„Ein Teil meines Lebens”: Leiter des Fränkischen Freilandmuseums hört auf | FLZ.de

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Veröffentlicht am 06.09.2025 08:00

„Ein Teil meines Lebens”: Leiter des Fränkischen Freilandmuseums hört auf

Der Abschied von den historischen Gebäuden, hier die Synagoge aus Allersheim, fällt Herbert May, der bis Ende September Leiter des Fränkischen Freilandmuseums sein wird, schwer. (Foto: Daniela Ramsauer)
Der Abschied von den historischen Gebäuden, hier die Synagoge aus Allersheim, fällt Herbert May, der bis Ende September Leiter des Fränkischen Freilandmuseums sein wird, schwer. (Foto: Daniela Ramsauer)
Der Abschied von den historischen Gebäuden, hier die Synagoge aus Allersheim, fällt Herbert May, der bis Ende September Leiter des Fränkischen Freilandmuseums sein wird, schwer. (Foto: Daniela Ramsauer)

32 Jahre lang hat Herbert May im Fränkischen Freilandmuseum gearbeitet, davon die vergangenen 15 als Leiter. Zum Oktober tritt Karin Falkenberg seine Nachfolge an. Die letzten Dinge, die May in den wenigen Tagen bis dahin erledigen will, und das ganze Aufräumen, all das „ist nicht entspannt”, sagt er.

In den Schränken stehen dicht gedrängt die Werke zur fränkischen Kulturgeschichte, Bau- und Hausforschung, Ökologie und vielen weiteren Themen, zu denen der Leiter des Fränkischen Freilandmuseums in den vergangenen Jahrzehnten geforscht und geschrieben hat. Seit der Gründung des Museums im Jahr 1982 wurde im hauseigenen Verlag viel publiziert. „In meiner Amtszeit haben wir die 100 geknackt”, freut sich der Noch-Museumsleiter über die hohe Zahl an Schriften. Die Menge ist gleichzeitig ein Kreuz, denn er muss das Papierzeug bis Ende September sichten, sortieren und aus seinem Büro räumen.

Viele Termine stehen noch an

Außerdem soll bis dahin noch die Dauerausstellung im Weinbauernhaus der Gemeinde Retztstadt fertig, der Trafoturm aus Leutershausen übernommen, der KulturBauhof eröffnet und eine Fotoausstellung unter Vertrag genommen werden. An zwei Tagungen möchte Herbert May auch noch teilnehmen. „Ich fühle mich schon unter Druck. Wie auf der Überholspur”, sagt der 67-Jährige. Langsam soll er machen, sagt die Mitarbeiterin aus dem Büro nebenan schon seit Tagen zu ihm.

Mit einem Team aus 80 Menschen, davon rund 60 festangestellt, arbeitet Herbert May zusammen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Restauratoren, Verwaltungsangestellte und Menschen, die das Leben vergangener Zeiten auf dem Museumsgelände darstellen, sind darunter. „Es ist ein Alltag mit großartigen Kolleginnen und Kollegen, den werde ich sehr vermissen”, sagt May. An ruhigen Tagen in der Saison empfangen er und sein Team um die 1500 Besucher. Werden große Feste gefeiert, wie die Museumsnacht, dann streifen schon mal 10.000 Personen über das 45 Hektar große Gelände.

Für das Museum und seine Besucherinnen und Besucher an vielen Tagen – und zuweilen auch nachts – da zu sein, ist eine Leistung, die man nur erbringt, wenn man seinen Arbeitsort mag, davon ist May überzeugt. „Die Mitarbeitenden identifizieren sich mit diesem Museum über ein erwartbares Maß hinaus.” Herbert May tut das genauso. Wenn er im Oktober geht, lässt er am Rande der Altstadt von Bad Windsheim nichts Geringeres zurück als „einen Teil meines Lebens”.

Vor 32 Jahren als Freiberufler angefangen

Vor 32 Jahren hat er im Freilandmuseum als Freiberufler mit der Bau- und Hausforschung angefangen. Zu dieser Zeit hat er außerdem als Stadtheimatpfleger in Nürnberg gewirkt. 2009 wurde er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Freilandmuseums. Im Januar 2011 folgte er Konrad Bedal als Museumsleiter nach.

140 historische Baulichkeiten, darunter auch Brücken und Nebengebäude und 120 reine Häuser mit Schwerpunkt Mittelalter, sind auf dem Museumsgelände ausgestellt. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat Herbert May im Schnitt die Tranzlozierung von einem Gebäude im Jahr begleitet. „Tranzlozieren” bedeutet, dass alte Gebäude von ihrem ursprünglichen Standort ins Museum versetzt und dort wieder aufgebaut werden.

Nachdem die Häuser mit Autokran und Sattelschlepper ankommen und wieder hochgezogen werden, beginnt für Hausforscher Herbert May die eigentliche Arbeit. Die Wände und die unterschiedlichen Farbputze werden unter die Lupe genommen. „Die historische DNA bleibt erhalten. Wir untersuchen hier Geschichte am Original”, sagt Herbert May.

Bis so eine Geschichte aufgearbeitet ist, dauert es Wochen, es könnte auch Monate bis Jahre dauern. „Irgendwann hören wir auf. Wir kriegen nicht alles raus”, meint Museumsleiter May. Doch manche Geschichten lassen ihn trotz Forschungsende nicht mehr los.

Mit Synagoge alle Religionsgemeinschaften vertreten

Das Leben der Hildegard Borst aus Kleinrinderfeld zum Beispiel. Ihr Großbauernhof mit Originalausstattung aus der Zeit um 1900-1940 steht auf dem Museumsgelände. In der Hoffnung, dass ihr Bruder aus dem Krieg zurückkehrte und sich über sein gewohntes Zuhause freuen würde, veränderte sie in ihrer Lebenszeit nichts am Familienbauernhof. „Sie war nicht arm und hätte renovieren können. Doch sie ist einfach in den 1930er Jahren stehen geblieben”, sagt Herbert May. Neben diesem Lieblingsort Kleinrinderfeld hat der 67-Jährige in seinem Leben als Hausforscher noch weitere berührende kennengelernt.

Die Synagoge aus Allersheim, die 2023 aufgestellt wurde, „damit haben wir endlich alle Religionsgemeinschaften auf dem Gelände vertreten”, das gut erhaltene spätmittelalterliche Badhaus aus Wendelstein ... und die Aufzählung lässt sich noch ewig fortsetzen.

Die alte Zeit darstellen, wie sie gewesen ist

„Es geht nicht nur darum, die Gebäude aufzustellen”, sagt May. Sie müssen bespielt werden. Es muss Leben hineingebracht werden, durch wechselnde Ausstellungen, Inventar und Menschen. Menschen, die so tun, als würden sie damals leben. „Es geht uns darum, die alte Zeit so darzustellen, wie sie gewesen ist.”

Der intensive Blick ins Mittelalter, das Forschen an den alten Häusern, „es wäre seltsam, wenn ich da beim Abschied nicht wehmütig werden würde”, meint der scheidende Museumsleiter. Dass er nach seinem Abschied nicht von der Überholspur direkt auf den Parkplatz fährt, dafür hat er schon gesorgt. Eine Reise mit dem Enkel steht an, im Verein für Geschichte Nürnberg gibt es viel zu tun und eine Lehrtätigkeit an der Uni Bamberg hat er auch. „Mir wird nicht langweilig”, weiß May schon jetzt.

Der Feuerkünstler am Dorfplatz, der in einer Muesumsnacht die Seele wärmt, die Fahrten mit dem Rad über das Gelände, die Häuser und natürlich die Menschen. Herbert May wird das alles vermissen. „Aber vielleicht ist jetzt die Zeit”, meint er. Seine Nachfolgerin Karin Falkenstein, mit der er seit Monaten die Übergabe vorbereitet, wird kommen und neue Schwerpunkte setzen. „Es wird gut weitergehen”, ist Herbert May überzeugt.

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