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Veröffentlicht am 02.07.2023 13:59

Mit Lichtgeschwindigkeit vom Zenngrund in den Erfinderolymp

Eine LED-Lampe in der Hand und vor sich eine ins Handy integrierbare Fotozelle als LiFi-Modul sowie einen LiFi-Router: Forscher Harald Haas arbeitet an einer Licht-Revolution in der Datenübertragungstechnik. (F.: Judith Marschall)
Eine LED-Lampe in der Hand und vor sich eine ins Handy integrierbare Fotozelle als LiFi-Modul sowie einen LiFi-Router: Forscher Harald Haas arbeitet an einer Licht-Revolution in der Datenübertragungstechnik. (F.: Judith Marschall)
Eine LED-Lampe in der Hand und vor sich eine ins Handy integrierbare Fotozelle als LiFi-Modul sowie einen LiFi-Router: Forscher Harald Haas arbeitet an einer Licht-Revolution in der Datenübertragungstechnik. (F.: Judith Marschall)

Manche sprechen vom „Nobelpreis der Ingenieure“. Vergeben wird dieser am Dienstag in Valencia. Unter den Nominierten ist Harald Haas. Er ist in Trautskirchen aufgewachsen und in Neustadt auf die Realschule gegangen. Unter 600 Mitbewerbern ist er einer von drei Finalisten im Rennen um den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Forschung.

„Wir drücken ihm natürlich die Daumen“, sagt Trautskirchens Bürgermeister Werner Wirth. Der Ort sei stolz auf den Sohn vom „Hoaser Gerhard“. Bei seinem nächsten Besuch liege das Goldene Buch der Gemeinde für ihn bereit. Somit hat das 1400 Einwohner zählende Trautskirchen jetzt neben dem berühmten Gewerkschaftsgründer und SPD-Reichstagsabgeordneten Hans Böckler einen weiteren großen Sohn in seinen Reihen.

Professor Harald Haas und sein Team wollen mit LiFi – einer Datenübertragung per Licht – die Nachrichtentechnik revolutionieren. „Das wird der Game-Changer“ schwärmt der Wissenschaftler und Firmengründer. Er hält ein in Plexiglas eingeschweißtes LiFi-Modul mit Photozelle und Laser in der Hand, das klein genug ist, um es in ein Handy integrieren zu können. Das Produkt habe die Marktreife im Februar erreicht.

Mit dem menschlichen Auge nicht wahrnehmbar

Während WiFi, also der bislang gebräuchliche W-Lan-Router, mit Radiofrequenzen arbeitet, nutzt der LiFi-Router das Licht von LED-Lampen und arbeitet ähnlich wie beim Morsen. Dabei ist das Blinken des Lichts so schnell, dass es fürs menschliche Auge nicht wahrnehmbar ist. Ein Empfänger, zum Beispiel auf einem Photovoltaik-Dach, ist aber in der Lage, den Lichtmorse-Code zu dekodieren.

Als bahnbrechend bezeichnet das Europäische Patentamt, dass die neue Technik hundertmal schneller als W-Lan ist und man zudem zur Datenübertragung die bestehende Infrastruktur, beispielsweise Straßenlaternen, nutzen kann. Das Verlegen von Glasfaserkabeln würde überflüssig. „LiFi wird eine Schlüsselrolle spielen beim 6G“, ist sich Haas ganz sicher, also bei der nächsten Generation in der Funkkommunikation.

Auf dem zweiten Bildungsweg

Nach einer Ausbildung als Nachrichtenelektroniker bei Siemens in Fürth startete Haas über den zweiten Bildungsweg seine Hochschullaufbahn. Er machte, ebenfalls in Fürth, sein Fachabitur und studierte an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg.

Danach kehrte Haas zurück zu Siemens in die Halbleiter-Abteilung. „Dann wurde ich nach Bombay geschossen“, erzählt der Forscher in seinem inzwischen von einem englischen Akzent gefärbten Deutsch, der auch in der Wortwahl durchblinzelt. Siemens schickte den jungen Ingenieur 1995 mit einem Stipendium ins heutige Mumbai. Der südostasiatische Raum galt als Markt der Zukunft, und Haas wollte an eine englischsprachige Uni. In Bombay habe er viel übers Leben gelernt, weniger über die Wissenschaft, erinnert sich der Forscher.

Zwischen Kakerlaken und Strandblick

So sei es nicht einfach gewesen, eine Unterkunft zu finden. Er fand ein Zimmer in einer freundlichen Familie. Die weghuschenden Kakerlaken nach dem Lichtanmachen auf dem Weg zum Klo waren gewöhnungsbedürftig, aber die Aussicht auf den Strand sei toll gewesen. Nur irgendwann habe er registriert, dass das keine Spielzeug-Eimerchen waren, die die Menschen da zum Strand trugen.

2001 promovierte Haas in Edinburgh. Dann ging es zurück nach München. Er führte das unstete Leben, das eine Akademikerkarriere mit sich bringt. Inzwischen hat Haas einen Lehrstuhl in Glasgow und eine Gastproffessor in Edinburgh. Der Professor lebt dort mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Die hügelige Landschaft in Schottland erinnert ihn ein wenig an die Frankenhöhe, wo er aufgewachsen ist. „Ich brauche die Natur zum Entspannen“, sagt er. Das sei für ihn als Kind schon wichtig gewesen.

Ein bisschen klingt es nach den Garagengeschichten anderer großer Informatiker, wenn Haas erzählt, dass er als kleiner Junge neben der Natur schon immer am liebsten in der Werkstatt seines Vaters war. Mit zehn Jahren bekam er ein Elektronik-Set geschenkt und versuchte, die Funktionsweise eines Transistors vollkommen zu verstehen, und begann erstmals mit grünen und roten LEDs zu experimentieren.

Eine liebenswürdige Art

„Den Transistor habe ich damals nicht ganz verstanden“, erinnert Haas sich lächelnd. „Wegen des PN-Übergangs; wissen Sie, was das ist?“ Als Professor ist er es gewohnt, sein Spezialgebiet zu erklären. Er hat eine liebenswürdige Art, den Laien mitzunehmen in eine Welt, die für ihn so selbstverständlich ist.

Aber angefangen hat Harald Haas, wie viele andere Jungs seines Alters, mit besagtem Elektro-Bauset in einer Trautskirchener Werkstatt. Da wurde seine Faszination für die Nachrichtentechnik geboren. Ob ihm der Werdegang in die Wiege gelegt war? Haas zögert. „Mein Vater war bei Siemens, hatte auch einen technischen Beruf.“ Aber keiner aus seiner Familie habe bislang studiert.

Mit den Nesthoppers beim Fußballspielen

Eigentlich sei er ein ganz normaler Junge gewesen, überlegt Haas. Er hat in Trautskirchen und später in Neustadt Fußball gespielt. Mit den Freunden traf er sich nach der Schule in einer Neustädter Kneipe namens Kuckucksnest. „Da haben wir philosophiert, wie eine bessere Welt aussehen könnte.“ Über eine „Diktatur der Vernunft“ habe man nachgedacht. Die Kuckucksnest-Clique hat Fußballturniere organisiert. „Wir waren die Nesthoppers“, erzählt der heute 55-jährige aus seiner Jugend im Landkreis.

Beim Europäischen Erfinderpreis gibt es auch eine Publikumskategorie. Noch bis zum morgigen Dienstag kann man nicht nur als Trautskirchener, als Landkreisbürger oder als begeisterter Nachrichtentechniker für Erfinder Haas im Internet abstimmen (unter der Adresse https://popular-prize.epo.org).

Wer bei der Preisverleihung dabei sein möchte, kann sich auf der Website des Europäischen Patentamtes für den Life-Stream registrieren. Der Edinburgher Wissenschaftler mit seinen Wurzeln im Landkreis wird – in Begleitung seiner Tochter – in Valencia vor Ort sein. „Das wird ganz schön aufregend“, meint er.


Von Judith Marschall
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