Die Schilf-Glasflügelzikade sieht ganz harmlos aus. Die Einwandererin aus Süd-Frankreich selbst ist auch kein Problem. Allerdings trägt sie gleich zwei Bakterien in sich, die den Zuckerrübenbauern das Leben schwer machen – und nicht mehr nur ihnen.
Im trockenen Jahr 2023 waren die Auswirkungen auf Teile des Landkreises bereits groß: Hauptbetroffen, so der Herrnberchtheimer Bernhard Wolf, der im Beirat des Rings fränkischer Zuckerrübenbauern sitzt, sei die Gegend von Herrnberchtheim bis Oberickelsheim gewesen. „Ein normaler Ertrag liegt bei 80 Tonnen pro Hektar. Letztes Jahr haben wir nur 35 Tonnen geerntet.“ In diesem Jahr dagegen mit den reichlichen Niederschlägen sei der Ertrag wieder hoch, dafür aber der Zuckergehalt sehr gering...
Die beiden unterschiedlichen Effekte werden von zwei Bakterien hervorgerufen, welche die Zikade beim Saugen an den Pflanzen überträgt: Zuerst aufgetreten ist SBR, kurz für Syndrome-Basses-Richesses, auf Deutsch das Syndrom der niedrigen Zuckergehalte, das dieses Jahr die Freude der Landwirte trotz großer Mengen trübt.
Seit kurzem macht sich das zweite Bakterium bemerkbar, das letztes Jahr die Ernte auf weniger als die Hälfte zusammenschmelzen ließ: Stolbur, die sogenannte Gummirübe.
Dr. Stefan Streng, Aufsichtsratsvorsitzender der Südzucker AG und Vorstandsvorsitzender der süddeutschen Zuckerrübenanbauer (dem größten Anteilseigner von Südzucker) erläutert, wie diese entsteht: Das Bakterium bewirkt, dass die Feinwurzeln absterben. Die Rübe kann nicht mehr so viel Wasser aufnehmen und wird gummiartig. Für ganz Mittelfranken spricht Streng von Einbußen in Höhe von etwa 30 Prozent.
Seit drei Jahren sei der Effekt der von der Zikade übertragenen Krankheiten deutlich spürbar. Ob, wie Streng vermutet, das frühere insektizide Beizen des Saatguts die Zikadenpopulation in Grenzen hielten, oder, wie Wolf meint, der Wind die Zikaden immer weiter ostwärts verbreitet – die Schäden sind deutlich sichtbar.
Ein wirksames Mittel dagegen wurde bisher nicht gefunden. „Aber wir investieren immens“, bekräftigt Streng, der selbst in der Saatzucht, allerdings von Getreidesorten, tätig ist. Das Ziel ist es, eine resistente Rübe zu züchten.
Ein anderer Weg besteht darin, die Fruchtfolge zu ändern. Denn die Zikade habe sich bereits so an die Lebensbedingungen angepasst, dass sie kein Grasland mehr braucht. Wird nach der Rübe Winterweizen gesät, dann überwintert sie dort.
In vier Modellregionen von Südzucker, eine davon in Gülchsheim (Gemeinde Hemmersheim), wird experimentiert – zum Beispiel, indem man statt des Winterweizens die Fläche offen liegen lässt, informiert Wolf, bremst aber vorschnelle Hoffnungen. „In der Landwirtschaft braucht man halt immer ein Jahr, bis man mit den Ergebnissen arbeiten kann.“ Laut der Fachzeitschrift „agrar heute“ werden auf den Flächen außerdem Insektizide und Vergrämungsmethoden getestet.
Wolf berichtet, dass viele Landwirte vom Rübenanbau die Nase voll hätten. „Von denen, die ausgestiegen sind, kommen die wenigsten zurück zum Rübenanbau.“ Streng relativiert: Zwar nehme entsprechend dem allgemeinen Strukturwandel in der Landwirtschaft die Zahl der Rübenbauern ab, doch die Fläche bleibe gleich. Doch bei Ertragseinbußen von mehr als der Hälfte, wie zum Beispiel in der Gegend um Heilbronn, gehe es an die Substanz. Der Anbau mache auch nur im Umfeld der Zuckerfabriken Sinn, weil sonst die Transportkosten zu hoch wären.
Es gibt eine weitere negative Meldung, die aus Sicht der Zuckerrübenbauern aber wenigstens eine positive Begleiterscheinung hat: Denn Stolbur hat inzwischen auch die Kartoffeln und das Gemüse erreicht. So schlimm das ist, so erwarten die Betroffenen, dass dadurch auch der Druck auf die Politik, die Verbände und die Wissenschaft steigt, etwas zu tun. Streng verzeichnet eine gestiegene Aufmerksamkeit für das Thema: Davon erhofft er sich zum Beispiel eine schnellere Notfallzulassung, wenn ein geeignetes Insektizid gefunden würde. Auch die Forderungen nach einer Mindestbodenbedeckung seien bei der Bekämpfung der Zikade kontraproduktiv.