Ja, es stimmt: Geschwister können nervig sein – laut, besserwisserisch und albern. Beim Mundraub ist dann endgültig eine rote Linie überschritten. Wer lässt sich schon gerne seine Süßigkeiten ungefragt wegmampfen? Emilie Schmiedecke aus Ulsenheim jedenfalls nicht. Um ihren Süßkram zu sichern, hat sie eigens einen Automaten entworfen und gebaut – schwer erfolgreich.
Emilie Schmiedeke (15) liebt das Malen, das Musizieren an der Querflöte und Technik. Der Weg zur Technik-Affinität ist ein durchaus kurioser, der Uffenheimer Elektrotechnik-Ingenieur Erich Kamleiter ist daran nicht gänzlich unschuldig. Doch von vorne.
Mit 13 Jahren war die Ulsenheimerin frustriert. Ihre Geschwister haben ihr oft Süßigkeiten gestohlen. Mundraub, den sie sich unmöglich bieten lassen konnte. Andere würden in diesem Alter jetzt vielleicht schmollen oder zur Mama rennen, doch nicht so Emilie Schmiedecke: Sie begann, einen Süßigkeitenautomaten zu entwickeln, um darin ihre Naschereien zu schützen.
Zwei Jahre hat sie am Prototypen getüftelt, viele Irrwege durchleben müssen, aber trotzdem nie die Motivation verloren. Das Erstaunliche: Ihr Automat, Marke Eigenbau, ist ein Hightech-Gerät mit drei Kammern. Schmiedecke hat hierfür eine eigene App fürs Handy entwickelt. Darüber können die Eltern einstellen, wer wie viele Süßigkeiten bekommt – denn jedes Kind hat eine personalisierte Karte, die ein Sensor am Automat auslesen kann. „Wenn jemand an dem Tag nicht brav war, kann man beispielsweise 0 einstellen und er bekommt nichts. Wenn er die Spülmaschine ausräumt, kann die Mutter ihm dafür zwei Fläschchen geben“, sagt Schmiedecke. Fläschchen, weil der Süßkram in solche verpackt ist.
Ein besonderes Belohnungssystem, aber auch eine Sicherheitsmethode. Denn die App kann noch viel mehr. „Meine Schwester hat beispielsweise eine Nussallergie“, sagt Emilie Schmiedeke, die die Klasse 9a des Gymnasiums an der Uffenheimer Christian-von-Bomhard-Schule besucht. Die Mutter kann das in der App eingeben und die sperrt dann im System für deren Karte alle Süßigkeiten mit Nüssen.
„Emilie hat innerhalb kürzester Zeit 3D-Entwurf, Programmieren, 3D-Druck, die Grundzüge der Elektronik und App-Programmierung gelernt“, lobt Erich Kamleiter stolz. Er ist an ihrem Multitalent stets beteiligt gewesen. Denn all diese Dinge hat die Schülerin vor allem im Rahmen der Technik Initiative Campus Künzelsau, kurz TICK, gelernt. Die leitet der Uffenheimer Kamleiter an der Hochschule Künzelsau. Alle 14 Tage treffen sich dort Jugendliche zum technischen Tüfteln.
„Jeder Jugendliche hat in der AG sein eigenes Projekt“, sagt Kamleiter. „Das ist von der Betreuung her sehr aufwendig, aber es resultieren tolle Ergebnisse.“ Wenn sich Jugendliche in vermeintliche Sackgassen manövrieren, „brauchen sie einen Ansprechpartner“. Jemanden, der mit ihnen mögliche Auswege diskutiert, sie berät. Darin sieht der Uffenheimer seine Rolle. Viele haben es später in den Wettbewerb „Jugend forscht“ geschafft. So auch Emilie Schmiedekes Süßigkeitenautomat. Für Kamleiter ein Ritterschlag.
Beim Regionalwettbewerb für Heilbronn-Franken in Baden-Württemberg hatte Schmiedeke ihren Premierenauftritt. Eigentlich sollte ihr Projekt schon ein Jahr davor beim Wettbewerb „Schüler experimentieren“ teilnehmen, doch eine Corona-Infektion verhinderte dies. Heute ist die 15-Jährige darüber nicht unglücklich. Denn eigentlich war ihr Automat seinerzeit noch gar nicht so ausgereift. Jetzt ist er das.
Ein bisschen aufgeregt, gesteht Schmiedeke, war sie schon. Die Juroren machten einen strengen Eindruck, die anderen Teilnehmer hatten ebenfalls innovative Projekte an den Start gebracht, und sie war als 15-Jährige mit die Jüngste im Feld, die Konkurrenten waren im Gros zwischen 18 und 20 Jahren. Und, wie Kamleiter betont: „Die Jury darf das Alter nicht in die Bewertung einfließen lassen.“ Er weiß das nur allzu gut, gehörte er doch jahrelang selbst einer Jury an.
Trotzdem: Emilie Schmiedeke holte sich den Sieg und qualifizierte sich für den Landeswettbewerb in Freiburg. „Da war alles deutlich strenger“, sagt sie. Ihr wurden schwere Fragen gestellt. Der Aufbau kam gut an, an den Bauteilen übten die Juroren allerdings Kritik. Vor allem der fehlende Schrittmotor sorgte für Abzüge in der B-Note. Einen solchen hat die Ulsenheimerin aber absichtlich nicht verbaut, wie sie sagt. „Die verbrauchen deutlich mehr Strom“ – und ihr war es wichtig, möglichst nachhaltig zu arbeiten. Letztlich reichte es nicht ganz für den Bundeswettbewerb. Trotzdem ist das Duo glücklich.
„Alleine die Teilnahmeurkunde öffnet in der Industrie Tür und Tor“, sagt Kamleiter. Denn der Jugend-forscht-Wettbewerb zeigt die Motivation der Jugendlichen und wird auch von der Industrie unterstützt – schließlich findet sich bei solchen Aktionen der Technik-Nachwuchs von morgen. Schmiedeke will weiterhin einen technischen Schwerpunkt verfolgen, „Sprachen liegen mir eher nicht so“. Und sie hat auch schon neue Projekte: Zum einen will sie einen Brutkasten für die Enten im Garten bauen – und ihren Süßigkeitenautomaten weiterentwickeln. Ihre Idee: ihn für medizinische Zwecke nutzen, etwa als Tablettenautomaten.
Grundgedanke: Pflegekräfte könnten via App den Medikamentenplan hinterlegen, Senioren dann mit einer Karte selbst ihre bereits dosierten Medikamente holen. Mit Blick auf den Fachkräftemangel könnte diese Idee Zukunft haben. Und es vereint ihre beiden Berufswünsche zumindest ein wenig: „Entweder will ich Elektrotechnik studieren oder Tiermedizin.“ Von der Ulsenheimer Tüftlerin wird wohl noch zu hören sein.