Mittel gegen die Hitze: Ein Baum als Klimaanlage | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.07.2023 12:03

Mittel gegen die Hitze: Ein Baum als Klimaanlage

Eine grüne Oase mitten in der Stadt: der Klostergarten. Klaus-Jürgen Edelhäuser ist zufrieden. Denn das sorgt für Kühlung und ein gutes Stadtklima. (Foto: Simone Hedler)
Eine grüne Oase mitten in der Stadt: der Klostergarten. Klaus-Jürgen Edelhäuser ist zufrieden. Denn das sorgt für Kühlung und ein gutes Stadtklima. (Foto: Simone Hedler)
Eine grüne Oase mitten in der Stadt: der Klostergarten. Klaus-Jürgen Edelhäuser ist zufrieden. Denn das sorgt für Kühlung und ein gutes Stadtklima. (Foto: Simone Hedler)

Die vergangenen Tage waren heiß, sehr heiß. In der Stadt maß der Deutsche Wetterdienst einen Jahres-Höchstwert von 36 Grad. Die Hitze wird ein Dauerbegleiter sein, sagt Ingenieur Klaus-Jürgen Edelhäuser. Wie sich Städte dafür wappnen müssen, erklärt er bei einem Rundgang.

In der Nacht hat es geregnet. Endlich. An einigen Stellen sind noch am nächsten Morgen Pfützen zu sehen. Auch vor dem Büro von Klaus-Jürgen Edelhäuser. Der Beratende Ingenieur ist Experte für Denkmalschutz und Energie; außerdem zählt er zum Vorstand der Bayerischen Ingenieurskammer-Bau. Seit vielen Jahren treibt ihn das Thema Klimawandel und dessen Folgen für die Stadtbevölkerung um. Bei einem kleinen Rundgang durch Rothenburg erklärt er, warum sich Städte besonders stark aufheizen. Und wie man sie kühlen kann.

Beton und Asphalt speichern die Wärme

„Die Hitze wird in den kommenden zehn, fünfzehn Jahren unser größtes Problem in den Städten sein“, sagt er. An sonnigen Tagen ist es in der Stadt etwa fünf Grad wärmer als im Umland. Während im Taubertal noch recht angenehme 25 Grad herrschen, hat sich die Innenstadt schon auf etwa 30 Grad aufgeheizt. Der Grund: Immer mehr Fläche wird versiegelt. „Stein, Beton und Asphalt speichern die Sonnenwärme und heizen die Umgebung damit nachts weiter auf“, erklärt Edelhäuser. Gleichzeitig verschwinden durch die Versiegelung Grünflächen, die zur Abkühlung der Luft beitragen könnten. Er ist sich sicher: Das Thema Kühlung wird schon bald wichtiger als das Thema Heizen.

Besser als ein Sonnenschirm

„Wir brauchen mehr Bäume“, sagt der Ingenieur. „So wie hier.“ Wir stehen vor dem Toppler-Theater. Zwei ausladende Bäume spenden Schatten, unter dem einen stehen Tisch und Stühle eines Cafés. Viel besser als ein Sonnenschirm. „Bäume spenden nicht nur Schatten, sie verdunsten auch Feuchtigkeit. Dadurch entziehen sie der Umgebungsluft Wärme und kühlen“, sagt der Fachmann. Rothenburg ist zwar eingerahmt durch das Taubertal, „aber das Grün muss dort sein, wo es heiß ist: in der Stadt“.

Im Schatten von drei mächtigen Linden am Straßenrand führt der Weg in Richtung Klostergarten. „Das ist natürlich eine richtige grüne Oase.“ Und so ganz nebenbei wird hier etwas für die Biodiversität, die Luftreinhaltung und sogar den Schallschutz getan.

Eine Allee weiter bis zum Marktplatz

Nächste Etappe: Herrngasse. Der untere Bereich bis zur Franziskanerkirche ist gesäumt von Bäumen. „Das bietet sich an. Die Gasse ist breit genug und hat Platz für Bepflanzung“, erklärt Edelhäuser. Kaum jedoch ist die Kirche passiert, endet die Allee. Die Sonne brennt auf die Köpfe, sofort fühlt es sich deutlich heißer an. „Man spürt den Unterschied sofort“, bestätigt Edelhäuser. „Dabei ließe sich doch ganz einfach die Allee weiterführen bis zum Marktplatz. Auch wenn man dafür auf den ein oder anderen Parkplatz verzichten muss.“

In der Nacht hat es geregnet. Zu wenig. Das ist in Rothenburg oft so, sagt der Klima-Experte. Man kann auf dem Regenradar beobachten, wie die Wolken direkt vorbeiziehen und die Stadt leer ausgeht. Umso wichtiger ist es, den Niederschlag zu nutzen. Oft ist jedoch der Boden so verdichtet, dass er das Wasser nicht aufnehmen kann. Edelhäuser erinnert an die Pfütze beim Start unseres Rundgangs. „Das Wasser kann nicht versickern.“ Rasengittersteine oder Kies sind besser als Asphalt und Pflastersteine.

Das Prinzip Schwammstadt

Edelhäuser zeigt auf die Steineinfassung eines Baumes. „Der Regen wird am Baum vorbei in den Kanal geleitet. Niemand versteht das.“ Eigentlich darf kein Regenwasser mehr ungenutzt in die Kanalisation fließen. Das Prinzip heißt Schwammstadt: Die Stadt saugt den Niederschlag auf, wenn er fällt. Und gibt Wasser ab, wenn es benötigt wird. Dazu müssen Oberflächen durchlässiger, Grünflächen geschaffen und die Dächer begrünt werden. Damit ist eine Stadt auch besser gewappnet für Starkregen.

Der Marktplatz hat seine Tücken. „Ein historischer Platz, da können wir nichts verändern“, sagen die Denkmalschützer. „Stimmt“, meint auch Klaus-Jürgen Edelhäuser. „Der Marktplatz hat eine Funktion und er ist Teil des Denkmals. Das soll auch so bleiben.“ Allerdings: Kleinigkeiten wären schon möglich: Ein paar Bäume am unteren Ende, vor dem Café zum Beispiel. „Das gäbe eine schöne Beschattung und würde bei starkem Regen als Auffangbecken dienen.“

Natürliche Klimaanlage direkt vor dem Fenster

Mit seinen zahlreichen Denkmälern ist Rothenburg kein einfacher Fall, „da darf man nicht mit dem Brecheisen ran“. Wenn sich Stadt, Denkmalpfleger und Naturschützer zusammensetzen, finde man aber sicher Lösungen. Individuelle Maßnahmen sind fast immer möglich.

Mit Fassadenbegrünung lässt sich zum Beispiel einiges tun. Auf dem Weg durch die Altstadt zeigen sich viele Beispiele: Wein am Rankgitter, Rosen, auch Spalierobst eignen sich gut, erklärt der Ingenieur. Denn diese Pflanzen beschädigen die Fassaden nicht. Anders als der Efeu, der sich mit seinen kleinen Haftwurzeln in den Putz bohrt. So hat man die natürliche Klimaanlage direkt vor dem Fenster, sagt Edelhäuser.

In Wien startete 2010 ein Pilotprojekt. 850 Quadratmeter Fassade wurden mit Stauden, Gräsern und Kräutern begrünt. An sonnigen Tagen ist der grüne Pelz 15 Grad kühler als die ursprüngliche Fassade. Die Leistung der grünen Fassade entspricht der von rund 45 Klimakühlgeräten.

Fernkältenetz kühlt die Häuser ab

In einem Abschnitt der Galgengasse sind seit Kurzem die Straßenarbeiten abgeschlossen. Die Stadtwerke haben die Versorgungsleitungen erneuert. „Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, einige Pflanzflächen einzubauen“, kritisiert Edelhäuser. Oder Rohre für ein Fernkältenetz.

Darin ist sich Edelhäuser einig mit Christoph Matschi. Der forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ansbach im Bereich Energiemanagement und -technik. Matschi spricht vom „System der Zukunft“. Das Prinzip funktioniert gegensätzlich zur Fernwärme: Durch die Rohre wird kühles Wasser in die Gebäude transportiert. Es nimmt Wärme auf und wird dann wieder zurückgeleitet.

In München hat das Fernkältenetz bereits eine Länge von 24 Kilometern. In Paris sind es schon über 90 Kilometer. Der Louvre zum Beispiel ist angeschlossen, Krankenhäuser, Metrostationen, aber auch private Gebäude. Das spart Klimaanlagen, die wiederum die Umgebung weiter aufheizen würden. In der Nacht hat es geregnet. Hoffentlich tut es das bald wieder.

Kleine Gärten als Oasen fürs Klima

Manchmal sind auch kleine Maßnahmen hilfreich, ist Edelhäuser überzeugt. Wie der kleine, idyllische, dicht bewachsene Garten am Endpunkt des Rundgangs. „Solche Oasen gibt es immer wieder.“ Und jede einzelne trägt zu einer Verbesserung des Stadtklimas bei. Dafür wünscht er sich mehr Förderung durch die Kommunen. „Wenn man als Grundbesitzer neue Grünflächen schafft, sollte das unterstützt werden.“

Das kostet allerdings Geld: Bund und Länder schätzen den Finanzbedarf für Klimaanpassungsmaßnahmen in Ländern und Kommunen bis 2030 auf insgesamt 55 Milliarden Euro. Dennoch ist Edelhäuser zuversichtlich: „Als Kammer beackern wir die Politik schon seit Jahren. Langsam tut sich was.“

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