Es ist warm. Eine Gruppe hat sich am Marktplatz versammelt, unterhält sich und bereitet sich auf die bevorstehende Route vor. Wanderführer Rudi Glas ruft: „Es geht los!” Und dann marschieren 15 Menschen Richtung Taubertal, immer in Dreier- oder Zweiergrüppchen. Die Mittwochswanderer sind wieder unterwegs.
„Wir laufen, egal ob Sonne oder Regen.” Alfred Grasbeinter ist Vorsitzender der Gruppe – seit vier Jahren. „Man hat mich so lange bearbeitet, bis ich gesagt habe: Ich mache es”, erzählt er. Seitdem organisiert er die Strecken, wer wann läuft, das Programm und wo man einkehrt. Jeden Rosenmontag geht es nach Tauberzell zum Fasching. Auch Busfahrten gehören dazu, in andere Städte oder zu Sehenswürdigkeiten im Umland. Und nach jeder Mittwochswanderung kehren die Teilnehmenden in einem Restaurant der Stadt ein.
An diesem Mittwoch läuft Alfred Grasbeinter einfach nur mit. Jedes fünfte Mal führt er die Gruppe an. „Wir wechseln immer durch. Der Plan steht schon seit einem Jahr fest”, erklärt Rudi Glas. Er hat sich folgende Route überlegt: „Wir gehen über den Nussbaumweg ins Taubertal.”
Die Gruppe teilt sich jetzt in zwei Parts auf: Ein Teil wandert 45 Minuten lang, der andere Teil für eineinhalb Stunden, fünf bis sechs Kilometer weit durchs Taubertal. Je nach Verfassung können sich die Teilnehmenden überlegen, in welcher Gruppe sie mitlaufen möchten.
Frida Spörner entscheidet sich für die lange Strecke. „Man muss sich einfach trauen und es ausprobieren, sonst verpasst man so viele Möglichkeiten.” Es ist ihr wichtig, immer mal wieder in die Gemeinschaft zu kommen, erzählt sie, während sie sich ihren Hut etwas tiefer ins Gesicht zieht, zum Schutz gegen die gleißenden Sonnenstrahlen.
Zuerst führt der Weg die Gruppe durch ein Wohngebiet, die Füße wandern auf Asphalt, die Straße zieht sich fast endlos geradeaus. Dann verändert sich die Landschaft: Gärten, Häuser, üppig bepflanzte Balkone weichen Wiesen, Feldern und Bäumen, die Schatten spenden. „Pause”, ruft Rudi Glas. Die Gruppe macht einen kurzen Halt, trinkt etwas und läuft dann weiter.
Der Weg führt nach links, hinein ins Taubertal. Ingrid Hatz, seit mehreren Jahren bei den Mittwochswanderern dabei, schätzt an den Wanderungen vor allem eins. „Die Natur hat ihre eigene Ruhe, da kann man richtig abschalten.“ Sie kommt aus Ohrenbach, hat einen Bauernhof mit 32 Fenstern. „Da gibt es also viel Arbeit”, sagt sie lachend mit Blick auf das Sauberhalten. Von den Mittwochswanderern erfuhr sie durch einen Polizisten, der ebenfalls Mitglied war und sie einlud, einfach mal mitzukommen. Seitdem nutzt sie die Wanderungen als kleinen Ausgleich zum Alltag und für das gemeinschaftliche Miteinander.
Alfred Grasbeinter beobachtet die Stimmung in der Gruppe: „Man merkt, dass die Leute Lust auf Bewegung und Austausch haben.“ Gleichzeitig betont er, wie wichtig Flexibilität ist: „Planung ist wichtig, aber ein bisschen Flexibilität macht das Ganze erst richtig angenehm.“
Alle können je nach Motivation dazustoßen. Bei Regen sind es meist um die zehn bis 15 Wanderinnen und Wanderer, bei Sonnenschein schon deutlich mehr – bis zu 30. Insgesamt zählt die Gruppe rund 70 Mitglieder, viele davon laufen aber schon lange nicht mehr mit, so Grasbeinter.
Die Routen führen zu bekannten Sehenswürdigkeiten, hinab ins Taubertal, zur Schandtauber, je nach Wetterlage und Kreativität der Wanderführenden. „Bei Regen schaut man dann eher in die Stadt runter”, erklärt Glas.
Herzstück der Mittwochswanderungen bleibt aber die Gemeinschaft: „Die Gemeinschaft macht's am meisten aus”, sagt Glas. Frida Spörner stimmt zu: „Plaudern, Unterhalten, das ist wichtig für ältere Leute, die nicht mehr so rauskommen.”
Vor 30 Jahren gründete Franz Metschl die Gruppe. Zur ersten Mittwochswanderung waren acht Teilnehmende erschienen, sie führte über die Doppelbrücke zur Skischanze, berichtete Ingrid Hatz. 20 Jahre lang führte Metschl die Mittwochswanderer, seit sieben Jahren läuft er nun nicht mehr mit.
Er kehrt aber regelmäßig mit den Wandernden gemeinsam in der Gastwirtschaft ein und spielt auf seiner Ziehharmonika vor. Nun blicken die Teilnehmenden stolz auf drei Jahrzehnte zurück. Metschl legte den Grundstein für eine Tradition, die Generationen verbindet und Menschen zu mehr Bewegung, Austausch und Freude an der Natur motiviert.
Nach rund 90 Minuten erreichen die Wanderer ihr Ziel: das Klingentor. Anschließend geht es in den Reichsküchenmeister – denn zur Tradition gehört nicht nur das Wandern, sondern auch das gemeinsame Einkehren.
„Das ist für viele der schönste Teil des Tages“, erzählt Glas mit einem Augenzwinkern. Und doch ist es die Mischung, die den Reiz ausmacht: Bewegung, Gemeinschaft, Natur und der kleine Luxus, sich Zeit füreinander zu nehmen.