Speziell für Menschen mit Demenz: Was ein Obernzenner Haus so besonders macht | FLZ.de

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Veröffentlicht am 03.01.2026 16:00

Speziell für Menschen mit Demenz: Was ein Obernzenner Haus so besonders macht

„Gut aufgehoben und nicht abgeschoben“: Die 86-jährige Erika Liebchen-Kriegelstein lebt seit knapp drei Monaten im „Haus Für und Miteinander Sorge tragen“. Ihrer Tochter Dr. Stefanie Kriegelstein erleichterte unter anderem der gute Kontakt zu den Mitarbeitenden die Entscheidung, ihre Mutter dort unterzubringen. (Foto: Yvonne Neckermann)
„Gut aufgehoben und nicht abgeschoben“: Die 86-jährige Erika Liebchen-Kriegelstein lebt seit knapp drei Monaten im „Haus Für und Miteinander Sorge tragen“. Ihrer Tochter Dr. Stefanie Kriegelstein erleichterte unter anderem der gute Kontakt zu den Mitarbeitenden die Entscheidung, ihre Mutter dort unterzubringen. (Foto: Yvonne Neckermann)
„Gut aufgehoben und nicht abgeschoben“: Die 86-jährige Erika Liebchen-Kriegelstein lebt seit knapp drei Monaten im „Haus Für und Miteinander Sorge tragen“. Ihrer Tochter Dr. Stefanie Kriegelstein erleichterte unter anderem der gute Kontakt zu den Mitarbeitenden die Entscheidung, ihre Mutter dort unterzubringen. (Foto: Yvonne Neckermann)

Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz betreuen ihre Lieben oft jahrelang rund um die Uhr daheim und kommen dabei irgendwann an ihre Grenzen. Das im Mai eröffnete „Haus Für und Miteinander Sorge tragen“ in Obernzenn soll Familien die schwere Entscheidung erleichtern, die Betroffenen in eine Betreuungseinrichtung umziehen zu lassen.

Die Einrichtung des Sozialträgers Diakoneo ist speziell auf gerontopsychiatrische Erkrankungen mit Symptomen wie Gedächtnis-, Orientierungs-, Sprach- und Persönlichkeitsveränderungen zugeschnitten. In vier Wohnbereichen werden 60 dieser im ländlichen Raum sonst raren Wohn- und Betreuungsplätze angeboten.

Wie Diakoneo-Regionalleiterin Laura Wiesinger und Einrichtungsleiter Thomas Stepper erläutern, sind die 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Umgang mit diesen Krankheitsbildern geschult. Zudem habe man das Gebäude bereits in der Planung für die besonderen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner konzipiert.

Flure als Rundgänge helfen beim Bewegungsdrang

So sind die Flure als Rundgänge angelegt, um dem Bewegungsdrang vieler demenziell erkrankter Menschen Rechnung zu tragen. Der Garten ist sowohl vom Erdgeschoss als auch vom Obergeschoss aus barrierefrei zugänglich. Von beiden Gebäudeflügeln führen Rampen ins Freie.

Eine der Bewohnerinnen ist Erika Liebchen-Kriegelstein. Nach einem Klinikaufenthalt der 86-Jährigen sei deutlich geworden, dass ihre Demenz-Symptomatik mehr Betreuung und Sicherheit erfordere, als die häusliche Pflegesituation bieten könne, erinnert sich ihre Tochter Dr. Stefanie Kriegelstein. „Nachdem mir die Einrichtung empfohlen wurde, bin ich noch am selben Tag spontan hingefahren“, berichtet die Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie aus Ansbach.

Die Eingangstür ist verschlossen

Das Haus ist als beschützende Einrichtung konzipiert, die Eingangstür ist daher verschlossen. Besuche sind dennoch jederzeit möglich, da rund um die Uhr Mitarbeitende im Haus sind. So bekam Kriegelstein eine spontane Hausführung und die Auskunft, dass kurzfristig ein Platz frei sei. „Eine halbe Stunde später hatte ich alle wichtigen Informationen und Unterlagen. 14 Tage später ist meine Mutter eingezogen.“

Überzeugt hätten sie unter anderem der Kontakt mit den Mitarbeitenden. Dennoch sei es hart gewesen, die Entscheidung zu treffen. „Es ist ein schwerer Schritt, zu sagen, ich schaffe es nicht mehr. Es fällt leichter, wenn man weiß, dass der Angehörige nicht abgeschoben, sondern gut aufgehoben ist.“ Inzwischen könne sie erkennen, dass es ihrer Mutter gut gehe. „Sie hat einen viel entspannteren Gesichtsausdruck, achtet wieder stärker auf ein gepflegtes Äußeres und äußert weniger Ängste als früher. Ich glaube, sie fühlt sich sicher hier.“

„Er macht mir sogar Komplimente”

Auch Elfriede Sieber erlebt ihren Mann Ernst seit dessen Einzug in Obernzenn entspannter: „Er lacht wieder mehr und manchmal macht er mir sogar Komplimente – das hat er früher nie gemacht!“ Der 73-Jährige leidet an Parkinson und hat zusätzlich eine Demenz entwickelt. Vor allem seine ausgeprägte Nachtaktivität sei zunehmend belastend gewesen, erinnert sich Elfriede Sieber. Als sich schließlich auch ihre eigene gesundheitliche Situation verschlechterte, habe sie mit den beiden Söhnen entschieden, für den Vater einen stationären Platz zu suchen.

Besonders angesprochen habe sie am „Haus Für und Miteinander Sorge tragen“ der Garten. „Mein Mann war Landmaschinenmechaniker und Jäger und hat daher immer viel Zeit in der Natur verbracht“, erzählt die 70-Jährige aus Neuhof-Hirschneuses. Dass der Außenbereich frei zugänglich sei, sei für sie ein wichtiger Punkt gewesen.

Wie Einrichtungsleiter Thomas Stepper erklärt, habe man den Personalschlüssel an die besonderen Anforderungen der Bewohnerinnen und Bewohner angepasst, deren Tag-Nacht-Rhythmus sich häufig verschiebt. So habe man unter anderem mehr Personal in der Spätschicht als in der Frühschicht. „Dadurch kann sehr flexibel auf die Bewohner eingegangen werden. Wenn jemand beispielsweise spätabends noch Hunger bekommt, dann macht die Pflegekraft schnell eine Brotzeit.“

„Man braucht viel mehr Geduld”

Zur Belegschaft gehört auch die Pflegefachkraft Michael Körber (50), der als Berater für pflegende Angehörige tätig ist. Der Pflegealltag in der Gerontopsychiatrie unterscheide sich deutlich von dem in Einrichtungen für Menschen mit überwiegend körperlichen Einschränkungen, erläutert er. „Man braucht viel mehr Geduld und muss sich von seinen eigenen Vorstellungen, wie etwas gemacht werden sollte, komplett verabschieden. Auch die eigenen Begriffe von Ordnung und Tempo muss man ad acta legen.“

Körber fühlt sich aber ebenfalls wohl im „Haus Für und Miteinander Sorge tragen“. „Ich komme gerne her, denn irgendwie ist hier der Ton ruhiger als anderswo. Es herrscht weniger Hektik.“ Denjenigen, die Berührungsängste gegenüber Menschen mit Demenz hätten, würde er diese gern nehmen. „Das Leben mit Demenz ist anders. Aber es ist weiterhin lebenswert!“

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