Eine Autorität in Sachen Kirchenmusik: Zum Tod von Rainer Goede | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 01.12.2025 07:00

Eine Autorität in Sachen Kirchenmusik: Zum Tod von Rainer Goede

An der Wiegleb-Orgel der Ansbacher St.-Gumbertus-Kirche: Kirchenmusikdirektor Rainer Goede. (Archivbild: Jim Albright)
An der Wiegleb-Orgel der Ansbacher St.-Gumbertus-Kirche: Kirchenmusikdirektor Rainer Goede. (Archivbild: Jim Albright)
An der Wiegleb-Orgel der Ansbacher St.-Gumbertus-Kirche: Kirchenmusikdirektor Rainer Goede. (Archivbild: Jim Albright)

Wer in Ansbach von evangelischer Kirchenmusik sprach, sprach von Rainer Goede. Länger als er hat bisher kein hauptamtlicher Kirchenmusiker das Ansbacher Musikleben geprägt. Über 36 Dienstjahre wirkte er in Stadt, Dekanat und darüber hinaus als Kantor, Organist, Orgelsachverständiger, Chorleiter und Dirigent großer Oratorienaufführungen.

Präsent war Rainer Goede über den Ruhestand hinaus, er übte Orgel, gab Konzerte, sang in der Kantorei, forschte zur regionalen Musikgeschichte und über den Ansbacher Stadtfriedhof, engagierte sich in der Bürgerbewegung für Menschenwürde, bezog Stellung gegen Rechtsextremismus. Sein Arbeitspensum war seit je groß. Er bewältigte es mit der Hilfe seiner Frau Ulrike.

Am vergangenen Dienstag haben wir noch miteinander telefoniert. Es ging um die historische Bach-Gesamtausgabe aus den Beständen des Ansbacher Kantorei-Archivs. Wer sie angeschafft hatte, vielleicht schon im 19. Jahrhundert, konnte auch er nicht sagen.

Im Krankenhaus am Telefon

Froh war der Ansbacher Kirchenmusikdirektor aber, dass sich dieser musikgeschichtliche Schatz nun in der Obhut der Staatlichen Bibliothek befindet. Gedanklich beschäftigte er sich schon mit Orgelstücken, die die Neue Bach-Ausgabe bisher nicht kannte. Eine Rezension über die vor kurzem vorgestellten Kompositionen, die Peter Wollny nach langer Forschung Bach zuschreibt, wollte er verfassen, wenn er wieder daheim sei. Das Telefonat erreichte ihn im Krankenhaus. Im Hintergrund piepte ein Überwachungsgerät.

Am vergangenen Samstag ist Rainer Goede an den Folgen eines Herzinfarkts im Alter von 77 Jahren verstorben. Bachs Musik begleitete ihn sein Leben lang. Rainer Goede wurde 1948 in Lüneburg geboren, einer Bachstadt. „Wir vier Kinder sind in einer geordneten Welt aufgewachsen“, erzählte er einmal. Die Eltern führten sie an „kulturelle Dinge“ heran. Der Sohn eines Arztes und Enkel eines Pfarrers war früh von der Orgel fasziniert. Direkt nach dem Abitur begann er sein Kirchenmusikstudium in Detmold.

Einige Professoren beeindruckten ihn tief. „Das waren Autoritäten, die ihre Autorität nur aus der Sache zogen. Sie machten kein Aufhebens von sich, sondern hielten einfach ihre Vorlesung und diskutierten anständig mit den Studenten“, erinnerte er sich in einem Interview, das wir 2013 führten, als er in den Ruhestand ging. Eine Autorität, die ihre Autorität aus der Sache zog – das wäre auch eine treffende Selbstbeschreibung gewesen.

Das Richtige machen, aber nicht immer das Gleiche

Sein Interesse an Musik in Theorie und Praxis war von enzyklopädischer Neugier, es reichte von der Alten bis hin zur Neuen Musik, für die er 1992 Festtage in Ansbach ausrichtete. Dieses breite Spektrum spiegelte sich in seinen Programmen und in der Musik für Gottesdienste wider, die dann, wenn es um komplexere Musik des 20. Jahrhunderts ging, so manche in der Gemeinde, Pfarrer eingeschlossen, überforderte. Rainer Goede ließ sich davon nicht beirren.

Er wolle das Richtige machen, aber nicht immer das Gleiche, das war eine seiner Leitlinien. Ein herausragendes Projekt in diesem Sinne waren die großen Passionsmusiken zu Karfreitag. Goede umrundete über Jahre Bachs Passionen, erkundete, was vor oder nach diesen Werken des Thomaskantors entstanden ist. Es waren immer erhellende Aufführungen.

Die Arbeit mit der Jugendkantorei, die in den Sommerferien Konzertreisen bis ins Ausland unternahm, genoss er. „Das war ein herzliches Miteinander”, blickte er zurück. An der Kinderkantorei gefiel ihm, dass Kinder sich „auf eine viel bessere Art” als Erwachsene ausleben. Und gerne unterrichtete er. Die Weitergabe des Wissens war ihm wichtig. Dass in St. Gumbertus ein Treppenaufgang mit Tafeln zur Ansbacher Musikgeschichte gestaltet ist, war seine Idee. „Je mehr die Leute wissen, um so besser können sie mit der Materie umgehen.“ Er selbst und seine Arbeit sind auf den Tafeln nicht vertreten. Die Musikertreppe endet vor seiner Amtszeit. Alles andere wäre ihm zu viel Aufhebens gewesen.

Seiner nüchternen Geradlinigkeit zu danken ist es auch, dass die Wiegleb-Orgel gegen immense Widerstände rekonstruiert werden konnte. Andere hätten aufgegeben. Er nicht: „Es gab keine andere gescheite Lösung, alles andere wäre ein Kompromiss gewesen. In der Kunst sind Kompromisse tödlich.“ Zweifel daran, dass sie ein einzigartiges Instrument werden würde, hatte er nie. Er behielt recht. Die Wiegleb-Orgel hat es zu internationalem Ruhm gebracht. „Sie ist das, was bleibt”, sagte er. Mit seinen Forschungen hat er die Grundlage für deren Rekonstruktion gelegt.

Erinnerungen an ungezählte Aufführungen

Bleiben werden neben CD-Aufnahmen und Noten-Editionen vor allem Erinnerungen an ungezählte Aufführungen in Gottesdiensten und Konzerten. Goedes kompromisslose Entschiedenheit und sein Wille zur Wahrhaftigkeit waren in jedem Takt zu hören. Um ein Beispiel zu nennen, weil es zeigt, dass nicht nur Pultstars und berühmte Orchester Partituren durchdringen können, sei an die Aufführung von Johannes Brahms' „Deutschem Requiem” vor 15 Jahren erinnert.

Der dritte Satz, „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss”, mündet in eine imposante Chorfuge, die oft nur zwiespältig gelingt. Rainer Goede, der ein eher langsames Tempo wählte, entfaltete die Fuge hingegen streng und klar – ohne Kompromisse. Er ließ die mächtig zerrenden Strebekräfte des Tonsatzes entstehen, die aber, von einem riesigen Orgelpunkt getragen, gehalten werden. Hörbar, spürbar, erlebbar wurde so eindringlich wie selten sonst, was die Bibelstelle bedeutet, die Brahms in dieser Fuge vertont hat: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an.”


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
north