Lichtenau: Was aus dem Steinbruch geworden ist | FLZ.de

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Veröffentlicht am 16.06.2024 08:28

Lichtenau: Was aus dem Steinbruch geworden ist

Mit der Hebewinde wurde Sandstein aus der Grube befördert. (F.: A. Walke)
Mit der Hebewinde wurde Sandstein aus der Grube befördert. (F.: A. Walke)
Mit der Hebewinde wurde Sandstein aus der Grube befördert. (F.: A. Walke)

Ein verstecktes Paradies liegt in Lichtenau: Im alten Steinbruch neben der Gärtnerei Rauch in der Ansbacher Straße wurde früher Schilfsandstein abgebaut. Reinhold Grauf vom Museumsverein erzählt von der Zeit, als hier noch Steine gebrochen wurden.

„Der Lichtenauer Sandstein war sehr begehrt“, meint der 71-Jährige. Einst gab es in der Gemeinde noch zwei weitere Gruben, die inzwischen verfüllt sind. Vor allem nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden überall Steine für den Wiederaufbau benötigt. Sandstein aus Lichtenau ist zum Beispiel in den Bahnhöfen in Memmingen und München verbaut. Auch für Renovierungsarbeiten in den Ansbacher Kirchen St. Johannis und St. Gumbertus verwendete man ihn.

Der ehemalige Steinbruch breitet sich auf rund zwölf Hektar aus. Urkundlich erwähnt wurde er erstmals im 15. Jahrhundert. Heute erobert sich die Natur im Landschaftsschutzgebiet ihr Territorium zurück. Damwild lebt hier, und auch ein Turmfalke brütet.

Die Hirsche ziehen ihren Nachwuchs auf

Das Gelände ist in Privatbesitz und nur bei Führungen zugänglich. Reinhold Grauf bietet jedes Jahr im Herbst einen öffentlichen Rundgang an. Auch auf Anfrage können Gruppen das Gelände mit ihm besichtigen. Von Ende Mai bis Mitte September ist es allerdings gesperrt, damit die Hirsche in Ruhe ihren Nachwuchs aufziehen können.

Beim Eingang befindet sich noch die Schmiede. In einem Steinbruch gab es einen „extrem hohen Werkzeugverschleiß“, da war die Schmiede praktisch. Das flache Gebäude ist aus Bruchsandstein gemauert. Die Blöcke haben keine geraden Kanten, sondern greifen in einem originellen Muster ineinander. Nur für die Fenstersimse nahm man behauene Steine, um gerade Linien zu erzeugen.

Eine extrem anstrengende Arbeit

In der Grube arbeiteten unterschiedliche Berufsgruppen, erläutert Grauf: Der Steinbrecher brach eine Bruchbank heraus, der Steinhauer fertigte daraus Quader und der Steinmetz erledigte die Feinarbeit. „Die Arbeit im Steinbruch war eine der körperlich intensivsten, die man sich vorstellen kann.“

Einige der alten Gerätschaften sind noch vorhanden, darunter drei Hebewinden. Sie wurden in Kombination mit Laufkatzen genutzt, um die schweren Steine nach oben zu befördern. Die Laufkatzen liefen quer über den Steinbruch auf Schienen, die wiederum auf Balken befestigt waren, welche auf hohen Steinblöcken lagen. Diese Blöcke aus Sandstein sind bis heute sichtbar.

Unten kam der Sand heraus

Außerdem gab es eine Sandmühle: Oben wurde der Bruchstein hinein gegeben, unten kam er als gemahlener Sand wieder heraus. Dieser sei im Steinbruch verkauft worden, berichtet Grauf. Nach dem Krieg wurden daraus zum Beispiel Betonsteine hergestellt.

Heute ist der Steinbruch ausgebeutet. Der letzte Besitzer, der noch bis Mitte der 1960er Sandstein abgebaut hat, war Rudi Steinbrenner, ein echter Erfindergeist. „Er hat eine Steinsäge mit Motor entwickelt.“ Jeden Morgen um 5 Uhr pumpte er mit einer selbst gebauten Motorpumpe das Wasser aus der Grube, um an den Stein dort heranzukommen. Am nächsten Tag stand das Wasser wieder genauso hoch. Noch heute ist die Lage im Steinbruch für Grauf ein Indikator für den Grundwasserspiegel. 2012 sei man hier im Wasser gestanden, erinnert er sich. 2018 war es dagegen komplett ausgetrocknet.

Eine Mauer, die Einblick gewährt

Von der nächsten Siedlung trennt den Steinbruch eine zwölf Meter hohe Mauer aus Sandstein. An den Wänden erkennt man die unterschiedlichen Gesteinsschichten. Über das Areal verteilt, liegen noch kleinere Steine, die wohl übrig geblieben sind, weil man keine Verwendung für sie fand. Heute sind sie mit Moos überwachsen.

Etwas versteckt auf dem Gelände liegt ein alter Gefangenenfriedhof. 1807 wurde die Lichtenauer Festung zum Zuchthaus für Schwerverbrecher erklärt. Mit ans Bein geketteten Bleikugeln fristeten die Gefangenen ihr Dasein. „Es gibt nur wenige Hinweise, dass jemand die Festung lebend verlassen hat“, sagt Grauf.

Anfangs kippte man die Toten in eine Grube auf der Weiherwiese. Erst ab 1817 wurden sie im Steinbruch beigesetzt, um ihnen ihre Würde zu lassen. Von den Grabsteinen sieht man nichts mehr. Ein großes Kreuz steht aber noch da. Der Sockel besteht aus Lichtenauer Sandstein.

Eine Führung buchen

Anfragen für Führungen sind bei der Gemeinde Lichtenau unter Telefon 09827/92110 möglich. Der Steinbruch kann aber erst wieder im Herbst besichtigt werden.


Andrea Walke
Andrea Walke
... ist Redakteurin in der Lokalredaktion Ansbach und seit Dezember 2012 bei der FLZ. Sie fühlt sich in Rathäusern genauso wohl wie in Gerichtssälen und trifft am liebsten Menschen, die eine interessante Geschichte zu erzählen haben. Seit 2017 betreut sie redaktionell die Aktion "FLZ-Leser helfen".
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