„Schlammschlacht“ bei der Aischgründer Tafel | FLZ.de

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Veröffentlicht am 17.07.2024 20:30

„Schlammschlacht“ bei der Aischgründer Tafel

Tafel-Held oder Choleriker? Die Meinungen zum Vorsitzenden der Aischgründer Tafel „Iss was“, Thomas Nicol, driften intern deutlich auseinander. (Foto: Helmut Meixner)
Tafel-Held oder Choleriker? Die Meinungen zum Vorsitzenden der Aischgründer Tafel „Iss was“, Thomas Nicol, driften intern deutlich auseinander. (Foto: Helmut Meixner)
Tafel-Held oder Choleriker? Die Meinungen zum Vorsitzenden der Aischgründer Tafel „Iss was“, Thomas Nicol, driften intern deutlich auseinander. (Foto: Helmut Meixner)

Am Samstag hatte Innenminister Joachim Herrmann in Bad Windsheim vorbeigeschaut, um der Aischgründer Tafel um den Vorsitzenden Thomas Nicol den Ehrenamtspreis zu überreichen. Mehrere Bad Windsheimer Helfer standen demonstrativ auf und verließen den Raum. Schnell wurde klar: Bei der Tafel brennt es intern. Nun gibt es eine Schlammschlacht.

Eines ist klar: Nicol und seine Art sind intern nicht unumstritten. Das wird in manchen Telefonaten deutlich. Der Artikel vom Montag schlug hohe Wellen: Während die einen – vor allem Helferinnen und Helfer der Ausgabestellen in Neustadt, Scheinfeld und Uffenheim – finden, dass ihr Vorsitzender darin viel zu schlecht wegkommt, geht er den Bad Windsheimern nicht weit genug.

Gibt es interne Machtkämpfe?

Im Hintergrund scheint es seit Wochen zu gären, wie auch Kurt Wening bestätigt, Rechtsanwalt aus dem Obernzenner Ortsteil Breitenau. Er ist selbst bei der Tafel aktiv. „Ich hab das immer gerne gemacht“, sagt er. Mittlerweile aber sei bei den Ehrenamtlichen der Bad Windsheimer Ausgabestelle die Stimmung gekippt, glaubt man seinen Worten. Dieser Prozess habe mit einem internen Machtkampf begonnen.

Die damalige Leiterin der Bad Windsheimer Ausgabestelle, Anja Böhringer, ist offiziell freiwillig abgetreten, allerdings nicht ohne Druck des Tafelvorstands. Nicol bestätigt das und begründet: „Sie ist im letzten dreiviertel Jahr kaum in Erscheinung getreten.“ Nicol spricht von „Desinteresse“. Sein Ziel sei immer gewesen, ein tafelinternes Miteinander zu schaffen, landkreisweit, über die Ausgabestellen hinaus. Das habe auch überall funktioniert, nur nicht mit Bad Windsheim.

Aus dem Ehrenamt gekündigt

Böhringer stellt klar, dass sie berufstätig sei und sich eben nicht Vollzeit einbringen könne. Sie habe aber die Bad Windsheimer Ausgabestelle seinerzeit mit initiiert, sei in den Vorstand gegangen. Dann allerdings habe sie Kritik geübt, weil Nicol Autos für die Tafel ohne Vorstandsbeschluss eingekauft habe. Und sie kritisiert die despektierlichen Äußerungen des Vorsitzenden gegenüber Ex-Landrat Helmut Weiß. Böhringer über Nicol: „Der Mann ist gefährlich, weil er vor niemandem Respekt hat.“ Wer nicht mehr ins „Leitbild“ passe, werde aus dem Ehrenamt gekündigt. Die nun ehemalige Windsheimer Ausgabeleiterin war auch Vize-Vorsitzende des Vereins. Auch dieses Amt hat sie niedergelegt.

Nicol sagt klar: Hätte sie das nicht „freiwillig“ getan, „wäre sie abgesägt worden. Wir hatten dazu einen Vorstandsbeschluss.“ Die Uffenheimer Ausgabeleiterin Brigitte Stuckert, ebenfalls im Vorstand, bestätigt das.

„Ja, ich bin durchsetzungsfähig“

Ein Trio aus Bad Windsheim sei damit nicht einverstanden gewesen und habe deshalb demonstrativ die Preisverleihung verlassen, „aber sie kannten die Hintergründe nicht“, sagt Thomas Nicol. Zum Vorwurf der One-Man-Show erklärt der Vorsitzende: „Ja, ich bin durchsetzungsfähig. Aber ich beziehe immer den Vorstand mit ein. Das sind nicht alles Sachen, die auf meinem Mist gewachsen sind.“ Der Vize-Vorstandsposten bleibt bis zur nächsten Tafel-Versammlung vorerst vakant.

Ob tatsächlich nur ein Trio mit dieser Entscheidung und dem Führungsstil von Thomas Nicol nicht einverstanden ist, daran zweifeln Kurt Wening und Tafel-Kollege Karl Lampe sehr. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen den Vorsitzenden, betonen, damit keineswegs allein zu sein. Autoritär sei der Führungsstil des „Chefs“. In der internen WhatsApp-Gruppe gehe es derzeit hoch her. Nicol beleidige ehrenamtliche Helfer, sogar von Mobbing ist die Rede.

Seit Montag – an jenem Tag, an dem unser Zeitungsartikel für Aufruhr sorgte – habe Nicol mit dem „großen Reinemachen“ begonnen. Ungeliebte Helfer werfe er raus. Eben jene, die Kritik üben. Während des Telefonats mit unserer Redaktion trifft es auch Wening. Nicol bedankt sich für den Einsatz für die Tafel und schreibt im nächsten Satz, dass Wening ab sofort nicht mehr gebraucht werde. Gefallen lassen will dieser sich das aber nicht. Wening spricht von einer „Schlammschlacht“, von „Diktatur“. Er wolle trotzdem weiter bei der Tafel helfen und schauen, ob der Tafel-Vorsitzende die Polizei holt.


Ich muss auch schauen, dass sich das Team wohlfühlt.

Thomas Nicol

Nicol räumt ein, drei Helfer aus Windsheim „gekündigt“ zu haben. Als Grund nennt er, sie seien Störfaktoren, würden Öl ins Feuer gießen. „Es ist ein ganz schwieriges Thema, es ist keine Firma, keiner bekommt Geld. Aber ich muss auch schauen, dass sich das Team wohlfühlt.“ Quertreiber seien da fehl am Platz.

Wening: „Letztlich leiden alle, die sich in der Ausgabestelle engagieren.“ Angeblich sei geplant, Bad Windsheim aus dem Tafel-Verein auszugliedern und aufzulösen, sagt Wening. Thomas Nicol verweist derartige Gerüchte ins Reich der Fabeln. Denn: „Dies würde nur den Leuten, die Hilfe brauchen, schaden. Mir geht es um die Sache und nicht um persönliche Belange.“

Ob das Bad Windsheimer Team geschlossen zurücktritt? „Das kann durchaus sein“, sagt Nicol, „aber dem sehen wir entspannt entgegen.“ Er habe bereits eine Lösung mit den anderen Ausgabestellen erarbeitet, „es wird zu keinem Zeitpunkt Konsequenzen für unsere Kunden haben“. Der Vorsitzende spricht von „vielen Unterstellungen, die nicht zutreffend sind“ – „die Fronten sind sehr verhärtet“. Das sieht auch Böhringer so. Komplett aufzuhören, den Gefallen wollen die Bad Windsheimer Nicol nicht tun. Sie wollen weitermachen. Beim Vorsitzenden habe sich „eine Eigendynamik gegen Bad Windsheim“ entwickelt. Die Helfer bezeichne er gerne als „Deppen“, die viel Schaden verursachten.

Sieht der Chef den Verein als seine Firma?

Seine Gegner sieht Nicol als Minderheit. „90 bis 95 Prozent der Tafel-Ehrenamtlichen stehen hinter mir.“ Das bestärke ihn in seinem Tun. Der Ehrenamtspreis sei auch keineswegs an ihn persönlich gerichtet gewesen, sondern an die gesamte Aischgründer Tafel mit allen Ausgabestellen. „Ich habe vier Kopien von der Urkunde anfertigen lassen, damit es überall aushängt“, betont der Tafel-Chef: „Wer dann bei der Verleihung aufsteht und geht, der stellt sich gegen die Tafel. Wer auf die Anerkennung spuckt, der hat es nicht kapiert.“ Gestern stand das Redaktionstelefon kaum still. Eine Welle der Solidarität mit Thomas Nicol schwappte herein.

Ein Anrufer ist Horst Winkler, der seit vier Jahren bei der Tafel aktiv ist. „Ich lasse nichts auf ihn kommen“, sagt er mit Blick auf Nicol. „Was er geschafft hat, ist grandios.“ Er habe für neue Räumlichkeiten gesorgt, die Fahrzeugflotte deutlich aufgerüstet und mit der Seniorentüte eine bundesweit beachtete Kampagne gestartet. Seit Nicol am Ruder ist, habe sich die Zahl der Spenden vervielfacht. Das findet übrigens auch Böhringer: „Alle Hochachtung für diese Leistung.“ Allerdings könne er eben nicht mit Ehrenamtlichen umgehen. „Er sieht die Tafel als seine Firma an und wir sind seine Angestellten.“

Horst Winkler widerspricht dem entschieden: „Er ist überhaupt nicht autoritär“, sagt Winkler, „er spricht mit uns alles ab.“ Ähnlich sieht das auch die Emskirchenerin Hildegard Weinkauf. Die Vorwürfe aus Windsheim seien „die größte Unverschämtheit“. So einen engagierten Macher wie Thomas Nicol, der alles organisiere, müsse man erst einmal finden. „Jemand Besseren hätten wir uns gar nicht wünschen können.“

„Null Verständnis“ für die Kritik

Ins Loblied stimmt auch Thomas Van der Vegte ein. Er ist in der Scheinfelder Ausgabestelle und auch übergreifend als Fahrer in allen „Filialen“ tätig. Ihm gegenüber habe noch nie jemand Kritik an Nicol geübt. Für Wenings Aussagen hat er „null Verständnis“. Nicol als One-Man-Show? „Genau das Gegenteil ist der Fall.“ Dieter Klaus stimmt zu: „Was die in Bad Windsheim behaupten, finde ich nicht in Ordnung.“

Zum Engagement des Vorsitzenden sagt Van der Vegte: „Manchmal denke ich mir, es gibt zwei Thomas Nicols.“ Bei so vielen Helfern werde man immer jemanden finden, der vielleicht nicht zufrieden ist. Das aber liege keineswegs an Thomas Nicol. Das betonen auch Heinz Leicht und die Uffenheimerin Anne Forster.

Das Wichtigste sei schließlich das gemeinsame Ziel, Lebensmittel zu retten und dabei noch Gutes zu tun, sagt Weinkauf. Ein Tafel-Helfer spricht gar vom „Ersatzsozialamt“. Die Stimmung in der Neustädter Ausgabestelle sei „sehr familiär“. Weinkauf kommentiert: „Vielleicht liegt es ja auch an den Leuten in Bad Windsheim. Alle anderen Ausgabestellen sind absolut zufrieden.“ Böhringer sagt hingegen: „Wir sind hilflos und wissen nicht, was wir noch machen sollen.“

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