Ansbacherin wird 100 Jahre alt: „Wir haben uns einfach in den Zug gesetzt” | FLZ.de

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Veröffentlicht am 05.07.2026 17:21

Ansbacherin wird 100 Jahre alt: „Wir haben uns einfach in den Zug gesetzt”

Else Jotz wird am 6. Juli 100 Jahre alt. Sie wünscht sich für das neue Lebensjahr Gesundheit. (Foto: Irmeli Pohl)
Else Jotz wird am 6. Juli 100 Jahre alt. Sie wünscht sich für das neue Lebensjahr Gesundheit. (Foto: Irmeli Pohl)
Else Jotz wird am 6. Juli 100 Jahre alt. Sie wünscht sich für das neue Lebensjahr Gesundheit. (Foto: Irmeli Pohl)

Eine Hochzeitsreise nach Jugoslawien auf dem Motorrad, zahlreiche Ausflüge mit der Bahn und die letzte große Reise mit 90 in die USA: Else Jotz kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Sie wird am 6. Juli 100 Jahre alt.

„Wir haben uns einfach in den Zug gesetzt und sind abgerauscht.” Else Jotz sitzt in ihrem Zimmer im Seniorenzentrum Hospital in Ansbach. Die weißen Haare sind nach hinten gekämmt, werden von einem schwarzen Haarreif gehalten. Die Arme liegen zu ihren Seiten, eine Decke wärmt ihre Beine. „Jetzt sitz ich halt daheim”, fügt sie hinzu.

Seit eineinhalb Jahren ist sie nun hier, aktuell eingeschränkt, weil sie sich beide Arme gebrochen hat. Ihre Tochter Lydia Heinlein steht neben ihr. Sie besucht ihre Mutter dreimal am Tag. Wenn sie über das Reisen spricht, über die Zeit mit ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem geliebten Garten, huscht ein Lächeln über Jotz' Gesicht.

„Meine Mutter und mein Vater sind mit einer 52er BMW nach Jugoslawien gefahren”, weiß Lydia Heinlein. Die selbst genähte Motorradjacke und den Helm habe sie bis heute aufgehoben. „Das ist so lang her”, sagt Else Jotz. Die Leidenschaft fürs Reisen verband die Eheleute – Jugoslawien war ihre Hochzeitsreise.

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Liebe auf dem Bahnsteig

Kennengelernt hatte Jotz ihren Mann am Bahnhof in Oberdachstetten. „Das war schön und zu dieser Zeit eine Seltenheit”, erinnert sie sich, ihre Augen funkeln. In Oberdachstetten war sie, nachdem sie lange Jahre in Nürnberg gelebt hatte, in das Elternhaus gezogen – und pendelte täglich nach Burgbernheim, wo sie als Lohnbuchhalterin arbeitete.

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Reisen war zur damaligen Zeit etwas Besonderes: „Man ist damals nicht planlos durch die Gegend gefahren”, weiß Jotz. Viele Menschen hätten sich das schlichtweg nicht leisten können, vermuten Mutter und Tochter. Die Arbeit des Vaters war ihr Glück: Er bekam jährlich ein Freifahrtticket mit vier kostenlosen Fahrten.

So konnten zunächst die Eheleute, später auch die kleine Familie, gemeinsame Reisen unternehmen. „Wir sind immer mit der Bahn gefahren”, erzählt Heinlein. Sie erinnert sich daran, wie die Familie mit dem Zug nach Sizilien fuhr und sie auf dem Koffer einschlief.

Nach Sizilien und bis zum Nordkap

Die Familie reiste nach Sylt, Bad Tölz, Berlin, München und sogar zum Nordkap. Was ihre Lieblingsreise war? Else Jotz lacht und schaut in die Ferne. Heinlein: „Wir sind 17 Jahre lang immer nach Travemünde gefahren.” An die See, zu der der Vater einen großen Draht gehabt habe.

In Oberdachstetten baute die Familie ein Haus mit großem Garten. Dort zog Else Jotz ihre beiden Töchter groß. Ab der Geburt der Kinder blieb sie zuhause. Ihre Leidenschaft war neben dem Gärtnern auch das Nähen. Sie brachte sich alles selbst bei und nähte nach Schnittmuster aus großen Modezeitschriften.

„Einmal hat mir meine Mutter einen Wickelrock genäht. Das war mein Spickrock”, erinnert sich Heinlein. In dem umgeschlagenen Futter bewahrte sie kleine Zettel auf. „Davon wusste meine Mutter natürlich nichts.”

Landarzt Dr. Georg Deichhardt, Landarzt aus Ipsheim und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, ist getroffen von dem Misstrauen, dass die Bundesregierung seinem Berufsstand entgegenbringt.  (Foto: Pat Lauer)
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Ein Garten wie ein Paradies

Im Garten baute Jotz alles selbst an. „Auch heute sagen die Leute noch: Mutters Garten war ein Paradies”, sagt Heinlein lachend. Als ihr Mann 1994 an Demenz erkrankte, pflegte Else Jotz ihn sechs Jahre lang aufopferungsvoll. Diese Zeit sei schwer gewesen, sagt Tochter Lydia Heinlein. Auch nach dem Tod ihres Mannes reiste Else Jotz weiter. „Wo man sich denken kann, ist sie hingefahren”, erzählt ihre Tochter.

Mit 90 trat sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder Herrmann ihre letzte große Reise nach Amerika an, es war ihre zweite USA-Reise. Zuvor gab der Arzt grünes Licht. Das dritte Mal Amerika habe sie ihr verboten, gibt Heinlein zu. Denn: „Das hätte sie schon noch im Kopf gehabt.”

Gegen 22 Uhr feierten die US-Garnison und ihre Freunde den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten mit einem großen Feuerwerk. (Foto: US-Garnison Ansbach/Jonathan Bell)
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Bis sie 98 Jahre alt war, lebte Jotz noch in ihrem Haus in Oberdachstetten, hatte selbst den Garten noch „top in Schuss”. Und heute? Heute fragt Heinlein ihre Mutter immer noch nach Tipps für den Garten. „Das weiß sie alles noch.”

In jüngster Zeit habe ihre Mutter den Wunsch geäußert, dass sie nicht mehr leben möchte. Heinlein entgegnete: „Wen frage ich denn dann, wie ich die Birnen einwecken muss oder Marmelade machen?” Die Antwort von Else Jotz: „Was du jetzt nicht gelernt hast, das lernst du sowieso nicht mehr.”


„Was du jetzt nicht gelernt hast, das lernst du sowieso nicht mehr.”

Else Jotz

Für das 101. Lebensjahr wünscht sich Jotz nur Eines: Gesundheit. „Das ist schon viel wert”, sagt sie. Wegen eines Oberschenkelhalsbruchs kam sie ins Seniorenheim, die beiden gebrochenen Arme zwingen sie derzeit ins Bett.

Ihren 100. Geburtstag feiert Else Jotz im engsten Kreis. Weil sie das Heim nicht verlassen kann, kommen Familie und Freunde zu ihr. Der wichtigste Besucher ist ihr Urenkel Kalle, fünf Jahre alt. „Sie freut sich sehr, dass sie ihn noch kennenlernen durfte”, bemerkt Lydia Heinlein.

„Wie alt wirst du denn?”, fragt Heinlein ihre Mutter. Die legt die Stirn in Falten. „94?”, entgegnet sie fragend. „Mama, du bist 1926 geboren.” Else Jotz lächelt. „Rechnen ist schwer.”


Irmeli Pohl
Irmeli Pohl
Volontärin
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