Kochgruppe für trauernde Männer in Rothenburg: Eine Starthilfe zurück ins Leben | FLZ.de

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Veröffentlicht am 01.02.2026 10:03

Kochgruppe für trauernde Männer in Rothenburg: Eine Starthilfe zurück ins Leben

Gemeinsam kochen, gemeinsam essen und sich gemeinsam unterstützen: Das Foto zeigt die Teilnehmer mit Koordinatorin Susana Henselin (Dritte von links) und Trauerbegleiterin Eva Eggler. (Foto: Stefan Neidl)
Gemeinsam kochen, gemeinsam essen und sich gemeinsam unterstützen: Das Foto zeigt die Teilnehmer mit Koordinatorin Susana Henselin (Dritte von links) und Trauerbegleiterin Eva Eggler. (Foto: Stefan Neidl)
Gemeinsam kochen, gemeinsam essen und sich gemeinsam unterstützen: Das Foto zeigt die Teilnehmer mit Koordinatorin Susana Henselin (Dritte von links) und Trauerbegleiterin Eva Eggler. (Foto: Stefan Neidl)

Trauergruppen sollen nach dem Verlust eines wichtigen Menschen helfen, sich wieder zu fangen und den Umgang mit den eigenen Gefühlen zu lernen. Doch gerade Männer tun sich mit einem Stuhlkreis und offenen Gesprächen schwer. Für sie gibt es nun ein spezielles Angebot des Hospizvereins.

Im Obergeschoss des Campus trifft sich einmal im Monat eine Gruppe Männer aus Stadt und Umland zum gemeinsamen Kochen. Dieses Mal sind es Bratwürste mit Röstzwiebeln, Sauerkraut und Kartoffelbrei. Als Nachtisch gibt es Obstsalat. Danach wird das Zubereitete gemeinsam gegessen. Was ganz banal klingt, hat einen ernsten Hintergrund, denn die Männer haben eins gemein: Sie alle haben einen wichtigen Menschen in ihrem Leben verloren und suchen einen Weg aus der Trauer.

Verlusterfahrung schweißt zusammen

Das Angebot des Hospizvereins nennt sich Kochgruppe für trauernde Männer und existiert seit September. Koordinatorin Susana Henselin wird bei der Organisation von Trauerbegleiterin Eva Eggler unterstützt. Henselin erklärt die Idee: „Es soll eine soziale Starthilfe zurück ins Leben sein. Jeder hier hat einen Verlust erlitten und weiß, was der andere durchgemacht hat – das schweißt zusammen.” Zwar hat der Hospizverein auch andere Trauergruppen, diese würden von Männern aber weniger angenommen. „Männer trauern anders”, sagt Eggler, „sie haben mehr Hemmungen, sich zu öffnen. Hier sitzen sie nicht in einem Sitzkreis und schmeißen sich Bälle zu, sondern machen aktiv etwas.”

Meist sind es einfache Gerichte, die sie zubereiten. In einem Schnellhefter hat Henselin Regeln und Rezepte zusammengefasst. „Die Gerichte sollen auch zum Nachkochen für zu Hause sein”, sagt sie. In einer Whatsapp-Gruppe schicken sie sich Fotos von ihren kulinarischen Experimenten zu – tatsächlich ist es für einige neu, sich selbst zu bekochen. Zu Weihnachten wünschte sich die Gruppe eine Entenbrust. Die Organisatorinnen gehen auf die Wünsche schon mal ein.

Die Gruppe nutzen aktuell sechs Männer, von denen aber nicht jeder regelmäßig dabei ist. Es herrscht kein Zwang zu kommen oder etwas zu tun. Zunächst werden die Arbeiten verteilt. „Ich mach das Sauerkraut”, prescht einer hervor. Die Stimmung ist ausgelassen, heiter. Es wird herumgeblödelt und Geschichten erzählt. Doch dies ist nicht immer so, sagt einer der Teilnehmer: „Manchmal fließen hier auch Tränen.” Er bestätigt den Eindruck, dass Männer anders trauern und er mit einem Sitzkreis nichts anfangen konnte: „Frauen reden eher über ihre Gefühle. Männer fressen alles in sich hinein.”

Auch „Gemansche” hat geschmeckt

In der Kochgruppe sind aber alle offen. Fotos sind für die Männer kein Problem, nur mit Namen möchten sie nicht in den Medien erscheinen. Sie schneiden Zwiebeln und das Obst, ein anderer rührt den Kartoffelbrei an. „Vorher kannten wir uns nicht”, sagt ein Mann, „mittlerweile ist das hier ein Ereignis, auf das ich mich freue”.

Alle sind froh, mal wieder aus dem Haus zu kommen und etwas zu erleben. Und natürlich gibt es auch schon lustige Anekdoten zu erzählen. Zwei der Männer berichten lachend, wie sie ein Keks-Joghurt-Dessert zubereiten sollten: „Wir haben vergessen, das in Schichten aufzubauen, und es wurde ein einziges Gemansche.” Geschmeckt hat es ihnen trotzdem.

Henselin beschreibt ihren Kurs als soziale Starthilfe zurück ins Leben – bei einem Teilnehmer fruchtet dies, wie er der Gruppe verrät: „Meine Frau war lange krank, aber sie sagte immer zu mir: Such dir wieder jemanden, sonst wirst du komisch.” Und tatsächlich: „Seit Neujahr habe ich eine neue Bekanntschaft. Mal sehen, was daraus wird.”

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