Die Windkraft-Pioniere aus Burgstall | FLZ.de

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Veröffentlicht am 25.11.2023 15:00

Die Windkraft-Pioniere aus Burgstall

Friedrich Kränzlein, Wolfgang Volk und Heinz Engelhardt vor der Tafel, auf der die technischen Details der Bürgerwindkraftanlage beschrieben sind. (Foto: Martina Haas)
Friedrich Kränzlein, Wolfgang Volk und Heinz Engelhardt vor der Tafel, auf der die technischen Details der Bürgerwindkraftanlage beschrieben sind. (Foto: Martina Haas)
Friedrich Kränzlein, Wolfgang Volk und Heinz Engelhardt vor der Tafel, auf der die technischen Details der Bürgerwindkraftanlage beschrieben sind. (Foto: Martina Haas)

Sie waren in Dinkelsbühl Vorreiter: Die Burgstaller, die gemeinsam die erste Windkraftanlage im Stadtgebiet bauten. Seit 2013 drehen sich die Rotorblätter zuverlässig.

Die Idee, im kleinen Dinkelsbühler Stadtteil klimafreundlichen Strom aus Wind zu erzeugen, entstand am Stammtisch im Feuerwehrhaus, erinnert sich heute Friedrich Kränzlein. Er erzählte damals von seiner Idee, in seinem Garten ein Windrad bauen zu wollen. Zu Testzwecken hatte er bereits ein zwölf Meter hohes Holzgerüst aufgestellt, um die Windausbeute abschätzen zu können. „Bau’ doch gleich was G’scheits“, sei die allgemeine Meinung zu dem Thema gewesen.

Gesagt, getan. Kränzlein lud aus den umliegenden Dörfern Menschen zu Informationsveranstaltungen ein. Denn so viel stand von vorneherein fest: Alleine würde er eine knapp 150 Meter hohe Windkraftanlage nicht wuppen können. Und außerdem, so seine Überlegung, würden vielleicht manche Konflikte gar nicht erst entstehen, wenn sich eine richtige Windkraftgemeinschaft bilden würde. Er rührte also mit seinen ersten Mitstreitern, zu denen Heinz Engelhard und Wolfgang Volk gehören, kräftig die Werbetrommel für das Vorhaben. 2011 war das.

Akribische Vorbereitung

Das Projekt wurde von der Burgstaller Initiative akribisch vorbereitet: 2012 eine ganze Reihe von gutachten: Auf den Prüfstand kamen der Schatten, der Schall, der Wind, der Artenschutz und der Boden. Ein Landschaftspflegerischer Begleitplan war ebenfalls Teil der Vorarbeit, die die Burgstaller aus der eigenen Tasche und ohne Gewissheit auf Erfolg finanzierten. Aber immerhin gab es Erkenntnisse, ob eine Genehmigung überhaupt möglich wäre.

Als das alles geprüft war, unterschrieb die Bürgerwindkraft Burgstall UG & Co. KG, die heute 43 Mitglieder hat, den Kaufvertrag bei der Herstellerfirma. Die Verantwortlichen dort staunten nicht schlecht, als ein paar Privatleute aus Mittelfranken eine der Anlagen besichtigen wollten, erinnern sich Kränzlein, Heinz Engelhardt und Wolfgang Volk. „Normalerweise beliefert die Firma Großkonzerne.“


Dann ging die Misere mit den Rotorblättern los.

Friedrich Kränzlein

Das habe aber der guten Zusammenarbeit und dem Service keinen Abbruch getan. „Wir wurden genauso ernst genommen“, meint Kränzlein rückblickend. Um das Windrad aber tatsächlich in die Höhe wachsen zu lassen, bedurfte es einer ganzen Reihe von Genehmigungen. „Dabei hat uns die Stadt Dinkelsbühl und ganz speziell Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer immer vorbildlich unterstützt“, würdigt Kränzlein. Wenn es mal bei der Regierung von Mittelfranken mit dem Verfahren etwas länger gedauert habe, habe der OB dort angerufen. „Denn wir als Privatleute hatten zu dieser Behörde gar keinen richtigen Zugang“, erinnert sich Kränzlein

Im Juli 2013 wurde schließlich der vorzeitige Baubeginn für das Fundament genehmigt, rund einen Monat später für Turm, Gondel und Rotorblätter. Im Oktober 2013 hatte die Windkraftgemeinschaft die endgültige Baugenehmigung auf dem Tisch. „Am 24. Oktober 2013 wurde unser Windrad an das 20kV-Netz der N-Ergie geschaltet“, berichtet Kränzlein.

„Aber dann ging die Misere mit den Rotorblättern los“, erzählt er weiter. „Nach nur eineinhalbjähriger Laufzeit.“ Im April 2015 stand die Anlage für rund eine Woche still. Neue Rotorblätter wurden damals angebaut, weil die ursprünglichen nicht optimal gefertigt gewesen seien. „Sie waren einfach zu laut, wenn sie sich drehten.“

Und dann, ab Februar 2017, folgte eine fast halbjährige Flaute in Burgstall, aber nicht, weil der Wind nicht mehr wehte. Die Rotorblätter waren erneut defekt: Bei Routineuntersuchungen waren Risse in den neu angebauten Rotorblättern festgestellt worden. Der Blatthersteller musste Konstruktionsfehler an den Blättern eingestehen.

Die Burgstaller hatten aber Glück im Unglück: „Der Ertragsausfall wurde uns erstattet, außerdem wurden neue Blätter geliefert.“ Zu den Gründen des langen Stillstands erklärt Kränzlein, dass der chinesische Blatthersteller die Produktionsanlage für die Blätter mit einer Länge von 55 Metern nach Deutschland verlagerte. „Wir waren nicht die einzigen Windradbetreiber in Europa, die mit den falsch konstruierten und gefertigten Blättern Probleme hatten.“ Als die Produktionsanlage in Nordhausen in Thüringen endlich in Betrieb gegangen sei, wollten die Burgstaller auf keinen Fall die ersten fertigen Blätter von dort haben. „Dies hat dann die Stillstandszeit auch geringfügig verlängert.“

Rund ein Jahr später gab es den nächsten Defekt: ein Generatorschaden. Dazu erklären die Windkraftbetreiber, dass am drehbaren Ringgenerator, der 48 Tonnen wiegt, der Rotor mit den Blättern montiert ist. Das Gesamtgewicht summiert sich so auf über 70 Tonnen. „Diese große Belastung hat im Stillstand die Lagerung des Generators beschädigt“, erläutert Kränzlein.

Trotz dieser technischen Probleme sind die heute 44 Burgstallerinnen und Burgstaller als Teilhaber der „Bürgerwindkraft Burgstall UG & Co. KG“ mit ihrem Windrad mehr als zufrieden. Gemeinsam haben sie knapp 1,2 Millionen Euro an Eigenmitteln investiert. Die Gesamtinvestition betrug rund 3,1 Millionen Euro.

Geerntet wird auch, im Durchschnitt rund 4,2 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr. „Wenn man berücksichtigt, dass ein Haushalt rund 4600 kWh pro Jahr verbraucht, dann reicht unser erzeugter Strom für gut 900 Haushalte“, setzt Friedrich Kränzlein den Ertrag in Relation.

Aber es gab auch kritische Stimmen im Vorfeld, räumt er ein. Da ging es um die Geräusche, die sich zwar durch den zweiten Rotorsatz vermindert hätten. „Trotzdem ist bei kräftigem Wind der Rotor in den umliegenden Dörfern zu hören“, stellt Kränzlein fest. Deshalb gelte allen Menschen im Umkreis Dank für deren Toleranz für die Bürgerwindkraft. „Besonders bei denen, die nicht Mitglied bei uns sind“, sagt er.

Problematischer Schattenwurf

Auch der Schattenwurf sei ein „sehr kritischer Punkt, der bei uns jeweils im Frühjahr und im Herbst für ein paar Wochen zum Tragen kommt“. Die Problematik sei der Projektgruppe erst so richtig bewusst geworden, als ein Tierhalter aus Oberradach sie diesbezüglich angesprochen habe: „Er schilderte uns, wie seine im Stall gehaltenen Puten nahezu ,durchdrehten‘, als der Schattenschlag unseres Windrades über die Fenster seines Stalles hinweg ging“, erinnert sich Kränzlein

Deshalb gibt es jetzt ein System, mit dem das Windrad abgeschaltet wird, bevor der Schattenschlag auf eine Gebäudewand in den angrenzenden Ortschaften Oberradach, Rothof und Burgstall auftritt. Die Anwesen, die vom Schattenwurf beeinträchtigt werden würden, wurden GPS-mäßig erfasst. Diese Daten werden von der Abschalteinrichtung zusammen mit dem auf die Minute genau berechneten Verlauf der Sonne verrechnet. „Dies führt dann zum sehr präzisen Abschalten des Windrades, bevor der Schattenschlag auf eine Hauswand auftrifft“, erläutert Kränzlein die Technik.

Finanzierbar war die Windkraftanlage für die private Gruppe auch deshalb, weil bei der Inbetriebnahme vor zehn Jahren über das EEG-Gesetz eine fest definierte Einspeisevergütung für die Dauer von 20 Jahren zugesagt worden war. Mit dieser Sicherheit ließ sich für die Bürgerwindkraft der wirtschaftliche Verlauf des Projektes kalkulieren. „Wenn wir in den weiteren Jahren unsere durchschnittliche Einspeiseleistung beibehalten können, dann können wir und unsere Mitglieder weiterhin zufrieden sein“, ist Kränzlein überzeugt. Aber es ging ja bei dem Projekt nicht nur um den Ertrag, erinnern sich Kränzlein, Volk und Engelhard. „Es ging auch um unser grünes Gewissen.“

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