Japanische und kanadische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten in einer Studie von 2001 nachweisen, dass sich Kühe menschliche Gesichter merken können. Nach dem Schaumelken anlässlich des Testlaufs für den Bundeswettbewerb Melken Triesdorf könnte man eine Frage stellen: Wie viele pro Tag?
An drei verschiedenen Stationen zeigten neun angehende Landwirtinnen und Landwirte, dass sie nicht nur von Hand melken, sondern auch mit dem Melkroboter umgehen können. Bei der Tierwohlanalyse sollten sie außerdem zeigen, dass sie auch ein Auge für die Gesundheit der Wiederkäuer haben.
Der Bundesmelkwettbewerb ist eine freiwillige Veranstaltung, bei der der Nachwuchs der Milchviehhaltung sein Talent unter Beweis stellen und vor allem miteinander in den Austausch kommen kann. Der Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt. Dieses Jahr diente das Milchgewinnungszentrum der Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf als Schauplatz.
Für den Freistaat Bayern packte Linda Zeh aus dem Feuchtwangener Gemeindeteil Heilbronn die Euter an. Die 19-Jährige ist auf einem Milchviehbetrieb in Heilbronn aufgewachsen und ist im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung. Für den Wettbewerb habe sie sich extra vorbereitet, da sie sowohl zu Hause als auch bei ihrem Lehrbetrieb nur mit dem Melkroboter arbeite und deshalb wenig Übung im Melken von Hand habe. Bis auf ein paar hygienische Kleinigkeiten meisterte sie die Melkprüfung mit Bravour. Für die Kuhliebhaberin steht aber etwas ganz Anderes als die Wettbewerbsleistung im Vordergrund: „Es ist einfach eine Gaudi und es macht Spaß, sich mit Leuten aus ganz anderen Bundesländern auszutauschen.“
Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Rheinland-Pfalz … Sowohl Prüfende als auch Prüflinge haben einen weiten Weg auf sich genommen, um sich in der Kunst der Kuhverführung zu üben. Manche der jungen Landwirtinnen und Landwirte sind selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, andere haben sich in den Sommerferien in die Arbeit mit Tieren verliebt.
Im Fall Linda Zehs sind die Kühe zwar schon Begleiter seit Kindesbeinen an. Dass sie eines Tages selbst Landwirtin wird, war trotzdem nicht immer klar. „Ich wollte von Grundschullehrerin bis Zoowärterin schon alles werden“, sagt sie mit breitem Lächeln im Gesicht.
Dass Landwirtschaft vermutlich die richtige Entscheidung war, merkt man im Gespräch mit der Wettbewerbskonkurrenz. Amüsiert scherzen die jungen Erwachsenen über die Unterschiede der „dicken“, braun gefleckten Kühe Bayerns zu den schwarz gemusterten, eher mageren Artgenossen in den nördlicheren Bundesländern. Linda Zeh fasziniert es außerdem, dass die Kolleginnen und Kollegen aus dem Rest der Republik den Ausdruck „Küchle“ für das typisch fränkische Kirchweih-Gebäck nicht kennen.
Obwohl Zeh bewusst ist, dass Herausforderungen auf sie zukommen, blickt sie zuversichtlich in ihre Zukunft: „Die Frage, ob sich das irgendwann vielleicht nicht mehr rentiert, stellt sich schon, aber das schreckt mich nicht ab.“ Auch, dass sie einen vollgepackten Alltag hat, stört die 19-Jährige nicht. „Rumsitzen ist sowieso nichts für mich“, meint sie schulterzuckend. Ihr Plan ist, nach der Ausbildung den Meistertitel zu erlangen, die höhere Landbauschule abzuschließen und dann den elterlichen Betrieb zu übernehmen.
Aktuell arbeitet sie am Wochenende zu Hause mit. Auch ihr 15 Jahre alter Bruder und ihre große Schwester, die Grundschullehramt studiert, helfen mit. Linda Zeh findet, dass nicht nur jede Hand, sondern auch jeder Rat Gold wert ist: „Ich würde alle Landwirte ermutigen, sich bei Problemen untereinander auszutauschen.“
Dieser Austausch könnte auch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Bundesmelkwettbewerbs erhalten bleiben. „Wir haben eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe, über die wir hoffentlich in Kontakt bleiben“, sagt Linda Zeh. Somit kommt es vielleicht weniger darauf an, wen die Kühe wiedererkennen, sondern darauf, dass die Menschen sich nicht aus den Augen verlieren.