Abschied in Würde: Zeit als wichtigstes Geschenk für Sterbende | FLZ.de

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Veröffentlicht am 28.10.2025 07:00

Abschied in Würde: Zeit als wichtigstes Geschenk für Sterbende

Dr. Roland Martin Hanke bei seinem Vortrag am Rothenburger Campus: Der Palliativmediziner formulierte zu dem schwierigen Thema Hospizarbeit einfühlsame, aber auch deutliche Botschaften. (Foto: Margit Schwandt)
Dr. Roland Martin Hanke bei seinem Vortrag am Rothenburger Campus: Der Palliativmediziner formulierte zu dem schwierigen Thema Hospizarbeit einfühlsame, aber auch deutliche Botschaften. (Foto: Margit Schwandt)
Dr. Roland Martin Hanke bei seinem Vortrag am Rothenburger Campus: Der Palliativmediziner formulierte zu dem schwierigen Thema Hospizarbeit einfühlsame, aber auch deutliche Botschaften. (Foto: Margit Schwandt)

Der Auftakt der neuen Reihe „Rothenburger Diskurse” bescherte dem Campus ein volles Haus. Der Palliativmediziner Dr. Roland Martin Hanke sprach über seine Erfahrungen in der Hospizarbeit.

Mit dem Thema „As time goes by“ seien das Alter und die verschiedenen Lebensabschnitte in den Blickpunkt gerückt worden, betonte Campus-Geschäftsführer Dr. Florian Diener. Man wolle im laufenden Semester den Campus weiter zum Wissenszentrum entwickeln und sich mit den Rothenburger Diskursen einer breiten Öffentlichkeit zuwenden, erklärte er.

Referent zum Auftakt war der Palliativmediziner Dr. Roland Martin Hanke, der jahrzehntelang als geschäftsführender Vorstand der Hospizvereine in der Region Fürth sowie als Vorstandsmitglied im Bayerischen Hospiz- und Palliativverband gewirkt hat. Seit 1995 ist Hanke ehrenamtlich in der Hospizarbeit tätig.

In seiner „Rück-Erinnerung an das künftige Leben“ beschäftigte er sich mit Fragen, die sich Menschen an ihrem Lebensende stellen. Wo war der Sinn meines Lebens, wodurch wurde es wertvoll – für meine Familie, für andere, für die Gesellschaft, die Welt, für mich?

Zweifel an Sinn und Wert

Menschen reagierten unterschiedlich, wenn das Lebensende nahe, so Hanke. Manche seien nicht bereit, das nahende Lebensende anzunehmen, zweifelten am Sinn und Wert des eigenen Lebens. Das könne zu Bitterkeit, Angst und Todesfurcht führen.

Anderen gelinge es, ihr Leben anzunehmen, wie es war, es trotz Fehlern akzeptieren und ihrem Tod ohne Furcht entgegenzusehen. Sterbende, so der Referent, hätten „eine unglaublich große Liebe ihren Mitmenschen gegenüber.”

Patient, Patientin zu sein, sei heutzutage schwer, da das „Menschsein“ in die Diagnose zu wenig einbezogen werde. Dabei sei es wichtig, den Menschen ein wenig zu kennen, der hinter dem Patienten, der Patientin stehe, um ihn und sie bestmöglich versorgen zu können. Natürlich sei das letzte Lebensdrittel herausfordernd, so Hanke. Und es gebe tatsächlich Dinge, vor denen die Menschen sich fürchteten.

Furcht um den Verlust der eigenen Würde

20 Prozent der Älteren hätten Angst davor, einem Gespräch nicht mehr folgen zu können, mehr als die Hälfte fürchte sich davor, Alltagsroutinen nicht mehr alleine zu schaffen, etwa den Toilettengang oder die Essenszubereitung. Ein Viertel der Älteren habe Angst, anderen zur Last zu fallen. Die Menschen fürchteten um ihre Würde.

Hier sei es Aufgabe der „Würdearbeit“, im Alltag für eine Normalisierung zur sorgen, durch Mitbestimmung des zu pflegenden Menschen, durch Schmerzlinderung, durch Sicherheitsversprechen, für den Menschen da zu sein. All dies gehöre zum Leistungsspektrum der Hospiz- und Palliativ-Versorgung.

Persönliche Zuwendung auf Augenhöhe

Hanke appellierte an die Zuhörerinnen und Zuhörer, den zu pflegenden Menschen in den Lebensalltag einzubeziehen, das Pflegebett lieber im Wohnzimmer als im ausrangierten Kinderzimmer aufzustellen. Die „Zeit“ sei die allerbeste Währung, die es in der Pflege gibt: Wenn sich eine Ärztin ans Bett eines kranken Menschen setze, empfindet dieser die Zeit fünfmal so lang, als wenn sie am Bett stehen bleibe. Es sei die persönliche Zuwendung auf Augenhöhe, die dem Menschen gut tue.

Im Zimmer seien der Arzt, die Ärztin, Besuchende oder die Pflegekräfte in der Rolle der Zuhörenden. Wenn jemand das Krankenzimmer betrete, sollte er oder sie alles ablegen, was ansonsten belaste. Der Patient spüre es, so Hanke, wenn der Besuch gestresst komme oder Ärger hatte. Er empfinde sich dann als Last und damit in seiner Würde verletzt.

Gerne erzählten die Patienten und Patientinnen ihre Lebensgeschichten. Diese Geschichten anzuhören, gebe ihnen ein Stück ihrer menschlichen Würde. Darüber hinaus sei die Pflege von Freundschaften und Seelenverwandtschaften für die Einzelnen überaus wichtig, die Begegnung mit ihnen immer wieder ein Geschenk.

Sanfte Berührungen und Mitgefühl spenden

Die Menschen liebten sanfte Berührungen, freuten sich über Mitgefühl. Zu pflegende Menschen seien überaus dankbar, wenn die Hände des Gegenübers das täten, was sie selbst nicht mehr könnten. Hanke appellierte an die Zuhörerinnen und Zuhörer, die Menschen so zu behandeln, wie sie es sich wünschten, nicht wie andere meinten, dass es für sie gut sei.

Zu einem Würde bewahrenden Handeln gehöre das Leben im Hier und Jetzt, das Aufrechterhalten von Normalität und das Streben nach spirituellem Einklang. Der Referent betonte, Patienten seien Menschen, die man kennenlernen müsse, um sie würdigen zu können. Wichtig sei es, dem Miteinander Raum und Zeit zu geben.

Viele Fragen kamen und einzelne berichteten aus ihrer Erfahrung bei der Sterbebegleitung, von Begegnungen mit Menschen, ihren Geschichten und den Angehörigen. Jedes Sterben, so Hanke, betreffe im Durchschnitt zehn weitere Menschen, die dem Verstorbenen nahe waren, auch sie müssen lernen, damit umzugehen und den Tod zu verarbeiten.


Von Margit Schwandt
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