Not macht erfinderisch und nicht immer muss dies von Nachteil sein. Als toller Ausweich-Spielort für den derzeit geschlossenen großen Saal im Theater Ansbach erwies sich die Friedenskirche. Dort feierte das Stück von Sasha Marianna Salzmann „Muttersprache Mameloschn“ Premiere.
Eigentlich hätte die Premiere schon eine Woche früher stattfinden sollen, doch weil eine der Darstellerinnen, Nicole Schneider, krank geworden ist, musste deren Part kurzfristig neu besetzt werden. In nur zehn Tagen machte sich Michaela Domes die anspruchsvolle Rolle der Großmutter Lin zu eigen. Sie war nicht nur ein Ersatz, sondern sie wusste diese komplizierte Figur überzeugend auszufüllen. Ein zentraler Charakter unter drei eigentlich gleichberechtigten Protagonistinnen.
Die Rolle von Tochter Clara interpretierte Sophie Weikert, die Enkelin Rahel spielte Anna Woll. Ein starkes Trio, das die individuellen Persönlichkeiten ihrer Figuren greifbar zur Geltung brachte.
Das Stück ist schwierig und düster. Die drei Jüdinnen, um die es sich dreht, haben sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen aufgrund ihres Glaubens. Was sie eigentlich verbinden könnte, die gemeinsame Muttersprache – im Jiddischen Mameloschn – ist mitunter trennend.
Der Oma wurde sie im KZ verboten und sie sprach sie nur noch heimlich. Ihre Tochter, die die Vergangenheit verdrängt, um ihrem Leben eine positive Perspektive zu geben, verweigert sich. Die Enkelin hingegen möchte den Faden wieder aufnehmen, um ihre Identität im Ausland zu stärken, und findet in der Oma eine willige Lehrmeisterin.
Dabei erfährt sie auch, wie so manches jüdische Wort eine antisemitische Konnotation erhalten hat – wie etwa der Ausdruck „Mischpoke“. Dieser steht eigentlich für Familie, wird aber meist abwertend für eine bunt zusammengewürfelte Gruppe angewandt.
Die drei Frauen mit ihren drei ganz unterschiedlichen Biografien tun sich schwer, miteinander in den Dialog zu treten. Viel Verdrängung ist da am Wirken, etwa bei Clara. Die schwärmt lieber von ihrer Zeit als junge Frau in Paris, als Verständnis für Rahel aufzubringen, die es nach New York zieht. Oma Lin erinnert sich lieber an ihre Sängerinnen-Karriere, als sich kritisch mit ihrer kommunistischen Vergangenheit in der DDR auseinanderzusetzen.
Rahel schwankt zwischen der Neugier auf die Fremde und dem Fremden in ihrer Familiengeschichte. Im Grund sind alle drei Frauen immer noch Suchende.
Dieses komplexe Stück in eine spielbare Form zu bringen, ohne dass es allzu bleischwer und dialoglastig wird, gelingt unter der Regie von Robert Arnold in eindrücklicher Weise.
Das sakrale Gebäude als Spielort verleiht dem Inhalt des Schauspiels noch einen besonderen Hintergrund. Ulrike Koch an der Orgel weiß die richtigen musikalischen Akzente zu setzen. Die Bühnenbildnerin Christina Wachendorff hat mit ihrem schlichten, aber griffigen Bühnenbild den passenden Rahmen geschaffen.
Ein Drama, das bei der Premiere wohl keinen der Zuschauer unbeteiligt gelassen hat. Das mit seinem nicht unbedingt versöhnlichen Ende viele Fragen offen lässt. Dessen Problematik heute, wo im Grunde alle verunsichert sind, vielleicht noch stärker empfunden wird als bei der Uraufführung 2012. Kompliment für diese Darbietung.