So wollen Deffner und Albrecht die Ansbacher Innenstadt beleben | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.04.2024 12:03

So wollen Deffner und Albrecht die Ansbacher Innenstadt beleben

Nach mehrjährigen Arbeiten ist der Straßenbelang in der Neustadt für Fußgänger leichter zu nutzen. Auch Radfahren ist erlaubt. Doch viele Geschäfte stehen leer. (Foto: Walter Röber)
Nach mehrjährigen Arbeiten ist der Straßenbelang in der Neustadt für Fußgänger leichter zu nutzen. Auch Radfahren ist erlaubt. Doch viele Geschäfte stehen leer. (Foto: Walter Röber)
Nach mehrjährigen Arbeiten ist der Straßenbelang in der Neustadt für Fußgänger leichter zu nutzen. Auch Radfahren ist erlaubt. Doch viele Geschäfte stehen leer. (Foto: Walter Röber)

Leere Geschäfte, wenig gastronomisches Angebot und Online-Shopping statt Stadtbummel: Der drohenden Verödung der Ansbacher City will sich die Stadt entgegenstellen. Oberbürgermeister Thomas Deffner (57) und Wirtschaftsförderer Christoph Albrecht (46) erklären einen neuen Ansatz und sehen Wege aus der Krise.

Herr Deffner, wie beurteilen Sie den Zustand der Innenstadt?

Deffner: Es ist auffällig, dass es, wie in vielen vergleichbaren Städten, Leerstände gibt. Ich gehe bewusst und mit offenen Augen durch die Stadt. Es gibt Läden, die durchaus attraktiv und als Magnetbetriebe zu bezeichnen sind. Es ist die Frage, ob das in der Summe reicht, eine Innenstadt dauerhaft zum Einkaufen attraktiv zu halten, denn letztendlich kommt es auch auf das Verhalten der Besucher der Innenstadt an.

Entsprechend wenig los ist in der Innenstadt ...

Deffner: Es sind viele Menschen in der Innenstadt. Jetzt müssen sie dazu bewegt werden, dass sie auch in den Läden verstärkt einkaufen. Das ist, wie in vielen anderen Städten, ein äußerst schwieriges Geschäft. Das kann die Stadt alleine nicht leisten bei den aktuellen und zu erwartenden Herausforderungen nach Corona und mehr als zwei Jahren Krieg gegen die Ukraine.

Sie sehen die Gefahr des Ausblutens und die Notwendigkeit, gegenzusteuern: Klingt so, als wäre die Innenstadt jetzt Chefsache.

Deffner: Der Chef allein wird es nicht richten können. Sie brauchen viel mehr dazu, aber sie müssen als Oberbürgermeister einen besonderen Blick darauf haben.

Wie stellt sich der Immobilienbestand in der Innenstadt aus Ihrer Sicht dar?

Deffner: Bei den Immobilien, die wir vielfach haben, ist es eine Herausforderung. Schwierig sind oftmals die Raumhöhen. Sie brauchen für moderne Filialisten Minimum drei Meter. Und dann haben sie im ersten Stock Lager, Sozialräume für die Beschäftigten, Toiletten. Für Wohnen ist dann oftmals, gebäudeabhängig, nicht mehr viel drin. Wir haben auch gut geeignete Gebäude, in denen Wohnen durchaus nach modernen Ansprüchen möglich ist – aber es muss dann attraktiv gemacht werden, sodass Menschen, die gehoben in der Altstadt wohnen möchten, auch etwas finden. Für eine weitere Belebung der Innenstadt ist Wohnen ein Schlüssel.

Wie sehen die Ansätze aus? Konkret: Sehen Sie es als zwingend notwendig an, die Immobilienbesitzer mit ins Boot zu holen?

Deffner: Ja, unbedingt, ohne die Eigentümer schaffen wir es nicht. Gehen wir einen Schritt zurück, zur sanierten Neustadt. Mit der Neugestaltung des öffentlichen Raumes hat die Stadt ihren Teil beigetragen zu einer attraktiven Straße im Bereich Fußgängerzone. Jetzt müssten die Eigentümer mit der zum Teil notwendigen Erneuerung der Immobilien nachziehen. Deswegen gehen wir auch das Leerstandsmanagement an.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Albrecht: Ab Mitte des Jahres wird das mit Hilfe von Städtebaufördermitteln umgesetzt. Wir wollen Planer, Architekten oder Dienstleister suchen, die dann die Eigentümer in der Stadt mit einer Art Mini-Machbarkeitsstudie beraten können. Ziel ist es, den Eigentümern Handlungsspielräume, Kostenrahmen und eine Perspektive für die Immobilien aufzuzeigen. Was muss getan werden, um das Erdgeschoss und die oberen Geschosse wieder auf den neusten Stand zu bringen? Oder es kommt zum Ergebnis, dass der Aufwand der Nutzbarmachung für den jeweiligen Eigentümer zu groß ist. Bevor wir damit loslegen können, müssen wir die Beratungsleistungen ausschreiben.

Gilt das auch für Wohnungen in der Altstadt?

Albrecht: Ja, damit der Eigentümer relativ schnell eine Einschätzung bekommt, was er dafür tun muss und was es kosten wird. Im nächsten Schritt schauen wir Hand in Hand, welche Fördermittel, ich denke da vor allem an Sanierungsmittel, dafür genutzt werden können.

Kann sich die Stadt in diesem Prozess aktiv einbringen?

Albrecht: Es gibt jetzt das ein oder andere Objekt, das zum Verkauf steht. Da stellt sich natürlich die Frage, ob man mit den Kaufinteressenten oder mit dem Alteigentümer vielleicht schon ein Nutzungsszenario entwickeln kann.

Klingt noch etwas vage...

Deffner: Vor der Sommerpause wollen wir das vergeben haben.

Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den in Frage kommenden Immobilienbesitzern sehen Sie – ist es denkbar, dass die Stadt in solchen Immobilien für Neu-Händler einen Teil der Miete übernimmt?

Deffner: Nach Fördermaßnahmen und speziellen Töpfen müssen wir uns umschauen, in der Hoffnung, dass es die gibt. Als Kommune selbst dürfen wir das mit Steuergeldern nicht machen, das wäre verdeckte Wirtschaftsförderung.

Wäre es nicht sinnvoll, dass die Stadt Schlüsselimmobilien erwirbt?

Deffner: Das war schon immer mein großes Ziel. Auch in der Zeit, als ich noch nicht Oberbürgermeister war. Wie damals werden auch jetzt Immobilien in der Altstadt versteigert. Wir haben aber das Geld dafür nicht mehr. Nach Corona, einem Ukraine-Krieg, dessen Ende nicht abzusehen, ist und durch vom Bund zugewiesene neue Aufgaben sind viele zusätzliche Herausforderungen zu meistern, die es vor vier Jahren noch nicht gab. Die Kommunen sind generell an ihrer Leistungsgrenze angelangt oder haben sie vielfach schon überschritten.

Was kann die Stadt dann tun?

Deffner: Wir werden mit Persönlichkeiten sprechen, die im Immobiliengeschäft unterwegs sind und schon vieles in der Stadt geleistet haben, um sie nach Möglichkeit an die ein oder andere Immobilie heranzuführen.

Viele der Immobilienbesitzer in der Altstadt wohnen fern von Ansbach. Was soll diese Menschen motivieren, sich in der Stadt zu engagieren?

Deffner: Man kann nur versuchen, diese Menschen zu erreichen. Zunächst über Briefkontakt, da ist die Frage, ob man eine Rückmeldung bekommt. Das ist in der Vergangenheit gemacht worden mit überschaubarem Erfolg. Dabei müsste es auch im Interesse des Eigentümers sein, dass sich eine Immobilie entwickelt und einen nachhaltigen Wert hat.

Albrecht: Wir haben in Ansbach den Vorteil, dass viele der entsprechenden Immobilien von Menschen gehalten werden, die noch einen Bezug zu Ansbach haben. Die Personen oder auch die Erbengemeinschaften haben Interesse, etwas mit der Immobilie zu tun. Oder es besteht eine gewisse Affinität, sie zu verkaufen.

Und dann kommt die Stadt?

Albrecht: Dann kommen wir mit dem Thema der Initialberatung vielleicht schon ein Stück weiter. Man kann sich in den Verkaufsprozess einklinken, um die Ausrichtung mit zu begleiten. Der Aspekt des Miteinanders war die starke Empfehlung aus dem Innenstadtmanagement.

Will heißen?

Albrecht: Wir führen Einzelgespräche und sind nicht nur in Großveranstaltungen aktiv. Wir schauen uns solche Projekte auch kleinräumig an, damit der Nachbar dem Ganzen nicht kritisch gegenübersteht, sondern vielmehr mitgenommen und in den Prozess eingebunden wird.

Ein Wir-Gefühl im besten Fall?

Albrecht: Aus so einem Wir kann viel entstehen. Wir beobachten das so im Bereich Kronenstraße. Dort engagieren sich einige Menschen, und auch diejenigen, die dem Vorgehen kritisch gegenüberstanden, konnten letztlich mit eingebunden werden.

Ein paar Meter weiter sorgt die Dauerbaustelle in der Uzstraße für reichlich Kopfschütteln ...

Deffner: Zurückhaltend formuliert ist es lästig. Aber man muss die Realität sehen. Hausanschlüsse, so wird es mir ingenieurseitig erklärt, können erst im Nachgang nach der Sanierung der Hauptachsen in einer neuen Baumaßnahme erneuert werden, damit die Häuser dauerhaft in der Versorgung bleiben.

Es entsteht der Eindruck, dass jede Baumaßnahme fürchterlich lange dauert.

Deffner: Der Eindruck ist nachvollziehbar. Zu den vorgenannten Gründen kommt hinzu, dass wir in der Altstadt einen trickreichen Untergrund mit allen möglichen Leitungspaketen haben. Das macht alles nicht einfacher. Ich habe bei den Stadtwerken nachgefragt und es mir, wie vorher erläutert, erklären lassen. Kurz: es geht technisch nicht anders. Mir geht es da nicht anders wie dem Bürger auch, der das sieht und sich denkt: Herrschaft. Aber das sind die Zwänge. Ärgerlich ist es allemal.

Das Miteinander sei in der Verwaltung nicht sonderlich ausgeprägt, sagen Kritiker. Vorschriften würden eng ausgelegt und es werde wenig lösungsorientiert gearbeitet. Können Sie das entkräften?

Deffner: Ich bin stets daran interessiert, insbesondere dort, wo ich eingebunden werde, dass wir eine pragmatisch gute Lösung finden, was aufgrund des rechtlichen Rahmens einerseits und der Wünsche an Machbarem andererseits, was oft nicht gut zusammenpasst, nicht immer einfach ist. Angesichts dieser Gemengelage widerspreche ich Ihnen nicht, dass dieser Eindruck entstehen kann.

Sie sind Verwaltungsfachmann ...

Deffner: Aus dieser Erfahrung kann ich humorvoll sagen: eine Verwaltung, die keine Gründe herbringt, warum etwas nicht geht, der ist nicht zu helfen. Aber Spaß beiseite: Es gilt natürlich, alles auszuloten, was machbar ist. Da spielen aber die schon erwähnten gesetzlichen Vorgaben rein. Seit dem Unglück bei der Loveparade hat sich sehr vieles geändert, und die Gesellschaft hat sich dahingehend geändert, dass stets ein Verantwortlicher gesucht wird, wenn etwas passiert. Und denken Sie daran, dass es in Ansbach schon einen Bombenanschlag auf ein Musikfestival gab. Das hat zu verschärften Vorschriften und einer generell stringenteren Rechtsauslegung geführt. Gleichwohl muss man einen Mittelweg finden.

Eine Stadt, in der die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Händlern sehr gut läuft, ist Fürth. Der dortige Wirtschaftsreferent legt nach eigener Aussage Gesetze großzügig aus, um möglichst attraktiv für Händler zu sein. Herr Deffner, Sie haben ja gerade auch nicht widersprochen ...

Deffner: Nein, ich habe nicht widersprochen.

Müssen Sie noch mehr in die Verwaltung hineinwirken?

Deffner: Das erfolgt regelmäßig, und im konstruktiven Austausch kann vieles in pragmatische Bahnen gelenkt werden, was Außenstehende gar nicht mitbekommen.

Kann man sich, mal ganz platt gefragt, nichts von anderen Städten abschauen?

Albrecht: Wer sich die Strukturen hinter den Kulissen anschaut, sieht, dass jede Stadt unterschiedlich ist. Wir hatten letztes Jahr mehrere gute Gespräche mit Kollegen aus einer Stadt in der Region. Dort wird viel über verschiedene Gewerbe- und Fahrvereine organisiert und damit viel für die Innenstadt getan. Wir haben aber unsere eigenen Strukturen und können die anderer Städte nicht kopieren.

Wie sehen Sie die Position des Handels?

Albrecht: Mit der Auflösung des Citymarketingvereins ist das ein schwieriges Feld. Es ist wirklich wichtig und erforderlich, dass der Handel sich wieder ein Stück weit selbst organisiert, um auch eigenständig Dinge umzusetzen und seine Interessen zu artikulieren.

Herr Deffner, Sie haben sich für die Stelle eines Citymanagers stark gemacht, bevor die dafür vorgesehenen 200.000 Euro im Stadtrat gestrichen wurden. Trauern Sie dieser Entscheidung hinterher?

Deffner: Das wäre schön gewesen, hätten wir die Gelder vom Stadtrat bekommen. Aber man muss die Realität sehen. Der Stadtrat hat nachvollziehbar gesagt: Wir können es uns aktuell nicht leisten. Ich bin schon froh, dass wir die Citywerkstatt weiterführen können.

Lässt sich das Dilemma auflösen, hier finanzielle Zwänge, da die Notwendigkeit der Veränderung?

Deffner: Mit ANregiomed und dem öffentlichen Nahverkehr haben wir zwei Felder, die uns finanziell alles abverlangen. Bei ANregiomed bleibe ich zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden. Man sollte es auch als Chance begreifen, dieses Unternehmen jetzt finanziell auf gesündere Beine zu stellen. Ein Defizit wird es da immer geben, es ist nur die Frage, in welcher Höhe. Abbildbar im Haushalt wird das in drei, vier, fünf Jahren sein, das ist meine persönliche Einschätzung. Das heißt, es ist ein langer Weg.

Und die Öffentlichen?

Deffner: Beim ÖPNV kann das schneller gehen. Im Haushalt haben wir derzeit rechnerisch ein Defizit eingestellt von vier Millionen Euro für die nächsten Jahre. Ob es dann so kommt, muss man sehen. Aber aus dem Arbeitskreis Nahverkehrsplan nehme ich für mich mit, dass viele Stadträte die Notwendigkeit sehen, Kosten einzusparen.

Wo sieht der Oberbürgermeister seine Stadt in zehn Jahren?

Deffner: Ich sehe eine Stadt, die es geschafft hat, die Herausforderungen der Innenstadtlage in den Griff zu kriegen, mit neuen Nutzungen, aber weiter mit Handel und attraktiven Geschäften, die Kunden ein Einkaufserlebnis bieten. Und eine Stadt, auf die ihre Einwohner stolz sind und das nach außen transportieren.


Florian Pöhlmann
Florian Pöhlmann
Nach der journalistischen Grundausbildung beim Fernsehen rief 1999 die große weite Welt des Sports, die ich in Nürnberg in nahezu allen Facetten kennenlernen und in verantwortlicher Position gestalten durfte. Erst der verlockende Ruf aus Ansbach und die Aussicht, im fortgeschrittenen Alter Neues zu wagen, sorgten ab 2021 für einen Neustart in der Lokalredaktion.
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