Klaus Riedels Angehörige waren zwar nicht selbst betroffen von den Luftangriffen auf Ansbach vor 80 Jahren. Aber der Bau seines Elternhauses stand im Zusammenhang mit einem Opfer der Bomben – mit der Tochter der Nachbarn. Klaus Riedel erzählt, was er über das Schicksal der einstigen Nachbarsfamilie erfahren hat und warum ihn das Thema beschäftigt.
„Ich bin 1962 geboren und wuchs in der Bocksbergsiedlung in einem im selben Jahr gebauten Haus auf. Meine Eltern und meine ältere Schwester hatten bis dahin – auch in der Bocksbergsiedlung – in höchst beengten Verhältnissen gelebt: zwei kleine Zimmer, WC- und Küchenmitbenutzung im Elternhaus meines Vaters, das noch aus den 30er-Jahren stammte.
Freie Mietwohnungen gab es damals nicht. So suchten meine Eltern händeringend nach einem Bauplatz. Sie wurden fündig in der Nachbarschaft bei einem Ehepaar, das gegenüber in einem Haus lebte, das auch aus den 30ern stammte.
Die Nachbarn waren bereit, einen Teil ihres Gartens zu verkaufen, weil sie keine Erben mehr hatten. Ein Sohn war im Krieg und 17 Jahre nach Kriegsende immer noch in der Sowjetunion vermisst. Und eine Tochter war an jenem 22. Februar 1945 beim Bombenangriff auf Ansbach ums Leben gekommen.
Ihr Tod war besonders tragisch, weil sie, wäre sie an dem Tag zu Hause geblieben, keinen Schaden genommen hätte. Am Bocksberg waren keine Bomben gefallen. An dem Tag aber machte sie einen Besuch bei Bekannten in der damaligen Julius-Streicher-Straße, jetzt Bischof-Meiser-Straße. Bei dem Bombenangriff wurde sie verschüttet.
Am Tag darauf machte sich der Vater dann auf, nach seiner Tochter zu suchen. Und tatsächlich, nach einigem Graben in den Trümmern ragte eine Hand aus dem Schutt, an dem er die Armbanduhr seiner Tochter erkannte.
Nun gab es erneut Bombenalarm. Der zweite Bombenangriff war im Anflug. Der Vater musste seine Bergungsarbeit unterbrechen. Mit anderen Menschen, die wie er in den Trümmern gesucht hatten, rannte er in den nahen Hofgarten. Obwohl dort auch zahlreiche Bomben niedergingen, überlebte er den Angriff unverletzt. Als er danach wieder an das Haus kam, ragte der Arm immer noch aus dem Schutt, aber ohne Uhr.
Für mich ist die Geschichte nicht nur bitter, weil sich jemand inmitten der Not an der Leiche der Kriegsgetöteten bereichert hatte. Ich musste auch oft daran denken, wo ich wohl aufgewachsen wäre, wenn die Tochter nicht im Bombenhagel gestorben wäre. Von ihrem Garten hätten die Nachbarn meiner Eltern dann sicher alles für ihre Tochter behalten und nichts an meine Eltern verkauft.“
Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Geschichte Ihrer Angehörigen, die vor 80 Jahren Opfer der Bomben wurden, erzählen möchten, können Sie sich bei der FLZ melden: per E-Mail unter redaktion@flz.de, telefonisch unter 0981/9500224 oder per Post unter FLZ, Redaktion, Nürnberger Straße 9–17, 91522 Ansbach.