Michael Severini hat viel aus seinem Leben zu erzählen. Seine Kindheit war geprägt von der Flucht aus seiner Heimat in Siebenbürgen. Vom Zimmerer-Lehrling schaffte er es dann zum Stadtbaumeister von Rothenburg. Am 5. Juni feiert er seinen 90. Geburtstag.
Michael Severini wohnt zusammen mit seiner Frau Giesela auf dem Areal des früheren Zimmerei-Betriebs Hoch & Geldmacher. „Unser Wohnzimmer war die Werkstatt“, verrät er im Gespräch mit der Redaktion. In diesem Betrieb verbrachte er nicht nur seine Lehrzeit und zwei Gesellenjahre, sondern lernte dort mit Gisela Geldmacher auch seine spätere Ehefrau kennen. Beim Großvater und Vater seiner Frau hatte er Zimmermann gelernt.
Im Oktober 1950 begann die Ausbildung. „Es gab zur damaligen Zeit in Rothenburg keine Lehrstellen“, erzählt Severini. Das Einzige, was für ihn blieb, war Zimmermann. Was sich im Nachhinein, wie vieles in seinem Leben, als eine glückliche Fügung herausstellte.
Das Licht der Welt erblickte Michael Severini am 5. Juni 1936 in Lechnitz in Nord-Siebenbürgen. „Ich war anscheinend so ein Schwächling als Kind, dass sie mich am übernächsten Tag notgetauft haben, weil der Großvater gemeint hat, ich würde einen Tag nicht überleben“, erzählt der 90-Jährige.
1944 musste die Familie flüchten. Die Beschreibung der Flucht bis zur Ankunft in Geslau oder wie der Vater die Familie in Oberösterreich fand, wäre Stoff für einen Roman. In Geslau hatte Severini dann wieder eine geregelte Volksschule besuchen können. Mit 14 Jahren verließ er als Klassenbester die Volksschule. Sein drei Jahre älterer Bruder besuchte das Gymnasium, mehr konnte der Vater nicht finanzieren. So kam es zur Lehre.
Zu seiner Arbeitsstelle fuhr er zwölf Kilometer mit dem Fahrrad. Sein Mittagessen bestand aus Margarinebrot und schwarzem Kaffee. Im Sommer kam Obst von den Bäumen am Straßenrand dazu.
In der Zimmerei gefiel es ihm zwar, doch er wollte weiterkommen. In der Altstadt traf er zufällig einen Berufsschulkollegen, einen Maurer, der in Stuttgart ohne Abitur wie er studierte. Diesen Weg schlug er dann auch ein. Er bestand die Aufnahmeprüfung und legte 1961 an der Staatsbauschule, die der württembergische König ins Leben gerufen hatte, das Staatsexamen ab. Danach arbeitete er in einem Architekturbüro.
In der ganzen Zeit hatte er den Kontakt nach Rothenburg nicht verloren und natürlich nicht zu seiner Gisela. 1962 wurde geheiratet. Dann kamen Überlegungen, sich selbstständig zu machen. Er streckte die Fühler wieder gen Rothenburg aus und wandte sich an den damaligen Stadtbaumeister Karl Rahn.
Er schaffte es, ihn zu einer Tätigkeit bei der Stadt zu bewegen. Eigentlich wollte er dort nur ein Jahr bleiben, daraus wurden 35, davon 26 Jahre, von 1973 bis 1999, als Stadtbaumeister. Anschließend war Severini noch sieben Jahre Stadtheimatpfleger. „Ich habe mit Herzblut meine Aufgabe gemacht“, blickt Severini zurück.
Das größte Projekt, an dem er mitwirkte, war das Krankenhaus. Severini erinnert aber zugleich an das Kläranlagenprojekt zuvor und kommt auf den Wiederaufbau zu sprechen, bei dem er ja als Zimmermann auch ein Stück weit dabei war. „Dass der Wiederaufbau so geworden ist, ist zum großen Teil auch den Bürgern und Bürgerinnen zu verdanken, denn die haben sich eingesetzt und haben strenge Vorschriften in der damaligen Zeit eingehalten.“
Während seiner Arbeitszeit habe die Stadt an erster Stelle gestanden, erst dann sei die Familie gekommen, bekennt er. Umso mehr genießt er nun das Zusammensein. Zwei Kinder haben Gisela und Michael Severini. Die Tochter ist leider im vergangenen Jahr gestorben. Der Sohn lebt schon seit 37 Jahren in den USA. Sieben Enkel und zwölf Urenkel gehören zur Familie. Bei der Geburtstagsfeier sind 30 Leute dabei.
Severini hat quasi sein ganzes Leben lang gebaut. Auch daheim. Da wurde das frühere Betriebsgebäude zur Wohnung ausgebaut.
Nach der Pensionierung gab es viele Reisen in die weite Welt. Denn dorthin hatten sie viele Kontakte, da ein Teil der früheren Zimmerei zu einem Gästehaus für Studierende des Goethe-Instituts umgebaut worden war.
Severini blickt auf ein erfülltes Leben. Er ist stolz, eine so große Familie zu haben, die zusammenhält. Und dass zu Weihnachten oder zu speziellen Geburtstagen alle kommen.
Wenn dann Urenkelkinder sagen „Uroma, Uropa, ich habe dich so lieb“, dann ist das „die Medizin, die hilft gegenüber vielen anderen Sachen“. Er freut sich, dass er und seine Frau noch so gut wie alles noch selbst machen. Deshalb wünscht er sich sehr, im nächsten Jahr mit ihr eiserne Hochzeit feiern zu können.