blättert sich auf – und ein Katalog der Alltagsgeräusche und von Klängen, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt.
Das alles in gut 100 Minuten gepackt. Viel Gewicht zu tragen? Bleierne Langweile? Nichts davon. Alles kommt geschmeidig daher, ist immer im Fluss, nie hektisch, sondern konzentriert, atmend, gespannt, noch in der Ruhe.
Das fünfzehnköpfige Ensemble, Tänzerinnen, ein Akrobat, Schauspielprofis und -Amateure, meistert seine Aufgaben großartig. Was in einem Lächeln, einer Armbewegung, einem zögernden Schritt nach vorne zu lesen ist.
Eine Überraschung jagt die andere – oder weht einfach herein. Wer sich auf dem Platz von Sophia Debus, die zusammen mit Vera Goth auch für die Kostüme zuständig ist, alles einfindet. Feuerwehrleute, Polizisten, ein Krankenpfleger, eine Frau mit Rollator, Ansbacher Wappen-Fische, die nichts begreifen, Kaspar Hauser, Albrecht Dürer, ein laufender Tisch, ein Luftgänger, eine zünftige Wanderin, Sauberkeitsspießer, Liebende, Trauernde, eine dystopische Schicksalsgemeinschaft.
Nebenbei reflektiert Holtappels, wodurch Handke seit der Uraufführung der „Stunde“ besonders aufgefallen ist – Stichwort: Serbien-Kontroverse und Nobelpreis. Handke scheint mitzuspielen. Der Herr des Platzes und des Geschehens hat viel von ihm, ein Begleiter, Zuseher, Autor, aber auch ein mystischer Seelenführer, ein Weltverzauberer. Frank Siebenschuh spielt ihn. Ihm gegenüber: ein Kind (Oskar Greul). Ernst und fragend.