„Gollhofen ist nicht mehr“, schreibt Heinrich Stahl, Pfarrer im Dorf, einen Tag nach der Zerstörung. Der 6. April 1945 ging als schwärzester Tag Gollhofens in die dörfliche Chronik ein, wurde im Ort sogar zum Gedenktag. Die fürchterlichen Ereignisse jähren sich nun zum 80. Mal. Drei Zeitzeuginnen erinnern sich zurück an die Schicksalstage.
In Gollhofen gibt es nicht mehr viele, welche die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs hautnah miterlebten. Lydia Stier, Gertrud Hellenschmidt und Helga Klein mussten das Leid ertragen – „in der Jugend brennt sich das ein“, sagt Stier, die seinerzeit zehn Jahre alt war. „Es war absehbar, dass der Krieg nicht mehr lange dauert“, in diesem April 1945. Doch vier Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht bekam Gollhofen noch einmal die ganze Wucht und das Elend des Kriegs zu spüren.
Es war ein traumhafter April, sagen die drei Zeitzeuginnen – schon ungewöhnlich warm für den Frühling, die Blumen sprossen. Aber die Einschläge von Bomben und Granaten trübten das Idyll. Tiefflieger der Amerikaner kreuzten zwischen Aspachhof und Herrnberchtheim, „man hat die Piloten noch sitzen sehen, so tief waren sie unterwegs“, erinnert sich Helga Klein. Eine Woche im Keller, mit Unterbrechungen an der frischen Luft. Pfarrer Stahl erzählt in einem Tagebucheintrag: „Man kann ja heute nicht mehr von heute auf morgen planen. Alle Tage schier ist Alarm wegen der feindlichen Flieger.“
Kriegsgefangene aus den Städten zogen nach Gollhofen. Polen. Russen. „Die Russen waren die besten, die waren so fleißig“, sagt Hellenschmidt. Sie waren die beinahe einzigen Männer im Ort, schließlich waren die heimischen allesamt im Kriegsdienst. Die Geflüchteten waren willkommene Anpacker auf den Höfen. „Auf dem Dorf hat niemand Hunger leiden müssen“, sagt Stier. Milch, Eier, Kartoffeln, Gemüse. Sogar die ausgebombten Nürnberger kamen aufs Land, schließlich lagen die Großstädte in Schutt und Asche. Ohne Nahrung. Ohne Unterkunft.
Schon am 3. April 1945 zischte in der Nacht alle vier bis fünf Minuten eine Granate über Gollhofen. „Man hat im Keller den Abschuss gehört“, sagt Stier, und auch, ob sie ihr Ziel gefunden hat oder nicht. Brennende Scheunen waren an der Tagesordnung, die Bürger löschten mit ihren Bottichen, was ging. Aber die Angriffe wurden stärker. Tag für Tag.
Die endgültige Zerstörung folgte am 6. April – 8.45 Uhr, ein Freitag: Die Flieger waren wieder unterwegs. In Kellern kauerten sich die Gollhöfer, Bombeneinschlag folgte auf Bombeneinschlag. An die schwierigen Stunden im Bunker erinnern sich Helga Klein, Gertrud Hellenschmidt und Lydia Stier noch gut. Manche Kinder hätten zwar dort unten sogar gespielt, „aber wenn Alarm war, dann hat man schon Angst gehabt“. Diesmal sollte es besonders heftig werden. Das ahnte aber an diesem Morgen noch niemand. Gollhofen wurde gewissermaßen zum Schicksalsort. Während intern darüber debattiert wurde, wer die weiße Flagge hisst, wollte die Wehrmacht die Linie nicht aufgeben. Das allerdings sorgte für weitere Kämpfe in der Region.
„Als wir aus den Kellern gekommen sind, hat fast das ganze Dorf gebrannt“, sagt Stier. „Wir hatten nichts mehr, außer das, was wir am Leibe trugen“, ergänzt Klein. Teilweise waren Menschen in den Kellern erstickt. Diese waren eingefallen oder wurden vom Schutt zerstört. Sieben Jahre später lagen teils noch immer Blindgänger in den Scheunen.
Überall irrten verstörte Tiere durch die Gassen, „die Schweine sind rumgelaufen wie Koteletts“, mit verbrannten Flanken. Pferde, Schweine, Rinder: „Die toten Viecher haben wir in Gräben in der Flur entsorgt, das hat im Sommer Jahre später noch gestunken“, erinnert sich Stier. Sogar 1950 liefen Tiere noch auf dem Hohenlandsberg frei umher.
Was im Ort an Gebäuden noch stand, wurde notdürftig hergerichtet. Bretterdächer herrschten vor. „Gollhofen ist nicht mehr, gestern früh gegen 8.45 Uhr kam sein Untergang“, schrieb Pfarrer Stahl einen Tag später. Immer mehr Leichen wurden gefunden. Auf der Straße, unter den Trümmern.
Die Amerikaner zogen ein. Nette junge Männer, sagt das Zeitzeugen-Trio. Sie haben sich erst einmal bekochen lassen, ließen die Zivilisten aber sonst in Frieden. Die Brücken hatte die Wehrmacht noch gesprengt, Gollhofen war nur schwer erreichbar. Dafür kehrte in den Nächten wieder Ruhe ein. Keine Flieger mehr, keine Einschläge. „Der 6. April war in Gollhofen lange Zeit ein richtiger Feiertag“, betont Hellenschmidt. Schulfrei. Handwerker und Landwirte ruhten ebenfalls.
Diesen Sonntag, 6. April, gedenkt die Kirchengemeinde mit Pfarrer Frederik Heid der Zerstörung Gollhofens vor 80 Jahren. Deswegen wird ab 9.30 Uhr ein Gottesdienst abgehalten. Im Anschluss soll mit dem Posaunenchor an der Gruft an die Opfer des Krieges erinnert werden, ehe es im Gemeindehaus Kaffee und Kuchen gibt – außerdem werden Bilder aus dem Jahr 1945 ausgestellt.